Ein wenig abgehetzt kommt Mackie Heilmann zum Interviewtermin: Ihre Tochter ist für eine Woche zu Besuch. Deswegen musste sie noch schnell in ein größeres Zimmer umziehen. „Das habe ich ein bisschen unterschätzt“, meint die Schauspielerin mit einem kleinen Schmunzeln.
Mackie Heilmann ist derzeit in der Rolle der Sophie im Lustspiel „Der doppelte Diebstahl“ im Toppler Theater zu sehen. Eine gefühlsechte und selbstbewusste Sophie, die am Ende die Nase voll hat von den Männern und emanzipiert von der Bühne geht. Nicht als Opfer.
„Friede, Freude, Eierkuchen“ wie in Johann Wolfgang von Goethes Original „Die Mitschuldigen“ – „ein solches Ende hätte heute nicht mehr gepasst“, findet die Schauspielerin. „Daran haben wir lange gearbeitet.“ Wir, das sind neben dem Regisseur Tobias Rott die drei Männer, die mit ihr auf der Bühne stehen: Daniel Dietrich als ihr Ehemann und Nichtsnutz Söller, Stefan Gossler als ihr Vater und Wirt und Daniel Breitfelder als Alceste. Mit ihm verband Sophie in der Vergangenheit eine Liebesbeziehung, jetzt ist er als Gast in das Wirtshaus der Familie zurückgekehrt.
Man muss ihre Gefühle verstehen und für sie kämpfen.
Für seine Figur muss man immer das größtmögliche Verständnis aufbringen, sagt Mackie Heilmann. „Man muss ihre Gefühle verstehen und für sie kämpfen.“ Warum hat Sophie den Söller geheiratet, mit dem sie offensichtlich unglücklich ist? Weil Alceste ging und ihr Ruf sonst ruiniert gewesen wäre? Oder weil einfach jemand geheiratet werden musste? „Das herauszufinden war ein spannender Weg.“ Die Schauspieler konnten bei der Inszenierung viele Ideen einbringen. „Ob das möglich ist, hängt vom Regisseur ab. Hier war es möglich.“
Den Regisseur Tobias Rott kennt Mackie Heilmann schon seit vielen Jahren. „Tobias wollte schon immer den Goethe hier in Rothenburg spielen“ und dabei hat er schon immer Mackie Heilmann in der Rolle der schönen Sophie gesehen. „So hat er es zumindest gesagt“, fügt sie mit einem Augenzwinkern hinzu.
Die 45-Jährige findet das nicht nur deshalb bemerkenswert, „weil ich schließlich kein junges Mädchen mehr bin“. Auch ihre Figur entspreche nicht dem gängigen Schlankheitsideal. „Fruchtig“ hat sie eine Kollegin einmal genannt – das spiegelt ihr Strahlen und ihre Präsenz treffend wider.
Und dennoch wird sie immer wieder mit negativen Kommentaren zu ihrem Körper konfrontiert. Erst kürzlich habe sie ein völlig Fremder in ihrer Heimatstadt Berlin mitten auf der Straße beschimpft, erzählt sie. Ohne Anlass. Mackie Heilmann stellte ihn zur Rede. Wie man im Nachhinein richtig damit umgeht, findet sie jedoch schwierig. Einfach hinnehmen? „Dann ändert sich nichts.“ In der Öffentlichkeit diskutieren? „Dann begibt man sich in die Position des Opfers.“ Und mit dieser Rolle kann die Schauspielerin – genau wie ihre Sophie – so gar nichts anfangen. Die Lösung ist noch offen.
Mackie Heilmann – ihr Vorname stammt übrigens von der Figur „Mackie Messer“ aus Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“ – steht schon seit vielen Jahren sowohl auf der Bühne als auch vor der Kamera. 2003 war sie zum Beispiel bei der Kinderserie „Schloss Einstein“ dabei. In der SAT1-Serie „Weibsbilder“ hatte sie eine der drei Hauptrollen, von 2012 bis 2019 spielte sie die Hexe Elsebö in der Serie „Siebenstein“.
Auch die Liste der Theaterrollen ist lang. Heilmann arbeitete schon mit Doris Dörrie zusammen: 2001 bei „Così fan tutte“ in Berlin. Und auch mit Katja Wolff verbindet sie eine ganze Reihe an Produktionen: „Shoppen“ zum Beispiel oder der Psycho-Thriller „Falsche Schlange“ unter der Regie von Gerrit Kling, der sie 2017 erstmals nach Rothenburg brachte. Damals war sie schwanger, behielt das jedoch für sich. Aus Angst vor den Reaktionen oder sogar Nachteilen. „Das würde ich heute anders machen.“ Auch wenn sie es als Mutter nicht immer einfach hatte – vor allem beim Fernsehen. „Bei einigen Produktionen durfte meine Tochter nicht mit ans Set“, das bedeute jedes Mal einen großen Organisationsaufwand.
Die Schauspielerei ist Mackie Heilmanns „hundertprozentiger Traumberuf“. Trotzdem hat sie sich ein zweites Standbein aufgebaut: Sie ließ sich zur Trau- und Trauerrednerin ausbilden. Dafür ist auch die Corona-Pandemie verantwortlich „Blöd, wenn man merkt, dass man als nicht relevant für das System und die Gesellschaft eingestuft wird“, meint sie. „Das möchte ich nicht noch mal erleben.“ Jetzt weiß sie: „Ich kann noch etwas anderes.“
Auch wenn Hochzeiten und Beerdigungen ganz unterschiedliche Situationen sind, haben sie doch eines gemeinsam, findet Mackie Heilmann: „Beide haben mit Liebe zu tun.“ Sie hat selbst einmal eine „richtig schlechte Trauerrede“ erlebt. Damals sei die Idee entstanden, es besser zu machen. Eine Trauerrede hat zwar einen traurigen Anlass. „Aber man kann trotzdem etwas Schönes mitgeben, um sich gut zu verabschieden.“ Die Schauspielerfahrung helfe ihr bei dieser Aufgabe: „Man hat ja auch eine Art Publikum.“
Bis Mitte Juli allerdings steht erst mal das Theaterpublikum im Fokus. Bis Samstag, 15. Juli, ist Mackie Heilmann täglich ab 20 Uhr als Sophie in „Der doppelte Diebstahl“ zu sehen. Bis dahin genießt sie Rothenburg – und den Besuch der Tochter.