Wanderausstellung in Sugenheim: Berührende Familiengeschichten von Deutschen aus Russland | FLZ.de

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Veröffentlicht am 19.03.2025 15:00

Wanderausstellung in Sugenheim: Berührende Familiengeschichten von Deutschen aus Russland

Zur Ausstellungseröffnung im Schäfer-Haus gab es auch Tänze, die die Mädchen der Ansbacher Ortsgruppe der Landsmannschaft darboten. (Foto: Judith Marschall)
Zur Ausstellungseröffnung im Schäfer-Haus gab es auch Tänze, die die Mädchen der Ansbacher Ortsgruppe der Landsmannschaft darboten. (Foto: Judith Marschall)
Zur Ausstellungseröffnung im Schäfer-Haus gab es auch Tänze, die die Mädchen der Ansbacher Ortsgruppe der Landsmannschaft darboten. (Foto: Judith Marschall)

„Manche sagen einfach Russlanddeutsche“, erzählt Albina Baumann, stellvertretende Bundesvorsitzende der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland im Gespräch mit unserer Zeitung. Man merkt Baumann an, dass sie darüber nicht glücklich ist. Am Sonntag wurde eine Ausstellung in Sugenheim eröffnet, die aufklären soll.

21 Schautafeln verweisen unter anderem auf berührende Familiengeschichten. Baumann ist zusammen mit Projektleiter Dr. Eugen Eichelberg nach Sugenheim gekommen, um die Wanderausstellung „Deutsche aus Russland – Geschichte und Gegenwart zur eröffnen“. Die Ausstellung gilt als profundestes Mittel der Öffentlichkeitsarbeit der Landsmannschaft.

Wozu Feindseligkeiten gegenüber Minderheiten führen

Sie erzählt von den Deutschen aus der Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten. Sie soll auch zeigen, wozu „Feindseligkeiten gegenüber Minderheiten führen“, heißt es im Ausstellungskatalog im Vorwort von Johann Thießen, dem Bundesvorsitzenden der Landsmannschaft.

Die Ausstellung tingelt seit drei Jahrzehnten durch die Lande, inzwischen in der fünften Auflage. Das Besondere in Sugenheim ist, dass Waldemar Hubert, der 1993 im Alter von drei Jahren aus Kasachstan nach Deutschland kam, das „Schatzkästchen seiner Familie“ geöffnet hat und damit dem allgemeinen Teil eine persönliche Note beigegeben. Der Sugenheimer hat eine Vitrine zusammengestellt, die etwa die Konfirmationsurkunde von Ururgroßmutter Magdalena Maile zeigt, genauso wie Fotos von der Feldarbeit im Kaukasus 1915 oder die alte Familienbibel der Familie Messerle aus dem Jahr 1820. Auch die Tracht, die seine Vorfahren trugen, wird ausgestellt.

Hubert hat sich zudem bereiterklärt, während der Ausstellungszeit Führungen anzubieten. Zur feierlichen Eröffnung sind etwa die Landtagsabgeordneten Werner Stieglitz (CSU) und Harry Scheuenstuhl (SPD) gekommen. Aus der Ansbacher Ortsgruppe der Landsmannschaft hat die Vorsitzende Dina Matveeva eine Tanzgruppe mitgebracht. Die Mädchen sorgen mit ihren Einlagen genauso wie Akkordeonspieler Waldemar Haffner aus Schillingsfürst fürs kulturelle Rahmenprogramm.

Zarin Katharina II. lockte ihre Landsleute

Eichelbergs Vortrag fasst die Grundzüge der Ausstellung zusammen. Er berichtet etwa vom Manifest der Zarin Katharina II. Die erste Deutsche auf dem russischen Zarenthron räumte mit ihrem Aufruf Ausreisewilligen großzügige Privilegien ein. Dazu gehörte die unentgeltliche Zuweisung unbebauten Landes, bis zu 30 Jahre Steuerfreiheit oder die Befreiung vom Militärdienst.

Zugleich beschrieb Eichelberg die Mühsal der Auswanderer, die in Etappen zum Beispiel das Schwarzmeergebiet erreichten. Über Not und Elend aber auch über besonderen Fleiß und den Zusammenhalt der Neubürger sollte in diesem Vortrag die Rede sein. Der Referent berichtete über die harten Lebensbedingungen der Bauern und Handwerker auf der Suche nach einer neuen Heimat. Zwischen 1810 und 1815 überlebte ein Drittel der Emigranten die Strapazen des Neuanfangs in Russland nicht, führte Eichelberg aus.

Weitere Katastrophen folgten: Im ersten Weltkrieg wurden 300.000 deutsche Männer in die russische Armee eingezogen, die Zivilisten erlitten schwere Repressionen (Verschleppung nach Sibirien, Pogrome). Während des Bürgerkrieges in Russland (1918-1922) wurden Tausende von Deutschen enteignet und ermordet. Manche wanderten nach Nord- oder Südamerika aus.

Unter Stalin wurden die Bauern enteignet

Unter Stalin wurden nicht nur die Groß- sondern auch die mittelständischen Bauern enteignet. Bis Ende 1941 wurden aus dem europäischen Teil der Sowjetunion 794.000 Deutsche nach Kasachstan und Sibirien deportiert. Eine Tafel der Ausstellung verweist auf die Jahre des „Großen Terrors“. Diese trafen die gesamte Bevölkerung – Russen, Ukrainer, Deutsche, Juden oder Finnen wurden im Rahmen der „stalinistischen Säuberungen“ verhaftet und in Arbeitslager verbracht oder zum Tode verurteilt.

Mit Eintritt der Sowjetunion in den zweiten Weltkrieg im Juni 1941 verschlimmerte sich die Lage der deutschen Minderheit eher noch: Enteignungen, Zwangsumsiedlungen, Verhaftungen, Arbeitslager, Rekrutierungen in die Trudarmee. Und nach dem Krieg wurde die Lage zunächst nur wenig besser.

Die Spätfolgen der Deportationen

In diesem Zusammenhang sprach Referent Eichelberg die Spätfolgen der Deportationen an. „Viele Kinder hatten den elterlichen Schutz verloren. Wenn sie dies überlebt hatten, so schraubten sie die Erwartungen an das Leben herunter“, berichtete Eichelberg. Dieses Gefühls- und Verhaltensmuster sei an nachfolgende Generationen weitergegeben worden. Eichelberg sprach von Traumata, die auch heute noch krank machten.

Die Ausstellung im Schäferhaus ist bis zum 31. März täglich zwischen 9 und 16 Uhr geöffnet. Führungen (besonders auch für Schulklassen) können mit Waldemar Hubert, Telefon 0152/29479435, vereinbart werden.


Von Judith Marschall
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