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Drei Schwestern auf historischer Mission in Mosbach

Die drei Schwestern Karen Martin, Janine Delehunt und Glenda Frazier (Mitte vorne, von links) vor der Scheune des Anwesens ihrer Vorfahren in Mosbach. Ihre Ahnensuche wurde von vielen heimatgeschichtlich Interessierten aus der Region unterstützt. (Foto: Ulli Ganter)
Die drei Schwestern Karen Martin, Janine Delehunt und Glenda Frazier (Mitte vorne, von links) vor der Scheune des Anwesens ihrer Vorfahren in Mosbach. Ihre Ahnensuche wurde von vielen heimatgeschichtlich Interessierten aus der Region unterstützt. (Foto: Ulli Ganter)
Die drei Schwestern Karen Martin, Janine Delehunt und Glenda Frazier (Mitte vorne, von links) vor der Scheune des Anwesens ihrer Vorfahren in Mosbach. Ihre Ahnensuche wurde von vielen heimatgeschichtlich Interessierten aus der Region unterstützt. (Foto: Ulli Ganter)

Mosbach und Rößleinsdorf statt Heidelberg und Rothenburg: Es war offensichtlich keine typische Reise, die drei US-amerikanische Schwestern nun absolvierten. Sie waren auf den Spuren ihrer Ahnen unterwegs – und lernten dabei fränkische Dörfer sowie viele heimatgeschichtlich interessierte Einheimische kennen.

Ein Vorfahr des Trios, Georg Kaspar Scheiderer, war Mosbacher. Er entstammte einem Anwesen in der Mitte des Markt Erlbacher Ortsteils, heute die Hausnummer 16. Dort existierte bis zu Beginn des Zweiten Weltkriegs sogar eine zweite Wirtschaft in dem kleinen Ort. Georg Kaspar war eines von zwei unehelichen Kindern von Anna Elisabetha Scheiderer, die später Melchior Göß aus Rößleinsdorf in Neustadt/Aisch heiratete. Mit ihm hatte sie vier weitere Kinder.

Noch als Jugendlicher emigrierte Kaspar mit seiner Mutter, ihrem neuen Mann und seinen fünf Geschwistern in die USA. Da war Kaspar 17, wurde aber laut dem Buch des früheren Heimatpflegers Heinz Kühlwein bei der Ausreise als 15 bezeichnet – vermutlich, damit er der Wehrpflicht im Königreich Bayern entrann. Im Jahr 1836 schifften sie sich von Bremen aus nach New York ein. „Fast drei Monate lang waren sie unterwegs – und das mit einem ein Jahr alten Kind.“ Der Neustädter Stadtführer Erwin Lutz stellt sich die Reise ungeheuer strapaziös vor.

Melchior gründete in Ohio eine Kirchengemeinde

Der Stiefvater Melchior wurde am neuen Wohnort Marysville in Ohio ein geachteter Mann. Darauf deutet zumindest hin, dass er die dortige evangelisch-lutherische Kirchengemeinde gründete und beim Bau mehrerer Kirchen half. Georg Kaspar heiratete eine Katharina Ruhl und blieb bis zu seinem Tod 1898 in Marysville.

Initiatorin der Reise nach Deutschland war Glenda Frazier, heute 71 Jahre. Sie startete mit der Familienforschung, stieß auf die Familie Scheiderer und schlug ihren Schwestern Janine Delehunt (66) und Karen Martin (75) eine Schwesternreise vor.

Die war im Jahr 2020 geplant. Wegen der Corona-Pandemie wurde daraus zuerst 2021, dann 2022, bevor es endlich klappte.

Umso mehr Zeit hatte der Markt Erlbacher Heimatverein, um sich vorzubereiten. Robert Zöllner und Gerhard Wagner fanden das Anwesen in Mosbach, die heutige Hausnummer 16, aus dem Anna Elisabetha Scheiderer stammt und veröffentlichten im Heimatbrief sogar schon dessen Geschichte.

Drei Wohnorte in Neustadt sind bekannt

Der Neustädter Erwin Lutz seinerseits konnte am Freitag auf seiner Tour mit den weit gereisten Gästen sogar drei Wohnorte von Melchior nennen: die Malstraße 6 in Rößleinsdorf, die Wilhelmstraße am Windsheimer Tor sowie die Ludwigstraße 15.

Die Reiseplanung hatte Ute Mehlhorn übernommen, die als Dolmetscherin dabei war. Zusammen mit einer Partnerin in den USA hat sie sich auf solche Reisen auf den Spuren der Vorfahren spezialisiert und dafür auch den Kontakt mit dem Heimatverein Markt Erlbach gesucht.

Die erste Reise des Trios nach Deutschland

Für die drei Schwestern ist es die erste Reise nach Deutschland. Sie schwärmen von der tollen Zeit, die sie mit den Heimatvereinsvertretern verbracht hätten. „Sie haben ein so tiefes Verständnis für Geschichte und einen so großen Respekt vor ihr“, äußert sich Karen Martin voller Begeisterung auf Englisch.

Sie haben seit Mittwochabend ein strammes Programm absolviert: Da trafen sie sich mit Reiner Leinsle, Gerhard Wagner und Robert Zöllner vom Heimatverein auf Einladung der Bürgermeisterin Dr. Birgit Kreß in einer Gaststätte. Am Donnerstag besuchten sie das Museum Markt Erlbach sowie Bierkeller, die Kirche St. Kilian und den Friedhof. In Mosbach lud sie der Heimatverein zu Bratwürsten mit Kraut ein, bevor sie zum Geburtshaus von Anna Elisabetha und ihrem Sohn weiterzogen. Danach besuchten sie mit Joseph und Christl Fleischmann die alte Schule in Buchen, in welche die Mosbacher Kinder laufen mussten, und die historische Mühle von Paul Wehr in Klausaurach.

Manchmal ist die Welt eben sehr klein

Auch für die Mitglieder des Heimatvereins hat sich der Besuch gelohnt. Gerhard Wagner entdeckte durch die Forschungen von Ute Mehlhorn eigene Auswanderer in seiner Familiengeschichte und – oh Wunder – auch hier führen Spuren sowohl zum Scheidererhaus in Mosbach als auch nach Marysville in Ohio.

Am Freitag wandelten die Gäste dann in Neustadt noch auf den Spuren Melchiors: Sie besuchten mit Erwin Lutz zwei seiner ehemaligen Wohnsitze, die Stadtkirche und im Museum im alten Schloss begutachteten sie historische Ziegel und Geheimzeichen – Melchior war Ziegler und Tagwerker.

Schon die Vorfahren scheinen – wie jetzt die drei Schwestern – auf ihre deutschen Wurzeln bedacht gewesen zu sein: Ihr Mädchenname lautet noch „Schmidt“, der Name wurde nicht, wie eigentlich üblich, ins englische „Smith“ umgewandelt.


Ulli Ganter
Ulli Ganter
Redakteurin
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