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Veröffentlicht am 15.04.2026 14:13

Denkfaul durch KI? Das muss nicht sein

Keine Lust, das alles durchzulesen: Viele Berufstätige nutzen KI-Unterstützung auch aus Denkfaulheit.  (Foto: Nico Tapia/dpa-tmn)
Keine Lust, das alles durchzulesen: Viele Berufstätige nutzen KI-Unterstützung auch aus Denkfaulheit. (Foto: Nico Tapia/dpa-tmn)
Keine Lust, das alles durchzulesen: Viele Berufstätige nutzen KI-Unterstützung auch aus Denkfaulheit. (Foto: Nico Tapia/dpa-tmn)

Wann haben Sie zuletzt eine wichtige Mail ganz ohne Hilfe von Künstlicher Intelligenz verfasst? Und haben Sie das 46-seitige PDF zum Projekt wirklich durchgelesen oder sich die wichtigsten Punkte von einem Chatbot zusammenfassen lassen?Einer repräsentativen Umfrage unter 1.550 Erwerbstätigen in Deutschland nutzen 80 Prozent zumindest gelegentlich KI im Job. Teils geht es für die Befragten dabei um wichtige Inhalte. Die Umfrage des Pinktum Instituts zeigt aber auch: Viele wenden sich aus Bequemlichkeit an ChatGPT, Gemini, Claude oder andere Chatbots. 43 Prozent derjenigen, die im Beruf KI nutzen, geben an, die Tools auch deshalb anzusteuern, weil sie „selten Lust haben, sich tiefer in Themen einzuarbeiten“.

Überlassen wir also im Beruf zunehmend der KI das „Denken“? Und werden dadurch immer inkompetenter? Antworten auf wichtige Fragen zum Deskilling durch KI.

Was bedeutet Deskilling konkret?

Deskilling beschreibt den potenziellen Kompetenzverlust durch den zunehmenden Einsatz von KI. Josephine Hofmann, Leiterin des Teams Zusammenarbeit und Führung am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO, unterscheidet zwei Richtungen: 

  • Menschen können Fähigkeiten verlernen, die sie bereits haben. 
  • Problematischer ist aus ihrer Sicht jedoch, dass bestimmte Kompetenzen durch den Einsatz von KI-Systemen gar nicht mehr aufgebaut werden – etwa Texte lesen, verstehen und kritisch bewerten, oder selbst schreiben und dadurch neues Wissen erzeugen.

Wie stark ist der Effekt? 

„Es gibt differenzierte Erkenntnisse, die Studienlage ist ausgesprochen dynamisch“, sagt Hofmann. Ein kausaler Zusammenhang zwischen KI-Nutzung und geringer kritischer Denkfähigkeit konnte bislang nicht eindeutig gezeigt werden. Allerdings zeigen Untersuchungen deutliche Korrelationen. Eine Studie der SBS Swiss Business School etwa ermittelte einen stark negativen Zusammenhang zwischen häufiger KI-Nutzung und kritischem Denkvermögen.

Gerade grundlegende Kompetenzen können auf lange Sicht schwächer werden: Texte verstehen, Informationen bewerten, eigene Gedanken formulieren und dabei neues Wissen erwerben und produzieren. Hofmann betont: „Das ist eine Tätigkeit, die muss man lernen und die muss man üben.“ 

Wenn KI solche Aufgaben zunehmend übernimmt, fehlt genau diese Übung. Auch das Gefühl, sich etwas selbst erarbeitet zu haben, geht der Expertin zufolge teilweise verloren – was sich auf Motivation und Lernbereitschaft auswirken kann.

Spielt unsere eigene Bequemlichkeit dabei eine Rolle?

Ja, KI spart Zeit und Aufwand – und genau das macht sie so attraktiv. Die sich rasant entwickelnden Möglichkeiten können dazu verleiten, weniger selbst zu denken. „Die Menschen verlieren latent die kognitive Aktivierung“, sagt Hofmann. Ein Grund dafür sei aber auch der „unglaubliche Beschleunigungsdruck“ in der Arbeitswelt.

Welche Risiken entstehen dadurch?

In der Pinktum-Umfrage geben immerhin gut 70 Prozent der Befragten an, KI-Ergebnisse „meistens“ zu überprüfen. Sich einfach auf die Ergebnisse zu verlassen, wäre fatal. „Das birgt die Gefahr, dass wir zentrale Kompetenzen schleichend verlernen“, sagt die Bildungswissenschaftlerin und HR-Expertin Carina Ebli-Korbel.

Josephine Hofmann beobachtet, dass Leute „eher vom Verstehen hin zum Delegieren agieren“. Ein zentrales Risiko, wenn Aufgaben an die KI ausgelagert werden: Durch zunehmenden Kompetenzverlust werden auch KI-generierte Fehler oder Unstimmigkeiten schlechter erkannt. „Dann ist man nicht wirklich in der Lage, Qualitätssicherung zu betreiben“, warnt Hofmann. Es können blinde Flecken entstehen, etwa bei Argumentationen oder Analysen.

Lässt sich dem entgegenwirken?

Ja. Entscheidend ist der bewusste Einsatz von KI. „Wir können KI mittlerweile auch durchaus nutzen, um unsere eigenen Denkprozesse zu unterstützen“, sagt Hofmann. Sie empfiehlt, KI als Denkpartner zu sehen: „Challenge mich, stell mir lieber noch mal Fragen“, beschreibt sie eine Methode.

Gleichzeitig sei es wichtig, grundlegende Fähigkeiten regelmäßig ohne KI zu trainieren, auch wenn das mehr Zeit kostet. Dazu müssten Arbeitgeber zeitliche und führungsseitige Ressourcen bereitstellen.

Carina Ebli-Korbel sieht die Verantwortung vorwiegend beim Einzelnen. Organisationen könnten nur Bewusstsein schaffen. Die Bildungsexpertin rät Berufstätigen, bestimmte Aufgaben bewusst nicht an KI auszulagern: „Ich kann mir etwa vornehmen, regelmäßig E-Mails selbst zu formulieren. Besonders dann, wenn es ums Denken und nicht nur ums Formulieren geht.“

Im Beruf sollten wir zudem bewusst abwägen, mit welchem Ziel wir an eine Aufgabe herangehen. „Wenn ich Wissen für mich selbst festigen möchte, muss ich selbst lesen und das Erlernte reflektieren“, so Ebli-Korbel.

Kann KI auch Kompetenzen stärken?

„Was man verlieren kann, kann man auch gewinnen“, sagt Ebli-Korbel. So lasse sich etwa Kreativität fördern, indem man KI-generierte Ergebnisse als Ausgangspunkt nimmt und sie eigenständig weiterentwickelt. 

Gezielte KI-Nutzung könne dazu beitragen, kognitive Fähigkeiten zu erweitern, sagt auch der Arbeitspsychologe Markus Langer in einem Interview der Zeitschrift „Psychologie Heute“ (Ausgabe April 2026) – etwa weil erhöhte Aufmerksamkeit nötig ist, um Fehler in KI-generierten Texten zu erkennen. Wer KI-Vorschläge kritisch hinterfragt und ergänzt, trainiert das eigene Urteilsvermögen.

KI kann zudem helfen, schneller in neue Themen einzusteigen oder Wissenslücken aufzudecken. Richtig eingesetzt, kann KI so zum Trainingspartner für gezieltes Upskilling werden, also für das Erweitern von Fähigkeiten.

Zentral ist dabei Offenheit gegenüber Neuem. Sie erleichtert es, positive Aspekte der Technologie zu erkennen, und hilft, sich von Ängsten, durch neue Technologien ersetzbar zu werden, nicht bremsen zu lassen. „Angst hemmt uns, uns weiterzuentwickeln“, sagt Carina Ebli-Korbel. Nur wer in die eigene Weiterentwicklung investiert, könne vorausschauend handeln.

© dpa-infocom, dpa:260415-930-948410/1


Von dpa
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