Meistens ist es ganz still gewesen in Ansbachs Onoldiasaal. Das Publikum wollte die „Erschütterungen” hören, von denen Joachim Gauck erzählte. Der Altbundespräsident stellte sein gleichnamiges Buch bei der LesArt vor. Er sagte etwa, wie er Wladimir Putin einschätzt oder welchen Umgang mit der AfD er rät.
Deutschlands elfter Bundespräsident (im Amt von 2012 bis 2017) spannt im Buch mit Co-Autorin Helga Hirsch einen weiten Bogen. Deutlich wird all das im Untertitel „Was unsere Demokratie von außen und innen bedroht”.
Programmmacherin Bettina Baumann hatte den Elder Statesman zu den 29. Literaturtagen eingeladen, und es war ausverkauft. Von rund 730 Besucherinnen und Besuchern sprach Radio-8-Programmleiter Klaus Seeger, der pointiert durchs Programm führte.
Joachim Gauck stehe „wie kaum ein anderer für den Wert der Freiheit”, erklärte Oberbürgermeister Thomas Deffner. Seine „große Freude, dass wir diese besondere Lesung mit Bundespräsident a.D. Joachim Gauck im Namen der VR-Bank Mittelfranken Mitte als Hauptunterstützer begleiten dürfen”, drückte Vorstandsvorsitzender Dr. Gerhard Walther aus.
Der Altbundespräsident trug sich ins Goldene Buch der Stadt ein und las kurz aus seinem Werk. Die meiste Zeit in mehr als zwei Stunden aber unterhielt er sich mit Klaus Seeger. Über Russlands Machthaber Wladimir Putin etwa hält Joachim Gauck Illusionen für unangebracht.
Der sei Offizier der Geheimpolizei gewesen, die „nichts anderes zu tun hat, als die Macht der Herrschenden zu sichern”. Der gelernte Pastor ging auf die Oppositionellen Boris Nemzow und Alexej Nawalny ein. Als sie aufgetaucht seien, „die imstande gewesen waren, Massenproteste auf die Straßen von Moskau und anderen Städten zu bringen, dann lebten diese Menschen nicht mehr lange”.
Als verführerischen Quatsch geißelte es Joachim Gauck, auf den Ukraine-Krieg anspielend, „dass der arme Putin sich bedroht fühlte durch die Nato”. Diesen trügen AfD, Sahra Wagenknecht und ihr BSW sowie große Teile der Linken vor. Putin habe noch 1999 und 2004 gesagt, die Nato sei für Russland kein Problem.
„Russland führt einen unprovozierten Krieg gegen ein Nachbarland“; und es sei „schrecklich, dass wir so lange überlegen mussten, ob wir der Ukraine Waffen geben”. Adolf Hitler hätten Waffen, nicht Gedanken und Gefühle besiegt.
In der Wehrdienst-Debatte möchte der 85-Jährige „gerne wie unser Bundespräsident sehen, dass junge Leute ein Jahr was für die Gesellschaft tun, nach Möglichkeit freiwillig”. Aber die Gesellschaft werde nicht undemokratisch, wenn gewisse Zwänge bestünden.
„Ich weiß, wohin Nationalismus dieses Land geführt hat”, betonte er. Deshalb könne er Parteien nicht ertragen, die ein Gefälle hin zum Nationalismus haben. Der Weg eines AfD-Verbots klappt gemäß Joachim Gaucks Angaben wohl nicht. Die nationalpopulistischen Parteien in Europa hätten als Hauptursache für ihren großen Erfolg die un- oder zu schlecht gelösten Probleme mit Zuwanderung und Migration.
Der Altbundespräsident nannte zwei Beispiele, in denen Politik sich anschickte, Leute aus dem nationalpopulistischen Wählerinnen- und Wählerpotenzial zurückzuholen: den österreichischen Konservativen Sebastian Kurz und die dänische Sozialdemokratin Mette Frederiksen.
Indirekt ging er auf Angela Merkels Geflüchtetenpolitik ein: „Als nur angesagt wurde, also das schaffen wir, war das nicht genug Information für besorgte Menschen.“ Er wiederholte eine eigene Aussage aus seiner Amtszeit: „Unser Herz ist weit. Aber unsere Möglichkeiten sind endlich.”
Er habe nicht gesagt, das Boot wäre voll, weil es das nicht gewesen sei. Spreche man aber nur über die Vorteile von Zuwanderung und verweise die mitgebrachten Probleme an den rechten Rand oder den Stammtisch, dann stimme etwas nicht.
Die Brandmauer hält er bei der gegenwärtigen AfD für die richtige politische Antwort. Deren Richtung bestimme der Höcke-Flügel. Daher könne die heutige Union nicht mit ihr koalieren. Und kommunal? „Ich bin da nicht allergisch”, wenn man gemeinsam abstimme, ein Gewerbegebiet zu erschließen oder die Schule zu sanieren.
Am Schluss war es gar nicht mehr still. Der Applaus mit Standing Ovations dauerte lange, und das frühere Staatsoberhaupt signierte noch viele Bücher.