Es wäre übertrieben, das alte Reidlingshöfer Häusla in Gunzendorf als „Wahrzeichen“ zu bezeichnen. Gunzendorf, Ortsteil von Emskirchen, ist nicht groß und irgendwie ist dort jedes Haus ortsbildprägend, doch das Objekt, um das es geht, gehörte bis vor kurzem noch zu den unscheinbareren im Dorf. Jetzt nicht mehr.
Am Wochenende war das Reidlingshöfer Häusla sogar Bestandteil der „Architektouren 2023“ – als eines von nur 16 Objekten in ganz Mittelfranken, als einziges im Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim. Zwei weitere Objekte waren in Schnelldorf (Landkreis Ansbach) und Ansbach dabei. Die Architektouren sind eine jährlich wiederkehrende Veranstaltung der Architektenkammer – gedacht und konzipiert, um besonders eindrucksvolle Beispiele für außerordentlich gelungene gestalterische Ansätze beim Neu- oder Umbau von Gebäuden der Öffentlichkeit zu präsentieren.
Dabei zu sein, das ist für Architekten also eine Art inoffizielle Auszeichnung – eine Ehrung ohne Urkunde, eine Würdigung ohne Medaille, Anstecknadel und Pokal. Wenn man sich demnach auch nichts an die Brust heften oder im Büro aufhängen kann, so darf sich das Architektenduo Jörg Franke und Michaela Messmer also trotzdem geehrt fühlen.
Wie viele mittelfränkische Bauernhäuser hat auch das Reidlingshöfer Häusla eine bewegte Vergangenheit. Denn gebaut wurde ein solches Objekt fast nie in einem Guss: Das ursprüngliche Wohnhaus, eher unauffällig, angesiedelt am östlichen Ortsrand, wurde um 1840 herum errichtet und nach und nach um- und ausgebaut. Erweitert wurde am dahinter liegenden Stall in den Jahren 1947, 1952 und 1961 – der ursprünglich fast quadratische Kubus zog sich nach und nach in die Länge, machte Raum für Kinder und Enkel und den steigenden Lebensstandard auch auf dem Land.
„Das eigentlich eher unscheinbare Häuschen war und ist städtebaulich wichtig, da die Ortsstraße zum Haus hin fällt und vor dem Haus eine Kurve liegt“, schreibt Jörg Franke dazu. „Das Anwesen fängt den Straßenraum und lenkt ihn um. Uns gefiel, dass ein kleines Haus eine wichtige Funktion für den Ort besitzt und auch das ’Verbackene’ der unterschiedlichen Bauphasen schafft eine Dichte, die gut genutzt und ertüchtigt neue Qualitäten offenbart.“
Und neue Qualitäten offenbart das Haus nach seinem Umbau in der Tat. Aus dem grauen, fast gedrungen wirkenden länglichen Baukörper wurde durch die Eingriffe ein schlanker, wunderbar durchstrukturierter und perfekt ins Ortsbild integrierter Kubus. Zeitlos kommt der Bau daher, unaufdringlich in seiner Modernität, orientiert an der Geschichte und felsenfest verankert im Hier und Jetzt.
Das steile Satteldach wird an einer Stelle mit einer Gaube aufgelockert. Fast ein wenig wuchtig kommt diese daher, rein optisch wäre hier weniger mehr gewesen, doch schließlich will auch das vom steilen Sattel ummantelte Dachgeschoss beleuchtet werden. Die hohen Fenster an der Westfront öffnen das Gebäude zum künftig geplanten Bauerngarten hin – ein wenig verspielt sieht das aus, fast überladen, aber im Kontext und im Wortsinn durchaus „einleuchtend“. Die Ostfassade ist da deutlich strenger strukturiert, führt fast spartanisch zum Eingangsbereich hin, trägt dem bäuerlich-traditionellen ursprünglichen Haus, zu dessen Form, man zurückkehren wollte, Rechnung.
Wunderschön, ästhetisch mehr als ansprechend, von nachgerade berückender Klarheit präsentiert sich die Straßenseite. Rote Fensterläden prägen die steil aufragende Giebelfront.
Der Innenausbau? Nachhaltig. Glas, weiße Farbe und helles Holz dominieren die bei aller Kleinteiligkeit sanft auf großzügig zugeschnittenen Räume. Das Erdgeschoss barrierefrei mit vielen Ausblicken in den Garten, in dem alte Quadersteine und Sandsteinplatten wieder verwendet wurden; alte Fliesen, poliert aber erkennbar über Jahrzehnte im Gebrauch, finden sich im Inneren. Wärmepumpe und PV-Anlage als Standardelemente – ein modernes Haus, der Tradition verpflichtet; ein Haus zum Leben, dynamisch, lebendig und zeitlos schön. Kompliment.