Veröffentlicht am 24.07.2022 14:16

Umbau zum Kaspar-Hauser-Zentrum: Die Zeitreise des Gebhardt-Hauses hat begonnen

So verwuchert sah der Innenhof lange aus: Stephan Weber, Projektentwickler des künftigen Kaspar-Hauser-Zentrums, stand zu Beginn der Sanierungsarbeiten hier noch mitten im Grünen. (Foto: JAMES EDWARD ALBRIGHT JR)
So verwuchert sah der Innenhof lange aus: Stephan Weber, Projektentwickler des künftigen Kaspar-Hauser-Zentrums, stand zu Beginn der Sanierungsarbeiten hier noch mitten im Grünen. (Foto: JAMES EDWARD ALBRIGHT JR)
So verwuchert sah der Innenhof lange aus: Stephan Weber, Projektentwickler des künftigen Kaspar-Hauser-Zentrums, stand zu Beginn der Sanierungsarbeiten hier noch mitten im Grünen. (Foto: JAMES EDWARD ALBRIGHT JR)

Der Kran am Montgelasplatz ragt zwanzig Meter in die Höhe, Arbeiter gehen ein und aus. Der vielbeachtete Umbau des Gebhardt-Hauses zum Kaspar-Hauser-Zentrum schreitet nach langer Verzögerung nun zügig voran. Es sind nicht weniger als die ersten Schritte auf einer Reise durch die Zeit.

Mehr als 15 Jahre lang ist hier nichts passiert, Passanten gingen achtlos vorbei an dem Haus, in dem das wohl berühmteste Findelkind der Welt 1829 eine neue Heimat fand. Die in den Fensterrahmen angebrachten Graffiti-Bilder waren längst kein Blickfang mehr – ein historisches Ensemble mit dem nicht minder bedeutungsschwangeren Hintergrund verkam zusehends.

Die Befürchtungen waren groß, dass aus dem Sitz des namensgebenden und im Jahr 1900 gegründeten Schreibwarengeschäfts Gebhardt eine Bauruine wird. Die nach der Schließung des Papier- und Schreibwaren-Ladens anno 2003 angedachte Nutzung als Erlebnisgastronomie zerschlug sich, eine Bürotechnik-Firma scheiterte nach nur einem Jahr, die Idee einer Markthalle verpuffte.

Erst das Jahr 2006 sollte aus heutiger Sicht den entscheidenden Schritt in Richtung einer neuen Zukunft markieren für das auch bauhistorisch interessante Ensemble, das sich aus den Gebäuden Pfarrstraße 16, 18 und 20 zusammensetzt.

Damals kaufte Hermann Pfeiffer mit seinem in Ansbach ansässigen Ingenieurbüro „PS Planung & Service GmbH“ die Immobilie. Ursprünglich plante Pfeiffer, es nach der Sanierung als Wohn- und Büroraum zu vermieten. Doch das Projekt wurde nie realisiert – aus heutiger Sicht ein Glücksfall, meint Stephan Weber. Der Projektentwickler ist für die Umsetzung und strategische Ausrichtung des Millionen-Projekts Kaspar-Hauser-Zentrum verantwortlich.

„Es gibt kein besseres Narrativ als Kaspar Hauser“, findet Weber im Hinblick auf die äußere Wirkung der neuen Nutzung und die innere Gestaltung einer großen Idee. Mit einem Café, in dem zwölf Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung geschaffen werden, einem Hotel und dem Seminarzentrum für heilende Pädagogik werden bislang brachliegende Potenziale wiedererweckt. Am Montgelasplatz, der trotz der Innenstadtlage bisweilen wie ausgestorben wirkt, zieht neues Leben ein.

Noch bedarf es einiger Fantasie, sich ein süßes Stück Kuchen mit einem dampfenden Kaffee auf der Terrasse des nach Hausers wahrscheinlicher Mutter „Stephanié“ benannten Café vorzustellen. Doch „die Bausubstanz ist gut“, wie Weber erklärt. Immerhin stammen die ältesten Teile des Hauses, in dem Kaspar Hauser bis zum Mordanschlag im Hofgarten 1833 lebte, bereits aus dem 16. Jahrhundert. „Es geht gut voran“, kann Weber aber vermelden.

Zunächst entkernten die Arbeiter die weit verzweigten Kellergewölbe, grobe Steine wurden weggeschafft, die Erde abgetragen. Die Aufgabe, die Fundamente zu versteifen und einem Einsturz vorzubeugen, übernehmen die in Beton gegossenen Bodenplatten. Die Wände sind jetzt verputzt. „Es gab keine bösen Überraschungen. Im Keller sind wir fast fertig“, schildert Weber den Baufortgang und meint augenzwinkernd: „Die Schätze sind noch alle vergraben.“

Der Innenhof, in dem bis vor wenigen Wochen noch Urwaldatmosphäre vorherrschte, ist längst vom Wildwuchs befreit. Ein kleiner Bagger hat die Aufräumarbeiten beschleunigt, Streifenfundamente sind gegossen, der Boden, unter dem neue Leitungen versteckt sind, ist mit einer Dämmung versehen worden.

Nur ein paar Meter weiter, etwas versteckt im Eck, ist bereits die in Beton gegossene Umrandung zu erkennen, hinter der einmal der Aufzug Menschen auf die Dachterrasse und in die oberen Etagen befördern wird. Im nächsten Bauabschnitt werden schwere Stahlträger über die einzelnen Dachabschnitte der drei Häuser eingezogen, um für Stabilität zu sorgen und die nur aus der Vogelperspektive zu erkennenden Unwuchten zu beseitigen. Auch hier ist es ein Spagat – zwischen Vergangenheit und Zukunft. Florian Pöhlmann

Dieser Artikel erschien erstmals am 3.März 2022 in der FLZ

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