Brüllen und Toben: Stadtrats-Debatte in Bad Windsheim eskaliert | FLZ.de

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Veröffentlicht am 28.04.2023 14:43

Brüllen und Toben: Stadtrats-Debatte in Bad Windsheim eskaliert

Der Kurpark soll einer der Schauplätze für die Landesgartenschau 2027 werden. (Foto: Anna Franck)
Der Kurpark soll einer der Schauplätze für die Landesgartenschau 2027 werden. (Foto: Anna Franck)
Der Kurpark soll einer der Schauplätze für die Landesgartenschau 2027 werden. (Foto: Anna Franck)

Lügen? Ein Rat, der den Saal verlassen will, es dann doch nicht tut, und ein vor Wut tobender Bürgermeister. Dieses Bild bot sich den Gästen der Bad Windsheimer Stadtratssitzung. Thema: Ausführungen vom WiR-Fraktionsvorsitzenden Gerhard Koslowski bei deren Versammlung über die geplante Landesgartenschau im Jahr 2027.

Unter „Anfragen, Sonstiges“ begann Stadtrat Bernhard Kisch (CSU), Heckels Amtsvorgänger, sein Anliegen „aufgrund des heutigen Zeitungsartikels“ über das Thema Landesgartenschau 2027 in Bad Windheim vorzubringen. Dort war zu lesen, dass er vom Vorsitzenden der Fraktion WiR (Windsheimer und Ortsteilbürger ins Rathaus) Gerhard Koslowski in der Jahresversammlung heftig kritisiert worden war.

Koslowski: „Jetzt muss ich den Raum verlassen”

„Auch wenn ich dem, der nicht in der Lage ist, Sachverhalte wahrheitsgemäß wiederzugeben, dadurch gar keine Bühne geben will.“ Kaum hatte Kisch diese Worte gesprochen, sprang Gerhard Koslowski von seinem Stuhl auf: „Lüge, alles Lüge. Jetzt lügen Sie, Herr Kisch. Jetzt muss ich den Raum verlassen.“ Heckel (WiR) versuchte, Koslowski zu beruhigen: Gerhard, komm’, setz’ dich. Lass’ gut sein.“ Doch der verließ schimpfend den Saal, um halb in der Flügeltür stehend innezuhalten. Kisch las ruhig weiter.

Sanierungsgebiet, Interessensbekundung für die Landesgartenschau, Bewerbungskonzept: Alle diese Punkte seien seit 2014 einstimmig vom Stadtrat beschlossen worden, betonte er. In die Erarbeitung der Bewerbungsunterlagen sei der gesamte Stadtrat in mehreren Sitzungen und die Bürger in zwei öffentlichen Veranstaltungen eingebunden gewesen. „Alle Beschlüsse wurden korrekt und einstimmig gefasst.“ Indessen war Koslowski dann doch auf seinen Platz zurückgekehrt.

Prompt folgte die nächste Eskalation, diesmal war es Jürgen Heckel, der tobte. Kisch hatte ein persönliches Thema angesprochen: Die Amtsübergabe 2020, die ebenfalls bei der WiR-Versammlung als „nicht vorhanden“ kritisiert worden war. Kisch: „Am Rande sei erwähnt, ein extra vereinbarter Termin für die Amtsübergabe wurde vom neuen Bürgermeister unentschuldigt nicht wahrgenommen.“

Bürgermeister Heckel haut auf den Tisch

Heckel sprang auf und klatschte mit der Handfläche so heftig auf den Tisch, dass der Geschäftsleitende Beamte Jürgen Boier und Kämmerin Melanie Greifenstein, die neben ihm saßen, zusammenzuckten. „Lüge“, brüllte er: „Das ist nicht die Wahrheit.“ Kisch fuhr weiter fort. Er habe immer seine Unterstützung angeboten, das Angebot gelte weiterhin.

Er wechselte zurück zur Landesgartenschau: Bad Windsheim habe eine hochkarätige Jury überzeugen können, ein Erfolg. Die Bewerbungsmappe habe Heckel mit einem „eigenen Grußwort ergänzt. Ich frage mich, warum der Fraktionsvorsitzende der WiR nun meint, mich in meiner Person diskreditieren zu müssen“, damit werte er auch andere ab.

Einstimmig sei vom neuen Stadtrat auch der „weitere Planungsprozess angestoßen“ worden, so Kisch. Eine Gesellschaft wurde gegründet, der Stadtrat entschied über Geschäftsführer und Aufsichtsrat. Weitere Planungen wurden vergeben, das Planungsbüro zur Klausurtagung des Stadtrats eingeladen, habe dort „Rede und Antwort“ gestanden. „Ich frage mich schon, wie kommt der Fraktionsvorsitzende zu Zahlen und Kosten, zum Beispiel für ein Parkhaus?“ Der Bürgermeister habe diese beim Neujahrsempfang 2023 in den Raum gestellt, ohne dass der Stadtrat je davon gehört habe.

Koslowski habe alle Beschlüsse mitgetragen und stelle Planungen nun negativ dar. Kisch äußerte seinen Verdacht, dass Koslowski sich bisher „überhaupt nicht ernsthaft“ mit dem Konzept beschäftigt habe. „Hören Sie endlich auf, die Bevölkerung mit ihren alternativen Wahrheiten zu manipulieren“, betonte Kisch. Er wollte von Koslowski eine Antwort auf die Frage: „Wollen Sie die Landesgartenschau 2027 in Bad Windsheim? Ja oder Nein.“

Wieder sprang Jürgen Heckel auf, Koslowski ließ er gar nicht erst zu Wort kommen: „Er will sie. Natürlich will er sie“, brüllte er. Derart in Rage, war Heckel nicht mehr zu halten. Er wisse, dass er Kischs Vortrag hätte abbrechen müssen. Aber er habe es in Rücksprache mit Boier laufen lassen, damit es nicht an anderer Stelle eskaliere. Er habe jetzt genug, schrie er. Es sei das letzte Mal gewesen, dass in einer Stadtratssitzung eine „Gruppierung angegangen“ und über Zeitungsartikel diskutiert werde.

Zettel und Schlüssel, keine Amtsübergabe?

Nie habe er darüber sprechen wollen. Das, was er jetzt sage, habe „ ich für immer für mich behalten“ wollen. Kisch lasse ihm aber „keine andere Wahl mehr“. Heckels Stimme vibrierte vor Aufregung. „Nichts“ habe er bei der Amtsübergabe von Kisch erhalten. „Kein Laptop. Nichts. Das Zimmer, alles war leergeräumt. Das ist die Realität.“ Einen Zettel mit ein paar Worten, den er noch immer habe, darauf einen Schlüssel, habe er aufgefunden. Heckel zu Kisch: „Ich finde es beschämend für einen Mann in Ihrer Position.“

Mit ruhiger Stimme meldete sich Stadtrat Matthias Oberth (SPD) zu Wort: „Wir müssen alle mal in uns gehen. Es gibt Probleme, das wissen wir. Aber wir wollen doch alle, dass das Projekt zum Erfolg wird.“ Als wäre nichts gewesen, betonte nun Heckel ruhig, dass jeder für die Landesgartenschau sei. Dafür müssten aber „dicke Bretter gebohrt“ und Lösungen, die „anders sein werden, als das bisherige Konzept“ es vorschlage, gefunden werden, weil das Bisherige „einfach nicht funktioniert. Aber wir werden Lösungen finden.“

Auch Wolfgang Eckardt (FWG), dessen gesamte Fraktion schon zu Beginn aufgesprungen war und gefordert hatte, abzubrechen, sagte: „Wir dürfen uns nicht so auseinanderdividieren: Das ist nicht gut.“


Katrin Merklein
Katrin Merklein
Redakteurin
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