Kreuzgang: Wolfgang Beigel über eine Begegnung mit Friedrich Dürrenmatt | FLZ.de

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Veröffentlicht am 03.08.2024 09:00

Kreuzgang: Wolfgang Beigel über eine Begegnung mit Friedrich Dürrenmatt

Wolfgang Beigel auf der Bühne in Feuchtwangen: Als einziges Mitglied des Ensembles hat der heute 80-Jährige den namhaften Dramatiker Friedrich Dürrenmatt, aus dessen Feder das diesjährige Kreuzgang-Stück „Der Besuch der alten Dame“ stammt, persönlich getroffen. Das war im Jahr 1976 in Bern. (Foto: Peter Zumach)
Wolfgang Beigel auf der Bühne in Feuchtwangen: Als einziges Mitglied des Ensembles hat der heute 80-Jährige den namhaften Dramatiker Friedrich Dürrenmatt, aus dessen Feder das diesjährige Kreuzgang-Stück „Der Besuch der alten Dame“ stammt, persönlich getroffen. Das war im Jahr 1976 in Bern. (Foto: Peter Zumach)
Wolfgang Beigel auf der Bühne in Feuchtwangen: Als einziges Mitglied des Ensembles hat der heute 80-Jährige den namhaften Dramatiker Friedrich Dürrenmatt, aus dessen Feder das diesjährige Kreuzgang-Stück „Der Besuch der alten Dame“ stammt, persönlich getroffen. Das war im Jahr 1976 in Bern. (Foto: Peter Zumach)

Ein besonderes Verhältnis zu Friedrich Dürrenmatt, dessen „Besuch der alten Dame“ derzeit im Kreuzgang zu sehen ist, hat Wolfgang Beigel: Der 80-Jährige gibt nicht nur zwei Rollen in der Feuchtwanger Inszenierung, sondern hat als einziges Mitglied des Ensembles den 1990 verstorbenen Autor noch persönlich getroffen.

Es war im Jahr 1976. Und es begann eigentlich mit einem Flop, wie Schauspieler Beigel mit merklich süffisantem Unterton erzählt. Friedrich Dürrenmatt hatte anlässlich seines Geburtstags sein damals neuestes Stück namens „Porträt eines Planeten“ dem Schauspielhaus in Zürich angedient. Aber: „Die Dramaturgen fanden es äußerst abwegig und nicht gut“, erzählt Beigel. „Es war nicht begeisternd.“

Weil das Drama jedoch aus der Feder des seinerzeit bedeutendsten Gegenwartsautors der Schweiz stammte, konnte es der Intendant nicht ablehnen. Folglich half er sich selbst aus der Klemme, indem er Autor Dürrenmatt anbot, die Regiearbeit doch persönlich zu übernehmen. „Und der sagte, ich mach’ es.“

Am Züricher Schauspielhaus engagiert

Aber: „Schon die Premiere war nicht ausverkauft.“ Bei den beiden weiteren Aufführungen blieb das Züricher Schauspielhaus noch leerer: „Nach drei Vorstellungen wurde das Stück abgesetzt.“

Dem zum Trotz holte der Intendant des Stadttheaters in Bern dieses Dürrenmatt-Stück – wissend, dass das „Porträt eines Planeten“ bei der Uraufführung in Zürich gescheitert war – an sein Haus in der Schweizer Hauptstadt. Und dort war der damals 32-jährige Wolfgang Beigel als festes Mitglied des Ensembles engagiert.

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„Ich habe Erinnerungen, aber keine erhebenden“, blickt der gebürtige Wiener auf jene Inszenierung zurück: „Wir sind als Planeten auf der Bühne herumgeschwebt.“ Sehr viel mehr wisse er inzwischen aber nicht mehr.

Besser erinnert sich Beigel daran, dass der Intendant den Dramatiker zu dieser Inszenierung nach Bern eingeladen hatte – und Friedrich Dürrenmatt kam: „Er sagte mit Freuden zu und besuchte mit seiner Frau die Premiere.“

„Selbstironie vom Feinsten“

„Danach hat er uns in ein Restaurant eingeladen, das war der erfreuliche Teil des Abends“, schmunzelt Beigel noch heute. „Der bekannte Schriftsteller hat sich wohl gefühlt im Kreis der Schauspieler.“ Friedrich Dürrenmatt sei sehr witzig, aufgeräumt und heiter gewesen. Und bei seinem Lob für das Berner Ensemble habe er „Selbstironie vom Feinsten“ bewiesen: „Das habt ihr prima gemacht – jetzt habe ich erst verstanden, was ich da geschrieben habe“, zitiert ihn Beigel. Hingegen habe sich der Autor an diesem „lustigen Abend“ zur Züricher Inszenierung gar nicht geäußert.

Auch schildert Beigel Friedrich Dürrenmatts „leutselige Art, die er sich leisten konnte“, und erzählt dazu eine weitere Anekdote. Der Schweizer Nationalrat habe den Dramatiker seinerzeit zu einem Empfang eingeladen, um ihn und sich selbst in geschlossener Gesellschaft zu feiern. „Doch Dürrenmatt fragte: Was ist mit dem Volk? Sind die nicht eingeladen? Ohne Volk geht das nicht.“ Daraufhin fügten sich die bloßgestellten Politiker: Sie verlegten das Fest auf einen großen Platz und luden auch die Bevölkerung zu Speisen und Getränken ein. Wolfgang Beigel war jedoch nicht bei diesem Festakt. Denn: „Ich musste da spielen.“

Innerlich auch eine grausame Seite

Dass Dürrenmatt innerlich auch eine durchaus grausame Seite hatte, schildert Beigel am Beispiel der Figuren Koby und Loby: In der Urfassung des Stücks „Der Besuch der alten Dame“ werden diese blinden Eunuchen „im Schlepptau der Dame an Leinen geführt“. Aus Rache wegen deren Falschaussagen vor Gericht hat Claire Zachanassian sie kastriert und ihnen die Augen ausgestochen.

In der aktuellen Kreuzgang-Inszenierung stellt sich dies allerdings anders dar. Dazu verrät Wolfgang Beigel, dass Regisseur Johannes Kaetzler dieses Motiv aus Rücksicht auf das Publikum abgemildert hat. So heißen die beiden bestochenen Zeugen hier Ludwig Sparr und Jakob Hühnlein, dessen Rolle Wolfgang Beigel – neben der des langhaarigen Malers – übernommen hat.

„Der Verlag ist offenbar sehr tolerant“, folgert Beigel angesichts solcher Änderungen des Originalmanuskripts. In diesem verkörperten – anders als jetzt im Kreuzgang – auch nicht Frauen, sondern Männer den Pfarrer sowie den Bürgermeister, den der heute 80-Jährige ebenfalls schon einmal gespielt hat – und zwar 1995 in Hildesheim.

Übrigens stand Wolfgang Beigel nur drei Jahre später, in der Saison 1998, erstmals auf der Bühne im Kreuzgang. Und inzwischen war er hier schon oft engagiert: „Das ist jetzt meine 18. Spielzeit.“

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