Den Doktor darf man weglassen bei Dr. Christian Weigl. Gerade eben erst hat er eine Immobilie gekauft, da steht der akademische Grad dann schon auf dem Vertrag. Im Handball-Umfeld kann der neue Trainer des TSV Rothenburg gut darauf verzichten.
Ob die Wohnung, die er sich gekauft hat, in Rothenburg liegt? Weigl lacht. So schnell wird aus dem Oberpfälzer dann doch kein Mittelfranke. Wobei: Völlig abwegig ist der Gedanke ja nicht. So positiv, wie er sich nach den ersten Arbeitswochen über die Rothenburger äußert, erscheint ein Umzug an die Tauber der nächster logische Schritt. Andererseits läuft sein Vertrag nur für ein halbes Jahr. Danach werde man sehen.
„Interessiert, engagiert, motiviert und unheimlich gut zuhörend“, hat Weigl die Regionalligamannschaft erlebt, die er nun als Trainer führt. Zur Seite steht ihm als Co-Trainer Marcell Könnicke, der zusammen mit Volker Ehrlinger das Team nach dem Rücktritt von Andreas Trabold in den letzten Spielen vor der Winterpause betreute.
Im Sommer hat ein neuer Trainer oft mehrere Monate lang Zeit, sich auf das neue Team einzustellen. Das muss Weigl in Rothenburg nun sehr viel schneller schaffen. Am Samstag, 18. November, schon steigt sein Pflichtspieldebüt beim Auswärtsauftritt bei der DJK Waldbüttelbrunn. „Ich denke, wir haben uns ganz gut zusammengefunden“, sagt Weigl.
Das Rothenburger Spiel dahin zu lenken, dass mehr Tore aus verschiedenen Positionen als bisher erzielt werden, ist eines der Ziele, die er nennt, als er nach dem gefragt wird, was den Weigl-Handball auszeichnet. Wobei die Frage aus seiner Sicht wahrscheinlich schon mal falsch ist. Es gehe nicht darum, was der Trainer will, sondern was das Team gemeinsam mit dem Trainer erreichen will. Das Spiel etwas breiter machen also, in der Hinsicht habe man ein „ganz gutes Commitment erreicht“. Auch was die Emotionen angeht.
Weigl hat viel Videostudium betrieben und was er da zum Teil bei den Rothenburgern gesehen hat, hat ihm nicht gefallen: hängende Köpfe oder Kopfschütteln. Positive Emotionen will er sehen. Emotionen, da ist er in seinem Element.
Der 58-Jährige hat Sportwissenschaft und Psychologie studiert und eine Doktorarbeit zum Thema „Umlernen von eingeschliffenen Bewegungen“ abgeliefert.
Eigentlich dachte man, dass regelmäßiges Üben mehr hilft als Reden. Weigl nun sagt: „Exakte Bewegungen lernt man durch Verbalisieren“. Das bringt er ins Training mit ein. Top-Werfer Patrick Schneider zum Beispiel hält den Wurfarm relativ tief und macht so dem Abwehrspieler die Arbeit leichter. Für die Korrektur dieser Bewegung gibt es nun ein Wort, mit dem er sich an die richtige Haltung erinnert.
Als Psychologe ist Weigl tagtäglich gefragt, eine Couch braucht er dafür aber nicht. Er leitet eine Firma mit 50 Angestellten an mehreren Standorten in Deutschland, die Beratung und Dienstleistungen im Bereich Arbeitsschutz, Arbeitssicherheit und Arbeitsmedizin anbietet. „Da geht es um Konflikte, Stress, Prozesse und Strukturen in den Firmen“, so Weigl.
Wolfgang Schmidt, Thomas Schmidt, Dieter Heinlein, Erwin Porzner, Martin Porzner, die Namen der ehemaligen Mitspieler hat Weigl noch parat. Der TSV Rothenburg ist nicht sein erstes Engagement im Landkreis Ansbach. In den 90er-Jahren spielte Weigl für den TSV Ansbach. Davor verbrachte er ein Jahr als Profi beim italienischen Erstligisten Bologna. Mit dem Heimatverein HC Sulzbach-Rosenberg spielte er viel später einmal noch in der Landesliga gegen damals von Stefan Mittag trainierte Ansbacher. Als Trainer war Weigl die meiste Zeit in der Jugendarbeit aktiv.
Gut 140 Kilometer sind es von Sulzbach-Rosenberg nach Rothenburg, die A6 wird für Weigl zur zweiten Heimat mit dem Ziel, die Rothenburger in der Tabelle noch den einen oder anderen Platz nach oben zu hieven.
Das Potenzial für eine bessere Platzierung als aktuell (Rang zehn von 14 Teams) sei jedenfalls vorhanden. Die Wohnung übrigens hat er als Studentenbude für eines seiner vier erwachsenen Kinder gekauft.