Sie machen Urlaub in Franken, als ein radikalisierter Geflüchteter sie angreift. Heute sind die chinesischen Opfer des Axt-Anschlags im Regionalzug von Ansbach nach Würzburg wieder in ihrer Heimat. Vergessen können sie nicht.
Zehn Jahre ist die islamistisch motivierte Attacke eines Geflüchteten auf eine Touristenfamilie in einem Zug in Würzburg nun her. Für die Opfer ist der Angriff nicht nur am Jahrestag, dem 18. Juli, besonders präsent. „Der Anschlag hat sichtbare Narben hinterlassen, und seine Auswirkungen auf unsere Gesundheit sind nachhaltig“, berichtet eine 36-Jährige, die zusammen mit ihrem Mann in Hongkong lebt.
Beide wollen ihren Namen nicht in die Öffentlichkeit tragen. Hans-Peter Trolldenier von der Gesellschaft für Deutsch-Chinesische Freundschaft Würzburg (GDCF) übermittelt der Deutschen Presse-Agentur die Zeilen der Frau, die mittlerweile Mutter geworden ist.
„Auch heute noch leben wir mit einigen dieser Folgen. Mit der Zeit haben wir jedoch verstanden, dass Narben zwar bleiben mögen, aber nicht bestimmen, wer wir sind oder wie wir leben möchten“, schreibt die Geschädigte.
Die 36-Jährige bedankt sich abermals für die Hilfe, die ihrer Familie damals in Würzburg entgegengebracht worden sei. „In einer der dunkelsten Phasen unseres Lebens erlebten wir ein außergewöhnliches Maß an Mitgefühl, das wir nie vergessen werden.“
Es ist ein sonniger Montagabend am Bahnhof Ansbach. Am 18. Juli 2016 um 20.10 Uhr nimmt die Regionalbahn 58130 auf Gleis 3 die letzten Fahrgäste an Bord, dann setzt sich der Triebzug in Bewegung gen Würzburg. Durch sanfte Kurven zuckelt die Bahn an der Frankenhöhe entlang. 20 Minuten später erreicht der Zug Steinach bei Rothenburg. Eine Familie aus Hongkong wartet dort mit anderen Fahrgästen bereits am Bahnsteig. Es ist die 36-Jährige mit ihrem Partner und ihren Eltern. Auch ihr Bruder ist dabei. Sie hatten einen Urlaubstag in Rothenburg genossen, mit der Bahn soll es jetzt weiter nach Würzburg gehen.
Nur wenige Kilometer weiter macht sich in der Zeit allerdings ein 17-Jähriger auf den Weg zum Bahnhof Ochsenfurt. Er wird die Pläne der chinesischen Familie und die aller anderen 25 bis 30 Fahrgäste im Zug durchkreuzen. „Ich warte jetzt auf den Zug”, schreibt er kurz vor 21 Uhr per Handy noch seinem Hintermann. Dann steigt er ein in die RB 58130 und entfesselt den Terror.
Kurz vor dem Endhalt Würzburg geht er mit einer Axt und einem Messer willkürlich auf Passagiere los, so wie er es zuvor Islamisten, mit denen er in Kontakt stand, angekündigt hatte. Zu seinen Opfern wird die Familie aus Hongkong: Beide Eltern, die heute 36-Jährige und ihr Partner werden schwer verletzt. Zwei weitere Menschen stürzen auf der Flucht und erleiden leichte Verletzungen.
Als der Zug per Notbremse stoppt, springt der 17-Jährige heraus und flüchtet. Dabei schlägt er mit der Axt noch auf eine Passantin ein, auch sie erleidet schwere Verletzungen. Als ihn Polizisten etwa 500 Meter entfernt vom Zug aufspüren, geht er auch auf die Einsatzkräfte los. Zwei Schüsse aus Polizeiwaffen töten den Angreifer.
Der 17-Jährige war als unbegleiteter minderjähriger Geflüchteter nach Deutschland gekommen. Als Herkunftsland gab er Afghanistan an. Der Jugendliche lebte erst in einem kirchlichen Heim in Ochsenfurt (Landkreis Würzburg), dann bei einer Pflegefamilie auf dem Land.
Mit Aussicht auf eine Lehrstelle absolvierte er ein Praktikum bei einer Bäckerei. Kurz vor der Tat soll ein enger Freund von ihm in Afghanistan ums Leben gekommen sein. Nach polizeilichen Erkenntnissen bestanden keine Vorbeziehungen zwischen den Geschädigten und dem Täter.
Die Ermittler stuften die Tat als islamistischen Anschlag ein. Den Angriff reklamierte die Terrormiliz IS für sich. Es war der erste bekannte IS-Terroranschlag in Deutschland. Nur wenige Tage später folgte dann der Bombenanschlag am Ansbach Open – auch hier hatte der Täter Verbindungen zum „Islamischen Staat”.
Die Gesellschaft für Deutsch-Chinesische Freundschaft Würzburg betreut normalerweise vor allem chinesische Studierende und Dozenten, die an die Würzburger Universität kommen. Den Kontakt zu den Anschlagsopfern stellte zunächst eine chinesische Studentin her. Trolldenier zeigte den Angehörigen der Geschädigten später und – sobald das möglich war – auch den Opfern Würzburg und fuhr mit ihnen ins fränkische Weinland. Seither haben sie ein enges Verhältnis.
Nach Worten der 36-Jährigen aus Hongkong waren damals viele Menschen an ihrer Genesung beteiligt, nicht nur medizinische Teams, denen sie heute noch dankbar sei. Überwältigend seien vor zehn Jahren auch die Anteilnahme der Bevölkerung an ihrem Schicksal gewesen und die Spenden.
„Eure Großzügigkeit und euer Mitgefühl haben unsere gebrochenen Herzen mit Hoffnung und Kraft erfüllt und uns daran erinnert, dass es auch in den schwierigsten Zeiten noch Gutes gibt“, berichtet die 36-Jährige. Viele Karten, Briefe und Nachrichten von damals habe sie aufbewahrt.
Obwohl der Anschlag eine Tragödie gewesen sei, „hat er unser Leben nicht bestimmt. Stattdessen hat er uns etwas weitaus Wichtigeres gelehrt – hoffnungsvoll zu bleiben, die Gegenwart zu schätzen und in Dankbarkeit zu leben. Selbst in schwierigen Zeiten gibt es Licht.“