Goethe wäre eigentlich gerne Naturwissenschaftler geworden, Brando lieber Literaturprofessor und Horst Haitzinger ein altmeisterlicher Maler. Im Gegensatz zu den beiden vorher Genannten hat sich der bekannte Karikaturist seinen geheimen Berufswunsch erfüllt: Er ist tatsächlich auch ein meisterlicher Maler.
Davon kann sich der Besucher der aktuellen Ausstellung im Ludwig- Doerfler-Museum überzeugen. „Fantastische Welten – Horst Haitzinger als Ölmaler“ heißt diese Sonderschau, die eine Auswahl hochwertiger Kunstdrucke präsentiert.
Schon in seiner aktiven Zeit als Karikaturist hat Horst Haitzinger in freien Stunden der Ölmalerei gefrönt. Mitunter dienten ihm dabei die Aquarelle, die er für verschiedene Magazine schuf, als eine Art Vorstudie. „Adam und Eva können bleiben“ heißt eines davon. Ein Suchbild, das einen großen Baum mit allerlei Getier zeigt. Von dem Menschenpaar allerdings scheint jede Spur zu fehlen.
Bei genauer Beschau findet man ganz fein angedeutet eine krakelige Bleistiftskizze, die man mit viel Fantasie als Andeutung der Gesuchten interpretieren könnte. Im Ölgemälde gleichen Titels, dem jüngsten Ölbild Haitzingers, sind sie an gleicher Stelle dann tatsächlich als ganz kleine Figuren zu erkennen: Adam in der berühmten, von Michelangelo an der Decke der Sixtinischen Kapelle dargestellten Pose mit dem zu Gott hin ausgestreckten Finger. Ihm gegenüber Eva, gar nicht gottgleich, sondern fast ein wenig pummelig, in der Hand einen Apfel darbietend.
Solche Zitate sind typisch für Horst Haitzinger. In der detailfreudigen Opulenz seiner Ölbilder finden sie sich zuhauf. Da wäre etwa „Der Turmbau zu Babel“. Er habe sich einst im Kunsthistorischen Museum in Wien an einen Pieter Bruegel dem Älteren fast die Nase platt gedrückt und dadurch mehrmals die Alarmanlage ausgelöst, erinnert er sich.
Das Gemälde von 1563 beschäftigt sich mit dem sagenhaften Bauwerk, das laut Bibel aufgrund seiner Hybris von Gott zum Einsturz gebracht wurde. Seitdem haben die Menschen bekanntlich Schwierigkeiten, sich zu verständigen. Der niederländische Meister zeigt auf seinem Bild den Turm im Bau befindlich. Im Vordergrund, am linken unteren Bildrand, die wohl adligen Bauherren inmitten von einer Schar von Steinmetzen. Gerüste, Bauhütten, Zelte umgeben das entstehende Monument.
Vieles davon übernimmt Haitzinger. Sein Turm kommt Bruegels Original sehr nahe, die Umgebung ist dagegen leicht verändert. Statt adliger Besuchergruppe umgibt ein Gewässer das Bauwerk, das sich in dessen Oberfläche spiegelt. Wie bei Bruegel gibt es da diese kleine Wolke vor dem oberen Stockwerk. Haitzinger nutzt diese, um eine Spitze aus ihr hervorwachsen zu lassen, und vollendet auf diese Weise den Bau. Doch nicht nur das. Im Hintergrund ist bereits ein zweiter Babel-Turm zu erkennen, der gerade in die Höhe wächst. Ein Blick in die Zukunft, der andeutet, dass es dem Menschen vielleicht schwer fällt, aus seinen Fehlern zu lernen?
So ganz kann sich Horst Haitzinger also auch in seinen Ölbildern augenzwinkernder Kommentare nicht enthalten. Auch sein Herzensthema Umweltschutz – oder vielmehr der Raubbau an der Natur – kommt darin immer wieder zum Ausdruck.
Häufig ist das vordergründige Idyll bedroht von einer tiefer liegenden, verborgenen Welt, die Verfall oder Fragilität andeutet. Sein eigener Wohnsitz auf dem Lande dient ihm da als Vorlage, ein großzügiges Haus mit schönem Garten, ein echter Wohlfühlort, der allerdings auf tönernen Füßen steht. Darunter tut sich eine zerklüftete Unterwelt auf, angefressen, einsturzgefährdet, wackelig. Ein Motiv, das sich häufiger in Haitzingers Gemälden findet.
Es zeigt sich in dieser Ausstellung, dass Horst Haitzinger kein Ölmaler ist, der nur aus Passion einer schönen Kunst frönt. Seine Bilder sind Erlebnisreisen in fantastische Welten, die uns sehr viel über die Realität mitteilen.
Die Ausstellung im Ludwig-Doerfler-Museum läuft noch bis Donnerstag, 3. Oktober. Das Haus ist zwischen Mittwoch und Sonntag täglich von 12 bis 18 Uhr geöffnet.