Ein Kettenpanzer rollt über das Kopfsteinpflaster. Armee-Jeeps stehen am Straßenrand. Das Rathaus mit dem Reichsadler am Giebel ist unbeschädigt, aber anderen Gebäuden fehlt zumindest das Dach. Ein Mann mit Hut und schwarzem Mantel wird von amerikanischen Soldaten eskortiert.
Es ist Bürgermeister Georg Schiller am Tag, an dem für Leutershausen der Zweite Weltkrieg zu Ende war: am 19. April 1945. Für Karlheinz Seyerlein ist diese kürzlich aufgetauchte Aufnahme eine „Sensation“. Der Heimatforscher kann die Situation, die Raymond Ebbage, Captain des 17. Armored Infantry Battalions, mit der Kamera festgehalten hat, zweifelsfrei einordnen.
„Leutershausen wurde am 18. April von den Amerikanern beschossen und bombardiert. Am nächsten Tag rückten sie gegen 10 Uhr in Leutershausen ein. Bürgermeister Georg Schiller, der sich ab 8 Uhr im Rathaus aufhielt, um die Stadt zu übergeben, ist hier mit drei US-Soldaten unterwegs“, so Seyerlein.
Sein Weg führt durch eine lange verschonte, nun aber vom Krieg schwer geschundene Stadt. Die Brände sind zwar inzwischen gelöscht. Doch 130 Gebäude wurden zerstört oder massiv in Mitleidenschaft gezogen. Das Foto dokumentiert einige Schäden. Vom Haus Nr. 3 fehlt das gesamte Dachgeschoss. Von der Nr. 4 steht zumindest noch der Giebel. Der Obere Torturm hat sein Dach ebenfalls verloren.
Bürgermeister Schiller hat akribisch Buch geführt über die Geschehnisse. In seinen Aufzeichnungen heißt es zum 19. April 1945: „Zwischen 9 und 10 Uhr kam ein Bote zu mir aufs Rathaus mit der Aufforderung, zu dem am Platze vor dem Rathaus haltenden amerikanischen Kommandeur zu kommen. Ich begab mich dorthin und nach kurzen Fragen der Waffenablieferung begaben wir uns zum Rathaus. Dort eröffnete mir der Kommandeur die Befehle über Waffenverbot und über die Ausgangsbeschränkung von abends 18 Uhr bis morgens 6 Uhr. Inzwischen folgte das Gros der amerikanischen Truppen, Panzer und Begleitfahrzeuge in unübersehbarer Menge.“
Neben Waffen und Munition musste die Bevölkerung auch Radioempfänger, Fotoapparate und Ferngläser abgeben. Später durften sich die Bürger zeitweise nur noch zwischen 9 und 11 Uhr sowie von 15 bis 17 Uhr außer Haus aufhalten.
Karlheinz Seyerlein war damals fünf Jahre alt. Als der Stall seines Elternhauses, der Metzgerei beim Unteren Tor, in Brand geschossen wurde, flüchteten die Frauen und Kinder in den Gewölbekeller im Haus gegenüber. Als am nächsten Tag die Amerikaner in die Stadt kamen, seien die staunenden Einheimischen zum ersten Mal Menschen mit dunkler Hautfarbe gegenüber gestanden, erinnert er sich. „Für uns war an diesem Tag der Krieg aus“, sagt der 83-Jährige.
„Es war eine andere Welt für die Leutershäuser, als sie am 19. April aufwachten – so sie denn überhaupt geschlafen hatten“, schreibt der Heimatforscher. Die Nazi-Herrschaft war für sie beendet. „An Militär im Städtchen waren die Einwohner gewöhnt, doch an diesem strahlend schönen Frühlingsmorgen füllten nicht mehr die deutsche Wehrmacht, sondern amerikanische Streitkräfte den Marktplatz, der seit 1933 Adolf-Hitler-Platz hieß.“
Am Abend zuvor war die Hölle über die Stadt hereingebrochen. Dabei wurde Leutershausen am 18. April nicht verteidigt, betont Seyerlein: „Aus der Stadt heraus fiel kein einziger Schuss.“ Doch weshalb dann der massive Angriff der US-Armee? Schuld daran ist dem Heimatforscher zufolge die SS, die auf der anderen Altmühlseite in Stellung gegangen war und eine friedliche Übergabe der Stadt verhinderte.
„Aus Stellungen bei Rauenbuch und Büchelberg und auf dem Höllbuck beschoss die SS bereits ab dem Vormittag die amerikanischen Streitkräfte bei Jochsberg. Diese beantworteten den Beschuss zunächst über Leutershausen hinweg, ab dem Nachmittag verstärkt in die Stadt hinein. Zudem forderten sie eine Bomberstaffel an.“
„Gegen 18 Uhr überflogen acht Flugzeuge zweimal das ,verteidigte‘ Städtchen, warfen 58 Zentner Splitter- und Sprengbomben ab und verschossen die unglaubliche Zahl von ungefähr 12.000 Schuss des Kalibers 0,50, „um die feindlichen Truppen von den Häusern und anderen Gebäuden der Stadt zu lösen“, wie es unzutreffend in den Archiven der US-Luftwaffe steht“, so Seyerlein.
Es grenzt an ein Wunder, dass keine Todesopfer zu beklagen waren. Nachts ließ der Bürgermeister am Kirchturm auf der von der SS abgewandten Seite die weiße Fahne heraushängen. Er wusste nicht, dass die Truppe inzwischen Richtung Schillingsfürst abgezogen war.
Schließlich war es Dekan Gottfried Blendinger, der sich mit Schillers Einverständnis zunächst nach Mittelramstadt begab, von wo aus er im Morgengrauen in Begleitung des Bürgermeisters Kalb mit einer weißen Fahne über den Wiesengrund „Au“ zu den amerikanischen Truppen bei Auerbach ging. Im dortigen Pfarrhaus fand eine Unterredung mit dem amerikanischen Kommandeur statt. Blendinger übergab die beiden Orte Leutershausen und Mittelramstadt.
Nach dem Einmarsch der Amerikaner sah sich Bürgermeister Georg Schiller heftigen Beschuldigungen ausgesetzt: Er hätte durch rechtzeitigen Kontakt mit den nahen US-Streitkräften deren Angriffe auf die Stadt verhindern können. Doch das bezweifelt Heimatforscher Seyerlein.
Seine Sicht auf die Geschehnisse zeichnete Schiller wenige Wochen nach Kriegsende auf. Demnach habe er sich vergeblich darum bemüht, dass Leutershausen aus der Verteidigung herausgenommen wird. Stattdessen sei der Volkssturm einberufen worden, der zusammen mit der Hitlerjugend Panzersperren zu errichten hatte.
Am 18. April keimte Hoffnung auf, als Oberleutnant Hofmann mit den letzten Wehrmachtseinheiten abzog und erlaubte, die Sperren zu öffnen. Der Volkssturm wurde aufgelöst. „Doch dann erschien die SS, besetzte die Höhen des Höllbucks und lagerte auch an der Hohen Brücke. Ein Feldwebel der SS drohte dem Bürgermeister, auf das Städtchen schießen zu lassen, sollten weiße Fahnen aufgezogen werden. Die Panzersperren mussten wieder geschlossen werden“, hält Seyerlein fest und konstatiert: „Bei dieser Bedrohung durch die nahe SS wäre der Versuch einer Übergabe der Stadt an die Amerikaner höchst gefährlich gewesen.“
Der berüchtigte SS-General Max Simon habe per Aushang „Verrätern“ mit Hinrichtung gedroht. Zur Abschreckung seien fünf Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner in Leutershausen zwei fahnenflüchtige Soldaten von einem Standgericht im alten Landgerichtsgebäude zum Tod verurteilt, durch die Stadt zum Friedhof geführt und dort erschossen worden.
Georg Schiller blieb nach dem Einmarsch zunächst im Amt – auch als er am 25. April gegenüber der US-Militärregierung um Entlassung wegen Arbeitsüberlastung gebeten hatte. Der seit 1937 ehrenamtlich tätige Bürgermeister war hauptberuflich Leiter der Molkerei in Leutershausen. Er wurde aufgefordert, bei der Suche nach einem geeigneten Nachfolger zu helfen.
Am 4. Mai erschien im Rathaus ein Offizier der Militärregierung, zusammen mit dem neuen Landrat Dr. Borkholder. Er erklärte Schiller, dass er aufgrund seiner Parteizugehörigkeit nicht länger Bürgermeister sein könne – eine „rein äußerliche Sache“. Er ersuchte ihn, seinem Nachfolger, dem Rechtsanwalt Dr. Richard Reichard, bei Bedarf behilflich zu sein.
Vier Tage vor Kriegsende hatte Leutershausen einen neuen Chef im Rathaus – von der Militärregierung eingesetzt. Ihm folgte noch im selben Jahr Fritz Schultheiß, der ab Januar 1946 demokratisch gewählter Bürgermeister war - bis zu seinem Tod im Jahr 1962.