Sieben junge Turmfalken werden gerade im Ippesheimer Ortsteil Herrnberchtheim flügge. Bei Familie Kehrbein haben sie keinen Turm als Brutplatz, aber dafür einen selbst gebauten Nistkasten an der Hauswand, in dem sie sich offenkundig wohlfühlen.
Das ist schon das vierte Jahr in Folge, dass die Turmfalken bei den Kehrbeins ihre Kinderstube einrichten, aber sieben Junge gab es noch nie. Den Nistkasten hat Bernd Kehrbein nach einer Anleitung aus dem Internet selbst gebaut und hoch an der Hauswand angebracht. Zwar wurde auch er nicht sofort bezogen, seit der Erstbrut aber kontinuierlich.
Kehrbein, der mit seiner Frau seit 30 Jahren in Herrnberchtheim wohnt, hat auch zahlreiche weitere Nistkästen und Vogelhäuschen geschreinert, einen Kasten für Fledermäuse hängt an derselben Hauswand. Der ist allerdings leer. „Manche Behausungen werden angenommen, manche nicht“, sagt er achselzuckend. Ein Rotschwänzchen wählte zum Beispiel lieber den Briefkasten als Nistplatz.
Er und seine Frau Hannelore sind nicht im Bund Naturschutz oder im Landesbund für Vogelschutz aktiv. Das meiste Wissen haben sie sich durch Beobachtung und Internetrecherche angeeignet. Sie haben ein offenes Auge für ihre Umwelt. „Da merkt man, dass es immer weniger Räume für die Tierwelt gibt“, erzählt Bernd Kehrbein. „Die Zahl der Vögel nimmt ab“, hat Hannelore Kehrbein registriert. So baute Bernd Kehrbein die ersten Nisthilfen. Turmfalken, so erzählen die beiden, bauen keine Nester. Entweder beziehen sie verlassene Elstern- oder Krähennestern oder sie brüten in Nischen alter Gebäude.
Auch Vogelexperte Erwin Taube aus Ipsheim ist beeindruckt: „Es ist ganz toll, wenn Hausbesitzer Nistkästen haben und die Turmfalken tolerieren“, sagt er. Zwar sei der Turmfalke der zweithäufigste Raubvogel in der Umgebung – nach dem Mäusebussard. Aber ihm gegenüber haben schon Leute beklagt, dass sie in letzter Zeit gar keine mehr gesehen hätten, berichtet Taube.
Die Kehrbeins gehen davon aus, dass die Größe des Geleges der Futtersituation angepasst wird. Die Falkin legt ein Ei nach dem anderen und rollt diese hin und her, bevor sie mit dem Brüten beginnt.
„Sieben Jungvögel, das ist wirklich etwas ganz Besonderes“, sagt Taube. Normal seien drei oder vier, fünf seien schon gut. Das bestätigt den Eindruck, den er schon zuvor hatte: dass nach ein paar Jahren mit relativ wenigen Mäusen seit diesem Jahr deren Population wieder ansteigen könnte. Zum Wohl der Vögel, auf deren Speisezettel sie stehen. Taube nennt Schleiereulen, die sich ausschließlich von Mäusen ernähren. Die Turmfalken bevorzugen sie ebenfalls. Wenn sie nach ihnen suchen, dann stehen sie in der Luft und „rütteln“ mit schnellem Flügelschlag – ein charakteristisches Merkmal, das ihnen manchmal sogar den Namen Rüttelfalken einbringt.
Wenn es nicht genügend Mäuse gibt, jagen die Turmfalken dagegen auch schon mal kleinere Vögel. Doch in diesem Jahr scheint die Natur den Tisch für die Großfamilie der Turmfalken reich mit der Leibspeise gedeckt zu haben, jedenfalls herrschte im Spatzennest nebenan keine Aufregung wegen der räuberischen Nachbarn.
Da die Vögel nicht beringt sind, wissen die Kehrbeins es natürlich nicht sicher – sie haben aber den Eindruck, dass sich immer das gleiche Pärchen bei ihnen einnistet. „Wir haben zumindest das Gefühl, als ob sie uns schon kennen würden“, sagt Bernd Kehrbein. Wenn er oder seine Frau am Haus vorbeilaufen, bleiben die Altvögel schon ruhig auf dem Dach sitzen. Mit dem Selfiestick aus dem Badfenster können die Beiden das Treiben im Nistkasten gut mitverfolgen.
Hannelore Kehrbein legt jedes Jahr ein Album für die Vogelfamilie an. Da sieht man den Nachwuchs dann zunächst noch vom Babyflaum bedeckt bis sich allmählich das Federkleid herausbildet, das dem der Eltern ähnelt. Sie interessiert sich auch für Insekten und hat tolle Aufnahmen auf ihrem Handy, zum Beispiel von trinkenden Bienen. „Da braucht man schon ein bisschen Geduld.“
In den vergangenen Tagen sind die Jungen auch bereits flügge geworden. Sie kehren aber immer noch mal in den Nistkasten zurück. Die Kehrbeins beobachten, wie ihre Eltern ihnen das Jagen beibringen. Wenn sie das beherrschen, dann gehen – oder fliegen – sie endgültig ihrer eigenen Wege.
Wer ebenfalls Turmfalken-Nistkästen anbieten will, den verweist Taube auf die Bauanleitungen im Internet. Seiner Erfahrung nach hat es sich bewährt, dass die Vorderfront dabei nicht ganz offen ist. Aufgehängt werden sollten die Kästen möglichst hoch an der Hauswand.