Programmierer am Werk: Herrnberchtheim hat eine besondere Glockensteuerung | FLZ.de

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Veröffentlicht am 08.01.2026 10:18

Programmierer am Werk: Herrnberchtheim hat eine besondere Glockensteuerung

 Drei Glocken hängen im Kirchturm der Herrnberchtheimer Kirche. Das ist die älteste Glocke von 1508. Auch sie wird mittlerweile durch die moderne Steuerung zum Schwingen gebracht. (Foto: Andreas Zobel)
Drei Glocken hängen im Kirchturm der Herrnberchtheimer Kirche. Das ist die älteste Glocke von 1508. Auch sie wird mittlerweile durch die moderne Steuerung zum Schwingen gebracht. (Foto: Andreas Zobel)
Drei Glocken hängen im Kirchturm der Herrnberchtheimer Kirche. Das ist die älteste Glocke von 1508. Auch sie wird mittlerweile durch die moderne Steuerung zum Schwingen gebracht. (Foto: Andreas Zobel)

Früher war er Läutbub, heute sorgt er dafür, dass den Kirchenglocken in Herrnberchtheim (Markt Ippesheim) auch aus dem Urlaub viele 100 Kilometer entfernt der Einsatzbefehl erteilt werden kann. Andreas Zobel (61) entwickelte für seine Kirchengemeinde eine individuelle Lösung für die Glockensteuerung.

Die Idee geht auf das Jahr 2017 zurück. Der Kirchenvorstand war stark eingespannt, weil die Pfarrstelle bereits vakant war – später kam es zur Zusammenlegung der Kirchengemeinde mit Ippesheim. Außerdem war auch kein Mesner und keine Mesnerin zu finden, so dass zusätzlich die Gottesdienstvorbereitungen und das Läuten am Kirchenvorstand hängen blieben.

Zwar gab es schon damals eine elektromechanische Uhr, die das Frühläuten, das Elf-Uhr- und Zwölf-Uhr-Läuten sowie das Nacht-Läuten steuerte, aber anspruchsvollere Aufgaben wie das Einläuten der Gottesdienste, das Zwei-Uhr-Läuten am Samstag oder gar das Toten-Läuten waren damit nicht zu machen, erinnert sich Andreas Zobel, damals selbst Mitglied des Kirchenvorstands.

Der Markt bot keine Lösung

Da entschied der Kirchenvorstand, eine Glockensteuerung anzuschaffen, und beauftragte den Nachrichtentechniker Zobel damit, nach einer passenden Lösung zu suchen. Doch das war gar nicht so einfach. Aber als ehemaliger Läutbub wusste Zobel letztlich ganz genau, was er wollte: kinderleicht zu bedienen, intelligent und komfortabel – so sollte die neue Steuerung sein. Er fand jedoch keine Lösung auf dem Markt, die seinen Ansprüchen gerecht wurde.

Nach Rücksprache mit Pfarrer Uwe Stradtner, der damals die Vakanzvertretung inne hatte, machte sich Zobel daran, selbst etwas zu entwickeln und zu bauen. Seit April 2018 läutet die kleine, aber sehr komfortable Lösung schon die Glocken in der Herrnberchtheimer Kirche.

Ein Ein-Platinen-Computer verbindet sich über die Straße per Wlan mit dem DSL-Anschluss des ehemaligen Pfarrhauses, das heute Teil des Dorfgemeinschaftshauses ist. „Das ist zum Beispiel sehr praktisch bei Beerdigungen, da der Herrnberchtheimer Friedhof außerhalb am Siedlungsgebiet liegt.” Von dort aus kann eine Person mit Zugangsberechtigung mit ihrem Handy die Glocken ausschalten, sobald alle Trauergäste und der Pfarrer mit dem Kreuz eingetroffen sind und wieder einschalten, wenn das Kreuz den Weg zurück zur Kirche antritt. Und: „Man kann bequem von überall auf der Welt das Läuten programmieren oder die Glocken einzeln manuell steuern.”

Komplexes Wlan-Gebilde

Will man mit der Steuerung ohne Internetzugang kommunizieren, muss man den Wlan-Bereich der Kirche aufsuchen oder sich mit dem kleinen Rechner per LAN oder USB-Kabel verbinden. Die neue Steuerung wurde mit der alten elektromechanischen und der manuellen parallel geschaltet, so dass man auch die beiden früheren Systeme nutzen und zum Beispiel das Vaterunser-Läuten mit den vorhandenen Schaltern auslösen kann.

Viel Zeit – „1000 Stunden reichen nicht” – und Hirnschmalz flossen neben der Hardware in die Software: Man kann als „Admin”, „User” oder „Guest” passwortgeschützt Zugang zur Steuerung haben, wobei Letztere nur schauen dürfen. Je nach Rolle stehen einem also mehr oder weniger Funktionen zur Verfügung.

Alle Infos auf dem Dashboard

Auf einem Dashboard kann man mit einem Blick erfassen, welche Einstellungen aktuell gültig sind. Enthalten ist zum Beispiel auch eine Konfiguration fürs automatische Nacht-Läuten, je nach Sonnenuntergangszeit. Denn das findet der Jahreszeit gemäß irgendwann zwischen 18 und 21 Uhr statt und wird immer zwischen das Viertel-Stunden-Läuten eingeschoben.

Zobel tüftelt immer noch weiter an anderen Kleinigkeiten, wobei es vor allem um die Sicherheit des Systems geht. Zum Beispiel sprang immer wieder eine Sicherung heraus, ein bis zwei Mal im Jahr löste sogar der Hauptschalter aus. Inzwischen gibt es deshalb eine Pufferbatterie, die bei Stromausfall weiterläuft und solange stündliche Warnmeldungen sendet, bis der Stromausfall behoben ist. Bleibt die Reparatur aus und die Pufferbatterie droht, leer zu werden, fährt der Rechner herunter und versendet eine letzte Mail mit diesem Inhalt.

Die Arbeit geht dem 61-Jährigen nicht aus: Zum Beispiel, so seine Überlegung, könnte man auch die Kirchenheizung über die Steuerung regeln. „Ein Relais-Ausgang und die nötige Software dafür sind bereits vorhanden.” Während viele Steuerungen nach Zobels Aussage noch mit der Technik aus dem letzten Jahrtausend arbeiten, ist Herrnberchtheim auf dem neuesten Stand. Das ist gerade in Kombination mit einer so alten Tradition wie dem Läuten und dem hohen Alter mancher Kirchenglocken – in Herrnberchtheim hat ein Exemplar schon mehr als ein halbes Jahrtausend die Menschen in den Feierabend oder zum Gottesdienst gerufen, ein faszinierendes Aufeinandertreffen von Geschichte und Moderne.


Ulli Ganter
Ulli Ganter
Redakteurin
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