Die Ortsgeschichte im Bewusstsein zu halten, ist eine der Aufgaben, die sich der Scheinfelder Heimat- und Kulturverein zum Ziel gesetzt hat. Das gilt auch für die relativ kurze Phase nach dem Zweiten Weltkrieg, in denen US-amerikanische Soldaten in dem damals noch mit Landkreisfunktion ausgestatteten Städtchen stationiert waren. Dabei sollte sich das von reichlich Flüchtlingen bevölkerte Scheinfeld in die neue Demokratie einfinden.
Rudolf Ilg, fast 20 Jahre lang Vorsitzender des Heimat- und Kulturvereins, arbeitete die Ortsgeschichte um die Zeitenwende um 1945 ein gutes Stück weit auf. Dafür blätterte Ilg in den Ratsprotokollen des Stadtarchivs und sammelte Zeitzeugenberichte. Mit den gewonnenen Erkenntnissen erhebt der Mittsiebziger, wie er betont, keinen wissenschaftlichen Anspruch. Einen Einblick in jene kurze Epoche bieten seine Recherchen aber dennoch.
Der faktisch längst entschiedene Krieg kam vom Westen, aus der Hellmitzheimer Bucht. Zwischen Dornheim im Süden und Waldhof im Norden war noch eine Frontstellung aufgebaut worden. Zum Beispiel Dornheim, Hellmitzheim und Herbolzheim bezahlten die Kriegssturheit teuer: sie wurden von der alliierten Luftwaffe bombardiert.
Für die Bodentruppen ging es über Oberscheinfeld in Richtung Scheinfeld. Dort zog die US-Armee am 11. April 1945 ein. Vor Ort war der Krieg damit knapp vier Wochen vor der formalen Kapitulation am 8. Mai zu Ende. Gewütet haben die Kämpfe in Scheinfeld nie.
Es genügten drei Warnschüsse, erklärt Ilg. Dann übergaben der Lagerhausbesitzer Georg Hutzler und der Professor Karl Troll mit weißen Fahnen die Stadt an die Amerikaner. Am Schwarzen Turm des Schlosses und an allen Häusern hingen weiße Fahnen. Es gab weder Tote, noch sind Sachschäden überliefert.
Der damalige NSDAP-Bürgermeister Karl Lax war indes getürmt, ebenso wie die Besatzung der Gauschulungsburg, die in dem von den Nazis beschlagnahmten Schloss Schwarzenberg (das Schwarzenberger Fürstenhaus war erklärter Nazi-Gegner) untergebracht war.
Die Amis besetzten Schwarzenberg und bezogen mit ihrem Infanterieregiment dort zunächst auch ihr Domizil. Von der Markt Bibarter Höhe aus beschossen sie Markt Bibart und nahmen es tags darauf, am 12. April, ein. Von da zogen sie weiter in den Ehegrund und vereinigten sich in Krautostheim mit den Panzerverbänden, die aus Uffenheim, Markt Nordheim und Dornheim anrückten.
Das öffentliche Leben brach in Scheinfeld in großen Teilen zusammen. Die Ämter und Verwaltungen stellten ihre Tätigkeiten ein. Keine Bahn, keine Post, kein Autoverkehr. Brücken waren zerstört, auch die Strom- und die Wasserversorgung waren lahmgelegt. Lebensmittelvorräte gab es auch nicht mehr.
In der Bevölkerung herrschte zudem Angst vor Banden; in den Nachkriegsjahren starb ein Weißrusse durch einen Raubmord bei Grappertshofen. In der Schönaicher Mühle wurden drei Bewohner ermordet. Aufklären konnte die (zunächst noch unbewaffnete) Polizei solche Überfälle nicht. In der Bevölkerung schrieb man sie Fremdarbeitern zu.
Die Amerikaner bezogen mit 600 Soldaten das bisherige Lager des Reichsarbeitsdienstes (RAD) auf dem Gelände des heutigen Gymnasiums. Die Armee übernahm das Zepter und setzte einen vorläufigen Bürgermeister ein. Das war zunächst Josef Wiesner, der schon von 1930 bis 1933 (bis zur Amtsübernahme durch Lax) Stadtoberhaupt war. Und zum Landrat, da Scheinfeld damals noch ein eigener Landkreis war, wurde Georg Freiherr von Franckenstein bestimmt. Wiesner blieb – altersbedingt – nur kurz im Amt. Ab 1. August 1945 erkoren die Amerikaner dann den aus München zugezogenen Michael Braun zum Bürgermeister.
Die Probleme dieser unmittelbaren Nachkriegszeit waren vielfältig. Das Städtchen war von knapp 1400 Einwohnern im Jahr 1933 auf 2500 (darunter gut 750 Heimatvertriebene) im Jahr 1946 gewachsen. Neben der Lebensmittelversorgung gab es auch bezüglich des Wohnraums eine Notlage, da die zahlreichen Flüchtlinge ein Obdach brauchten.
Die Flüchtlingsströme brachten rund 1500 Menschen in die Stadt, hauptsächlich Litauer, aber auch Esten und Ukrainer. Allein im Schloss waren davon etwa 800 bis 1000 untergebracht, im vormaligen RAD-Lager etwa hundert, hat Ilg recherchiert. Es kursierte eigenes litauisches Geld, und einige Intellektuelle gaben eine Zeitschrift namens „Scheinfelder Knowledge“ heraus.
Über den – zu wenigen – vorhandenen Wohnraum verfügte das Landratsamt (das diese Aufgabe gerne an die Stadt abgeben wollte, was aber erst im März 1949 geschah). Alle möglichen Wohnräume wurden mit Flüchtlingen belegt. Ein Wohnungskommissar besichtigte alle Scheinfelder Häuser und belegte freie Räume.
Zudem mangelte es an Personal, das einerseits sachlich kompetent für die Verwaltung war, andererseits aber auch politisch als unbelastet gelten durfte. Somit verlief der Start in die junge Demokratie in Scheinfeld nicht gerade geschmeidig. Nicht nur Bürgermeister Wiesner trat schnell zurück. Auch im ebenfalls eingesetzten Stadtrat kam es zu mancher Fluktuation. Ex-Bürgermeister Lax wurde wegen seiner Rolle in der Reichspogromnacht zu einer Haftstrafe verurteilt.
Knapp ein Jahr nach Kriegsende fand dann 1946 eine erste Kommunalwahl statt. Neben dem von den Amerikanern eingesetzten Braun wurde Michael Hanf zum stellvertretenden Bürgermeister gewählt. Auch er trat bald – schon ein paar Monate später – zurück. Hanf wurde aber kurz nach der Währungsreform bei den im Sommer 1948 stattfindenden Stadtratswahlen erneut gewählt und wurde Erster Bürgermeister.
Mit der Währungsreform, über die in der Bevölkerung lange vorab gemunkelt wurde, änderte sich schlagartig die wirtschaftliche Situation. Die Schaufenster waren nun wieder mit Waren bestückt – die die Händler in Erwartung der Reform zurückgehalten hatten.
Eine Aufbruchstimmung machte sich insbesondere im Sektor Bildung bemerkbar. Bereits im Januar 1946 wurde die Oberschule (das heutige Gymnasium) im Klosterdorfer Schulhaus – etwas hoppla hopp – aus der Taufe gehoben. Ein gutes Jahr später, im März 1947, wurde in einem Gebäude an der heutigen Landwehrstraße, in dem die Pimpfe (die jüngsten im Nazinachwuchs) ihr Domizil hatten, eine Berufsschule in Scheinfeld angesiedelt. Und praktisch zeitgleich wurde die Planung für eine Volksschule gebilligt, deren Bau (das heutige Berufsschulzentrum) sich allerdings noch sechs Jahre bis zur Einweihung hinziehen sollte.
1949 verließen auch die Litauer das Schloss – in einem verwahrlosten Zustand. Und im Herbst jenes Jahres – am 21. September, knapp viereinhalb Jahre nach dem Einmarsch der GIs in Scheinfeld – endete die amerikanische Militärregierung in der Stadt.
Den Rechercheergebnissen von Rudolf Ilg sei noch ein Nachsatz angefügt: Zweieinhalb Jahre später, im Mai 1952, wurde der einstige NSDAP-Bürgermeister Lax zunächst in den Stadtrat gewählt, im Dezember dann – unter der Flagge der damals von ihm neu mitgegründeten Überparteilichen Wählergemeinschaft (ÜWG) – dann als Nachfolger des zurückgetretenen Hanf wieder zum Bürgermeister. Ob die Amerikaner, wären sie noch da gewesen, dies gutgeheißen hätten, erscheint auch für Ilg eher fraglich.