Ansbacher Alltag vor 100 Jahren: Im Frühling beginnt das neue Schuljahr | FLZ.de

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Veröffentlicht am 15.04.2026 18:00

Ansbacher Alltag vor 100 Jahren: Im Frühling beginnt das neue Schuljahr

Das humanistische Gymnasium Carolinum mit seinem dicken Turm, vor 100 Jahren noch von viel Grün umgeben, besuchen im Schuljahr 1926/1927 insgesamt knapp 200 Schüler.  (Repro: Sammlung Martin Schuster)
Das humanistische Gymnasium Carolinum mit seinem dicken Turm, vor 100 Jahren noch von viel Grün umgeben, besuchen im Schuljahr 1926/1927 insgesamt knapp 200 Schüler. (Repro: Sammlung Martin Schuster)
Das humanistische Gymnasium Carolinum mit seinem dicken Turm, vor 100 Jahren noch von viel Grün umgeben, besuchen im Schuljahr 1926/1927 insgesamt knapp 200 Schüler. (Repro: Sammlung Martin Schuster)

In der Woche ab Montag, 12. April 1926, haben sich laut Fränkischer Zeitung „die Schwalben als Frühlingsboten bei uns eingestellt”. Zudem beginnt das neue Schuljahr, was Veränderungen mit sich bringt: Das humanistische Gymnasium bekommt einen umtriebigen Leiter aus der Pfalz – und die Realschule wird endlich zur Oberrealschule.

„In Ausführung eines Landtagsbeschlusses wird nun endgültig der hiesigen Realschule die siebte Klasse angegliedert. Es ist zu begrüßen, daß mit dieser Anordnung der erste Schritt zum Ausbau unserer Realschule in eine Oberrealschule erfolgt, sodaß künftig die Schüler hier ihr neunjähriges Studium vollenden können”, führt die Redaktion aus. Die neue siebte Klasse besuchen 38 Schüler und zwei Schülerinnen – was alle Erwartungen übertrifft.

„Insgesamt ergab die Einschreibung an der Oberrealschule 330 Schüler und Schülerinnen”, heißt es weiter in der Presse. „Das humanistische Gymnasium zählt am Schuljahrbeginn 196 Schüler.” Der große Unterschied: Die Oberrealschule ist naturwissenschaftlich-technisch ausgerichtet, und auf dem Stundenplan stehen weder Latein noch Altgriechisch.

Pflichtbewusster und arbeitsfreudiger Direktor

Am altehrwürdigen Gymnasium mit dem dicken Turm gibt es einen Leitungswechsel: „An Stelle des bisherigen verdienstvollen Oberstudiendirektors Herr Probst, der am 1. Mai in den Ruhestand tritt, ist der Herr Oberstudienrat Herr Dr. Schreibmüller zum Oberstudiendirektor ernannt worden.” Der aus der Pfalz stammende Pädagoge ist in der Stadt wohlbekannt ob seiner öffentlichen Vorträge „aus verschiedensten Wissensgebieten”. Die Redaktion „zweifelt nicht daran, daß Herr Oberstudiendirektor Dr. Schreibmüller sich bereit findet, neben der Erfüllung seiner Berufspflichten seine arbeitsfreudige Kraft auch in Zukunft in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen”.

In der Klavierschule von Tina Gundel in der Alten Poststraße beginnt am 15. April ebenfalls wieder der Unterricht: „Einzel- und Gruppenstunden für Anfänger und Fortgeschrittene, Pflege der Hausmusik, Vorbereitung für Konservatorien, Kurse für Vomblattspiel und für Harmonielehre.” Kurse ganz anderer Art, nämlich Kraftfahrkurse, bietet Heinrich Franken in der Jüdtstraße 1 an.

Gegen Messe auf der Promenade

Eine mögliche Verlegung der Messe sorgt in der Stadt für Diskussionen und Entrüstung. „Wie wir hören, sind Bestrebungen im Gange, die auf nichts weniger als eine Verlegung der Messe vom Oberen und Unteren Markt, wo sie von jeher abgehalten wird, auf die Promenade abzielen”, schreibt die Zeitung. „Gegen diesen Plan muß ganz entschieden Stellung genommen werden, da seine Verwirklichung nicht nur eine schwere Schädigung der ganzen Geschäftswelt der inneren Stadt bedeuten würde, sondern auch geeignet wäre, den Fortbestand der vier Jahresmessen in Frage zu stellen.”

Die Redaktion hat noch mehr Argumente: „In allen Städten, die auf ihre Geschäftswelt bedacht sind, werden die althergebrachten Messen aus leicht begreiflichen Gründen an den gewohnten Plätzen in verkehrsreichen Stadtteilen abgehalten. Es ist überhaupt kein vernünftiger Grund ersichtlich, weshalb eine Verlegung der Messe erfolgen soll. Durch die Verlegung würden auch die Fieranten geschädigt und sich es überlegen, ob sie Ansbach künftig noch besuchen. Nicht zuletzt ist es aus ästhetischen Gründen ausgeschlossen, die Buden und Stände an der Promenade aufzustellen, die eine Zierde für unser Stadtbild bedeutet.”

„Frei- und Hüpfübungen der Turnerinnen”

Die „turnerischen und vaterländischen Werbeabende des Turnvereins 1860” haben ein großes Publikum in den Onoldiasaal gelockt. „Die gediegenen Vorführungen in Reigen, Kürturnen an Pferd und Reck sowie Frei- und Hüpfübungen der Turnerinnen fanden die wohlverdiente beifällige Aufnahme.” Der vaterländische Teil der Veranstaltung bestand „unter anderem in lebenden Bildern, mit künstlerischem Geschmack gestellt, die Szenen aus unserer geschichtlichen Vergangenheit wiedergegeben haben”.

Erneut weilen illustre Gäste in Ansbach: „Fürst und Fürstin Ernst zu Löwenstein-Kreuzwertheim sind mit Begleitung und Dienerschaft hier eingetroffen und im Hotel Stern abgestiegen.” Alle Übernachtungen von Auswärtigen in den hiesigen Hotels und Gasthöfen werden der Polizeibehörde gemeldet und in einer „Fremdenstatistik” erfasst. Demnach haben „in den drei ersten Monaten dieses Jahres genächtigt: im Januar 972, im Februar 1004 und im März 1229 Personen”.

Zweiter Hund für die Polizei

Bei der Ansbacher Polizei gibt es aktuell nur einen Polizeihund. „Da er sich bewährt hat, soll nun ein zweiter in Dienst genommen werden”, verkündet die Lokalredaktion. „Herr Sicherheitskommissär Zippold wäre bereit, seinen Hund zur Verfügung zu stellen, wenn ihm die gleiche Vergünstigung gewährt würde wie dem Besitzer des anderen Hundes, nämlich ein Futtergeldzuschuß von monatlich 10 Mark. Dies wird vom Stadtrat genehmigt.”

Alle Hundebesitzer müssen bis spätestens Ende der Woche einen „Hundeuntersuchungstermin” wahrnehmen. „Am Freitag ist den säumigen Hundebesitzern letztmals Gelegenheit zur Erfüllung der Vorführungspflicht gegeben, ohne straffällig zu werden.” Karl Riegel, der Inhaber des Café Roth, „hat in Nürnberg bei der großen Ausstellung für Hotel- und Gastwirtsfach und Kochkunst auf seinen Spezialartikel ,Roths Kinderzwieback‘ unter starker Konkurrenz die silberne Medaille mit Ehrendiplom zuerkannt erhalten”.

Ein Telephon für den Schweinemetzger

In der Bahnhofswirtschaft wird stets frische Milch ausgeschenkt, „denn die Hauptverwaltung der Deutschen Reichsbahngesellschaft hat den Bahnhofswirten jetzt die Bereithaltung frischer Milch zum Verkauf an Reisende zur Pflicht gemacht”. Die Schweinemetzgerei Ringler in der Turnitzstraße ist ab sofort „unter der Rufnummer 165 an das Telephonnetz angeschlossen”. In den Schloßlichtspielen ist der herrlich ausgestattete Film „Amundsens Flug zum Nordpol” zu sehen – und Frau Förster verkauft in der Neustadt ihren Eisschrank.

Wen es selbst in den hohen Norden zieht, der bucht bei Gustav Oppel, dem Ansbacher Vertreter des Norddeutschen Lloyd Bremen, eine Reise: „die 26-tägige Doppelschraubendampfer-Polarfahrt über Island und Spitzbergen an die Grenze des ewigen Eises”.


Lara Hausleitner
Lara Hausleitner
Redakteurin für Lokales und Kultur - und Reisende aus Leidenschaft.

"I have never written a word that did not come from my heart. I never shall."
Nellie Bly
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