Mehr Klassenzimmer, weniger Hörsaal - die Ausbildung von Lehrkräften in Bayern soll reformiert werden. Vor allem die praktische Ausbildung an den Schulen soll von Beginn an gestärkt werden, geht aus einem Masterplan hervor, den das Kultus- und das Wissenschaftsministerium mit einem Expertengremium entwickelt haben. Das Ziel: den Lehrberuf attraktiver, praxisnäher und fit für die Zukunft machen. Hier eine Auswahl wichtiger Punkte, die ab dem Wintersemester 2029/2030 voll greifen sollen.
Die übers Studium verteilten Praktika würden in einem „Praxisjahr intensiv“ zusammengefasst, sagt Kultusministerin Anna Stolz (Freie Wähler). Während der Semesterferien sollen die Studierenden blockweise jeden Tag in der Schule sein, während des Semesters einen Tag pro Woche - ein Schuljahr lang, eng begleitet durch Universität und spezielle Praktikumslehrkräfte. „Mehr Praxis heißt nicht einfach: früher vor die Klasse. Es heißt: selbst unterrichten, Rückmeldung bekommen, reflektieren – und mit jedem Mal sicherer werden“, sagt Stolz. Lehrkräfte vermittelten schließlich nicht nur Wissen. „Sie wecken Neugier, entdecken Talente und geben Orientierung.“
Der Bayerische Philologenverband (bpv) verbindet dies aber mit einem Wunsch bezogen auf die fachliche Begleitung der Studierenden im Praxisjahr: „Wenn dies durch die Lehrkräfte an den Schulen erfolgen soll, müssen diese auch entsprechend fortgebildet und zeitlich entlastet werden“.
Das Praxisjahr soll Studierende also besser auf die Realität im Klassenzimmer vorbereiten, was nach Meinung von Experten bislang zu kurz kommt. „Die sind oft lost und denken sich dann nach ein paar Semestern, huch, da sitzen Kinder, ich kann das gar nicht“, sagt Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV). Das „Praxisjahr intensiv“ sei darauf „genau die richtige Antwort“. Wissenschaftsminister Markus Blume (CSU) sieht einen weiteren Vorteil: Eine frühzeitige Antwort auf die Frage „ob es taugt oder nicht“ mit dem Lehrerjob.
Darunter sind Fähigkeiten zu verstehen, die gute Lehrkräfte beherrschen sollten. Wie erkläre ich im Unterricht? Wie gebe ich Feedback? Wie beurteile ich Lernfortschritte der Kinder? Diese Kompetenzen wolle man im Studium stärken, sagt Stolz. Eine gute Lehrkraft müsse ihr Wissen in guten Unterricht übersetzen, die Klasse führen und motivieren können. Hierzu werde es Modellversuche an ausgewählten Hochschulstandorten geben, unter Einbeziehung des Vorbereitungsdienstes.
Die Schulkinder sind oft sehr unterschiedlich, etwa vom Lerntempo oder von den Leistungen. Zudem nehme die Zahl der Verhaltensauffälligkeiten zu, so Scholz und Blume. Eine Rolle spiele auch übermäßiger Medienkonsum, der sich auf die Konzentrations- und Lernfähigkeit junger Menschen auswirke. Angehende Lehrkräfte sollen nun besser im Umgang mit solchen Problemen geschult werden. Mehr Vorbereitung soll es auch für Schlüsselthemen geben wie Demokratiebildung und den Einsatz von Künstlicher Intelligenz. So ist laut Blume ein Modellstudiengang zu Ethik und Künstlicher Intelligenz geplant, Ethics and AI.
Eine wichtige Rolle spielt auch der Schutz von Lehrkräften vor psychischen Belastungen bis hin zum Burn Out. Ein Thema, bei dem Angebote laut Kultusministerin Stolz bereits jetzt nach und nach umgesetzt werden sollen, etwa mit Seminaren für Referendare zum Thema Gesundheit.
Um das Studium zu entzerren, soll es ein zusätzliches Praxis- und Prüfungssemester geben. Damit wolle man der Realität Rechnung tragen, dass die Regelstudienzeit in den meisten Fällen ohnehin überschritten werde, sagte Blume. Mit dem zusätzlichen Semester bleibe dann auch der Anspruch auf Bafög bestehen. Auch bei den Prüfungen tut sich einiges. So sei der Wegfall der schriftlichen Hausarbeit in der Zweiten Staatsprüfung geplant, erklärte der Minister. Und die Unterrichtspraxis soll stärker berücksichtigt werden. Die bisherige Art der Prüfungen findet BLLV-Präsidentin Fleischmann veraltet: „Die jungen Leute werden geprüft nach den Vorgaben des 19. Jahrhunderts, sollen aber im 21. Jahrhundert unterrichten“. Diese Lücke wolle man nun schließen.
Beide Ministerien rechnen damit, dass jeweils etwas mehr als 50 Stellen notwendig sind, „um dieses Mehr an Qualität und Betreuung zu leisten“. Darauf pocht auch der Bayerische Realschullehrerverband (brlv). „Die geplanten Veränderungen sind zeit- und vor allem personalintensiv. Ob sie tatsächlich zu einer besseren Ausbildung führen, wird deshalb wesentlich davon abhängen, welche zusätzlichen personellen und finanziellen Ressourcen der Freistaat dafür bereitstellt. Ohne wird es nicht funktionieren und da werden wir ganz genau hinschauen“, sagt der Vorsitzende Ulrich Babl.
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