„Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“ - einen solchen Hinweis gibt es zu fast jedem Medikament. Was vielen aber nicht bewusst ist: Auch wenn die Psychotherapie als wirksame Methode zur Behandlung psychischer und psychosomatischer Erkrankungen gilt, birgt sie Risiken und kann unerwünschte Nebenwirkungen haben. Ausführlich aufgeklärt werden Patientinnen und Patienten aber längst nicht immer.
Zwei Experten geben Antworten auf wichtige Fragen zum Thema:
Warum geht eine Psychotherapie mit Nebenwirkungen einher?
„Eine Psychotherapie ohne Nebenwirkungen kann es nicht geben“, sagt Bernhard Strauß vom Institut für Psychosoziale Medizin, Psychotherapie und Psychoonkologie am Universitätsklinikum Jena. Der Seniorprofessor beschäftigt sich seit langem mit den Ursachen und Auswirkungen unerwünschter Effekte der Psychotherapie.
Denn bei einer solchen Behandlung geht es darum, dass der Therapeut oder die Therapeutin gemeinsam mit dem Patienten über Gespräche etwas Grundlegendes ändern möchte.
Kommen bei dieser Form von Aufarbeitung beim Patienten oder bei der Patientin schmerzhafte Erinnerungen hoch oder sind sie etwa mit Ängsten konfrontiert, sind unangenehme Emotionen wie innere Unruhe oder Trauer und Wut wahrscheinlich. Das kann sich beispielsweise in Weinen oder Verzweifeltsein äußern.
„Eine solche Art von Nebenwirkungen ist aber nötig, um das Problem in den Griff zu bekommen und den Weg für dauerhafte Veränderungen freizumachen“, so Strauß. In der Folge ist eine vorübergehende, aber notwendige Verschlechterung der Beschwerden des Patienten oder der Patientin möglich.
Gibt es auch unerwünschte Nebenwirkungen in der Psychotherapie?
Ja, es gibt auch unerwünschte Nebenwirkungen in der Psychotherapie, wie der Psychiater Prof. Michael Linden von der Charité in Berlin sagt. Das Spektrum der möglichen Nebenwirkungen ist relativ breit. Einige Beispiele:
Wie häufig kommen unerwünschte Nebenwirkungen vor?
Schwerwiegende und überdauernde Negativentwicklungen finden sich nach vorsichtigen Schätzungen in etwa zehn Prozent aller Fälle, wie Linden sagt. Davon abzugrenzen seien jedoch Folgen von Behandlungsfehlern oder sogar kriminellem Verhalten, wie zum Beispiel sexuelle Übergriffe.
Die Form der Psychotherapie ist dabei in aller Regel nicht entscheidend. Prinzipiell können Strauß zufolge alle Formen von Psychotherapien Risiken für Nebenwirkungen haben.
Linden nennt ein Beispiel: Ein Mann leidet unter Angstattacken und macht eine Verhaltenstherapie. Zu der Behandlung gehört, dass der Patient unter therapeutischer Begleitung Situationen ausgesetzt wird, die Angst auslösen.
Ist eine solche Exposition schlecht vorbereitet oder ist der Patient der Situation zu unvermittelt ausgesetzt, ist eine Re-Traumatisierung nicht ausgeschlossen - und in der Folge geht es dem Mann schlechter.
Was sollten Patientinnen und Patienten tun, wenn die Therapie unerwünschte Nebenwirkungen hat?
Wer unerwünschte Nebenwirkungen bemerkt, sollte das Gespräch mit dem Therapeuten oder der Therapeutin suchen. „Es ist wichtig, die festgestellten Veränderungen offen anzusprechen“, sagt Michael Linden. Womöglich ist es erforderlich, den therapeutischen Ansatz anzupassen.
Wichtig ist auch ein offener Austausch mit dem Behandler. Eine Option kann sein, gemeinsam mit der Therapeutin oder dem Therapeuten Bewältigungsstrategien und Techniken zu erarbeiten, wie man außerhalb von Sitzungen mit Nebenwirkungen (etwa innere Unruhe oder Wut) umgehen kann.
„Hilft das nicht weiter, kann es sinnvoll sein, eine Zweitmeinung einzuholen“, sagt Linden. Wer die Psychotherapie dauerhaft eher be- als entlastend empfindet, sollte einen Therapeutenwechsel in Erwägung ziehen.
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