Veröffentlicht am 24.12.2022 09:18

Muskeltraining dringend nötig: Tina (7) hofft auf neue Technik

Tina und ihr Pflegevater Markus Lux sind schon jetzt ein starkes Team. Ein eigenes Vibrationsgerät könnte der Siebenjährigen aber noch mehr bringen. (Foto: Manfred Blendinger)
Tina und ihr Pflegevater Markus Lux sind schon jetzt ein starkes Team. Ein eigenes Vibrationsgerät könnte der Siebenjährigen aber noch mehr bringen. (Foto: Manfred Blendinger)
Tina und ihr Pflegevater Markus Lux sind schon jetzt ein starkes Team. Ein eigenes Vibrationsgerät könnte der Siebenjährigen aber noch mehr bringen. (Foto: Manfred Blendinger)
Tina und ihr Pflegevater Markus Lux sind schon jetzt ein starkes Team. Ein eigenes Vibrationsgerät könnte der Siebenjährigen aber noch mehr bringen. (Foto: Manfred Blendinger)

Tina sitzt am großen Tisch neben dem Christbaum im Wohnzimmer. „Kann ich noch so eines nehmen?“ Sie schiebt ihre Hand zum Teller in der Tischmitte. Ihre Finger greifen zu. „Ich mag am liebsten Butterplätzchen.“ Ein Biss, ein breites Lächeln, strahlende Augen. Ihr gegenüber sitzt Markus Lux. „Ich hätte mein Haus verwettet, dass ich so etwas nie sehen werde.“

„Es ist unglaublich, was sie in den vergangenen drei Monaten für einen Sprung gemacht hat“, sagt der 45-Jährige. Nach langer Wartezeit durfte Tina mit ihrem Pflege-Papa an den Rhein. Zwei Wochen Trainingslager im Zentrum für Prävention und Rehabilitation der Uniklinik Köln. „Es gab täglich sechs Einheiten mit vielen Übungen. Das hat die Welt für Tina geöffnet.“

Tinas Pflegefamilie ließ sich nicht entmutigen

Vorher war Sicherheit das wichtigste Ziel. Entsprechend eng ging es für das Mädchen zu. „Sie war immer angeschnallt, damit sie nicht wegkippt.“ In der Kölner Uni-Reha ist das Ziel, dass sich auch behinderte Kinder selbst halten können. Das fängt an bei anderen Rollstühlen und Gehhilfen. Und hört auf bei gezielten Übungen, um Muskeln und die Koordination zu stärken.

Das Haus am Hang in Dagenbach, einem Ortsteil von Trautskirchen im Kreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim, wurde wenige Wochen nach ihrer Geburt zum Zuhause für Tina. Sie ist mit schweren Behinderungen zur Welt gekommen. Bei der Geburt nach nur 28 Wochen erlitt sie Hirnblutungen, die ihre gesamte Motorik stören. Krampfanfälle brachten sie mehrfach in akute Lebensgefahr. Ihre leiblichen Eltern konnten sich nicht um sie kümmern, doch ihre Pflegefamilie ließ sich auch nicht von den niederschmetternden Prognosen der Ärzte entmutigen.

Markus Lux trägt Tina über die steile Treppe nach unten in ihr Zimmer. „Sie ist total glücklich, nach dem Umbau unseres Hauses jetzt ihr eigenes Reich zu haben.“ Die Siebenjährige steht an ihrem Bett, zieht sich ein bisschen hoch, hebt das linke Bein auf die Matratze, drückt die Arme ab und lässt sich nach rechts fallen. Geschafft. Wenn sie später zum Schlafen wieder ihr Spezialbett erklimmt, wird hinter ihr ein Gitter hochgezogen, das sie in der Nacht schützt.

Ihr Zimmer ist ein kunterbuntes Paradies für Spielsachen und Stofftiere, aber auch Tinas Kraftraum. Neben der Tür hängt eine Sprossenwand, davor sind Polstermatten und ein Gerät voller positiver Vibrationen. Es sieht ein bisschen aus wie eine riesige Personenwaage, ist aber voller Elektronik.

„Man kann ganz fein einstellen, wie stark das Gerät an welcher Stelle in welchem Rhythmus vibriert“, erklärt der 45-Jährige. „Wir haben es in der Reha für ein halbes Jahr mit nach Hause bekommen. Dazu gehört ein exaktes Trainingsprogramm mit verschiedenen Übungen für die einzelnen Körperstellen.“

Seit einigen Monaten in der Schule

Trainiert wird nach den Vorgaben der Kölner Bewegungsexperten zehn Mal pro Woche jeweils 15 Minuten. „Die Übungen machen Tina Spaß und bringen viel. Weil sie sich kaum selbst bewegen kann, geht der Muskelaufbau nur so“, sagt ihr Pflegevater. „Wir lassen keine Einheit aus, auch wenn die Zeit mal knapp ist.“

Unter der Woche geht es für Tina um 7 Uhr ins fast 70 Kilometer entfernte Altdorf, weil sie nur dort in ein Förderzentrum für Körperbehinderte der Rummelsberger Diakonie zur Schule gehen kann. Ihr erstes Schuljahr hat im Herbst begonnen, vorher war sie in einer integrativen Tagesstätte in Trautskirchen. Spät am Nachmittag ist sie wieder zurück.

Auf dem Vibrationsgerät vor der Sprossenwand kann die Siebenjährige Bewegungen und Stellungen vorsichtig üben. Sie wiegt nur 15 Kilo und muss dringend kräftiger werden. Neben den Muskeln wird mit der fein dosierbaren Technik ganz sachte auch die Koordination verbessert, der Kreislauf in Schwung gebracht und an dem langen Weg gearbeitet, irgendwann einmal auf eigenen Beinen stehen zu können.

Spastiken auf der rechten Seite, vom Fuß bis zur Hand, machen die Sache nicht leichter. Auch der linke Fuß dreht sich oft ein. „Aber inzwischen kann sie den Kopf schon aufrecht halten“, freut sich ihr väterlicher Coach. „Der Kopf fiel ihr vorher immer auf die linke Schulter.“

Die Krankenkasse zahlt viele Hilfsmittel, aber ein Vibrationsgerät steht nicht auf ihren Listen für mehrfach behinderte Kinder. Es kostet 5000 Euro. „Wir wollen das Gerät im Frühjahr unbedingt behalten, weil es Tina wahnsinnig viel bringt“, sagt Markus Lux. „Vielleicht schaffen wir das mit der Hilfe von Spenden.“

Noch einmal Reha für Tina

Im Februar geht es noch einmal für eine Woche an die Kölner Uni-Reha. Dann feiert Tina ihren achten Geburtstag in ihrer Pflegefamilie, die sich seit dem ersten Tag gewandelt hat.

Der Anker in ihrem Leben ist Markus Lux, dem das Jugendamt auch vertraute, als seine Ehe vor eineinhalb Jahren auseinanderging. Tina sieht ihre erste Pflegemutter weiter regelmäßig – und hat zur neuen Lebensgefährtin einen engen Draht gefunden. „Ich war sehr glücklich, dass Sarah mit ihrer dreijährigen Tochter diese spezielle Konstellation voll angenommen hat“, sagt Markus Lux. Er kümmert sich schon länger um ein zweites Pflegekind, ein ebenfalls dreijähriges Mädchen.

Der 45-Jährige hat inzwischen auch beruflich mit Kindern zu tun. Seine Stelle als CNC-Fräser gab der gelernte Formenbauer auf. Jetzt arbeitet er als Integrationshelfer in einer Tagesstätte in Neuhof/Zenn. Die überraschend positive Entwicklung von Tina macht ihm Mut, welche unerwarteten Chancen es für behinderte Kinder geben kann. „Ich hatte es komplett abgehakt, dass sie jemals laufen wird“, blickt Markus Lux auf die Anfänge mit Tina zurück. „Aber wer weiß?“

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Manfred Blendinger
Manfred Blendinger
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