Claire Waldoff ist noch heute eine Legende. Die Lieder, die sie sang, zeugen von einem rebellischen Geist in einer schwierigen Zeit, stehen für eine Frau, die sich von Konventionen verabschiedet und einfach ihr Ding macht. Katja Schumann und Veronika Eismont erinnern in ihrem gelungenen Programm „Ich bin nicht schön, aber frech“ an diese beeindruckende Frau.
Claire Waldoffs freche Liedchen sind nicht nur Ausdruck einer Zeit voller Umbrüche und Katastrophen – von der Kaiserzeit bis hin zur NS-Diktatur – sondern waren auch ein Ventil der Hoffnung, durch das frischer Wind in eine festgefahrene und gespaltene Gesellschaft blies. Das macht sie bis heute aktuell.
Die Wahlberlinerin sang nicht nur gegen erstarrte Konventionen an, sondern setzte sich in ihrem Lebensstil, ohne plakative LGBTQ+-Statements, über die Vorstellungen einer Gesellschaft hinweg, die auf Verbote ausgerichtet war.
Der kritische Blick etwa in einem Couplet wie „Hannelore“, welches vom Verschwimmen der Geschlechterrollen handelt, oder bei „Familie Gänseklein“ und der „Ballade vom linken Been“, beides Lieder über Schein und Sein einer Möchtegern-Bürgerlichkeit, erkennt immer noch Prägendes.
Und dabei machen die Lieder, die sie sich schreiben ließ, noch heute richtig Laune. Vor allem, wenn sie von engagierten, frisch agierenden Künstlerinnen wie bei der Premiere in den Ansbacher Kammerspielen dargeboten wurden.
Brillant interpretierte Katja Schumann „Das Schmackeduzchen“. Das Lied von einem Enterich, der sich in einen Rohrkolben verliebte, reflektiert menschliche Beziehungen. Katja Schumanns schauspielerische Präsenz wurde vor allem bei „Wenn Willi Püppchen zu mir sagt“ deutlich. Mit präzisier Gestik unterstrich sie die Emotion des Textes, sodass Wort, Klang und Ausdruck zu einer stimmigen Einheit verschmolzen.
Der Abend bot mehr als Musikkabarett, er verwob Lieder und Leben von Claire Waldoff. Klare, pointierte und mit viel eigenem Witz unterlegte Textpassagen über die Kabarettikone und ihre Zeit vermittelten ein eindrucksvolles Gesamtbild.
Dabei skizzierte Katja Schumann die gewollte oder ungewollte Doppeldeutigkeit im Werk von Claire Waldoff. Wie bei „Hermann heeßt er“, einem Lied, das lange vor der NS-Zeit entstand, doch eben in dieser zur Satire auf den NS-Funktionär Herman Göring weitergedichtet wurde.
Veronika Eismont begleitete in einer sehr angenehmen, natürlichen Art auf dem E-Piano. Als Solopart präsentierte Katja Schumann das Stück „Morphium“, das für den verbreiteten Gebrauch dieser Droge in der Zeit von Claire Waldoff stand.
Dieser erstklassige Abend demonstrierte nicht nur das Können der beiden Künstlerinnen, sondern war ein Stück lebendiger Erinnerungen. Oder, wie es die Akteurinnen in ihrer Ankündigung treffend benannten: „Claire Waldoff: Ein Leben, das erzählt werden muss.“ Die vier Jahre Vorbereitungszeitdafür waren in der Qualität des Programms deutlich zu spüren.