Herrnberchtheim: Eine Zikade lehrt die Zuckerrübenbauern das Fürchten | FLZ.de

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Veröffentlicht am 08.07.2025 19:00

Herrnberchtheim: Eine Zikade lehrt die Zuckerrübenbauern das Fürchten

Dieter Proff, Simon Vogel, Bernhard Wolf und Christoph Ott legten dar, wie sich die Situation aus Sicht der Zuckerrübenbauerrn darstellt. (Foto: ug)
Dieter Proff, Simon Vogel, Bernhard Wolf und Christoph Ott legten dar, wie sich die Situation aus Sicht der Zuckerrübenbauerrn darstellt. (Foto: ug)
Dieter Proff, Simon Vogel, Bernhard Wolf und Christoph Ott legten dar, wie sich die Situation aus Sicht der Zuckerrübenbauerrn darstellt. (Foto: ug)

Die Zuckerrüben von Bernhard Wolf in Herrnberchtheim stehen gut da. Ob und wie stark die Schilf-Glasflügelzikade SBR- und Stolbur-Bakterien verbreitet hat, lässt sich erst im August sagen. Aber der Druck, unter dem die Zuckerrübenbauern stehen, ist enorm.

Das wird in einem Gespräch mit Vertretern der Zuckerrübenbauern deutlich – neben Wolf sind dabei: Christoph Ott, Geschäftsführer des Verbands Fränkischer Zuckerrübenbauern, Simon Vogel, Leiter der Rübenabteilung bei Südzucker, und Dieter Proff vom Landwirtschaftsamt Ansbach. „Wir wissen, dass wir uns auf verdammt dünnem Eis bewegen“, beteuert Ott.

Das dünne Eis ist die Notfallzulassung für ein Neonicotinoid namens „Acetamiprid“. Wird es, wie empfohlen, zweimal zusammen mit einem künstlichen Insektizid gespritzt, liegt die höchste Bienengefährlichkeit B1 vor – wobei die Biene da nur stellvertretend für viele Insekten steht.

Das Insekt, dem die Spritzung gilt, ist die Schilf-Glasflügelzikade. Dieses unscheinbare Tier hat die Landwirte und auch die Zuckerrübenindustrie das Fürchten gelehrt: In wenigen Jahren verbreitete sie sich vom Kraichgau in viele Anbauregionen. Noch schlimmer: „Gefühlt fast täglich“ entdecke sie eine neue Kultur für sich. Kartoffeln, in diesem Jahr der Rhabarber, aber auch Kraut, Rote Beete und andere Gemüsesorten fliegt sie inzwischen an.

Gleich zwei Krankheiten im Gepäck

Dass die Zikade oder ihre Larven etwas fressen, ist dabei nicht das Problem. Ein beträchtlicher Anteil von ihnen – nach verschiedenen Versuchen 40 Prozent bis gut die Hälfte - überträgt Bakterien, welche zwei Krankheiten befördern, die bei den Zuckerrübenbauern zu beträchtlichen Ertragsausfällen führen. Die eine heißt kurz SBR („Syndrome Basses Richesses“), und führt zu geringeren Zuckergehalten, die andere, Stolbur, zur sogenannten Gummirübe.

Man suche händeringend nach Bausteinen für eine Lösung, beteuern alle am Gespräch Beteiligten: Bernhard Wolf, auf dessen Acker in Herrnberchtheim im Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim Versuche mit 24 verschiedenen Sorten durchgeführt werden, setzt auf eine neue Züchtung, die gelingen muss. Im vergangenen Jahr in Gelchsheim und in diesem Jahr in Auernhofen verzichtet man auf Wintergetreide als Folgefrucht, um den Larven das Winterquartier zu nehmen.

Auf dem Weg vom Kraichgau nach Franken

„Aber das alleine reicht sicher nicht“, ist Simon Vogel überzeugt. Ein Argument: Das Insekt hat auf seinem Weg aus dem Kraichgau nach Franken schon einen etwa 40 Kilometer breiten Streifen passiert, auf dem keine Zuckerrüben angebaut werden. Außerdem könne man den Landwirten nicht vorschreiben, was sie im Winter anbauen. Selbst im Uffenheimer Ortsteil Auernhofen seien ein oder zwei Bauern nicht dabei.

Die Honigbiene hat die meisten menschlichen Fürsprecher. Im Grunde geht es aber um alle Insekten (hier eine Hummel), da Neonics ihr Nervensystem deutlich gravierender schädigen als das von Säugetieren. (Foto: Nina Daebel)
Die Honigbiene hat die meisten menschlichen Fürsprecher. Im Grunde geht es aber um alle Insekten (hier eine Hummel), da Neonics ihr Nervensystem deutlich gravierender schädigen als das von Säugetieren. (Foto: Nina Daebel)

Imker entsetzt: Wieder Zulassung von Neonics für Zuckerrüben erteilt

Auf Insekten sind die Auswirkungen gravierend: Sie werden orientierungslos und sterben bei kleinen Dosen.

Gute Erfolge habe man mit einem Dünger für Zitrusfrüchte erzielt, der auch im Ökolandbau eingesetzt werde. Worauf die Wirkung basiert, weiß man nicht. Es gab auch schon Versuche mit dem Urin von Kühen – weniger erfolgreich. „Das alles sind eben nur Bausteine und noch nicht die Lösung selbst“, so Christoph Ott. Die Uni Regensburg forsche an einer RNA – bekannt von einigen Corona-Impfstoffen –, die zielgerichtet SBR und Stolbur verhindere.

Als im benachbarten Landkreis Kitzingen schon Anfang Juni der Warndienstaufruf den Einsatz des Neonics erlaubte, „standen bei den hiesigen Zuckerrübenbauern die Telefone nicht mehr still“, erzählt Proff. Wolfs Acker befindet sich unmittelbar hinter der Landkreisgrenze. „Ich sag mal so: Ich hoffe, die Zikade kennt sich geografisch gut genug aus, um nicht zu uns zu kommen.“ Gelbtafeln, an denen man nachweisen kann, welche Insekten den eigenen Acker befliegen, fanden reißenden Absatz. Landwirte stellten echte und vermeintliche Schilf-Glasflügelzikaden fest, erzählen Ott und Vogel. An einem Freitag, dem 13., erließ das Landwirtschaftsamt Ansbach dann den Warndienstaufruf für den Landkreis Neustadt.

Grenzwerte werden im August gesenkt

Scheinbar widersprüchlich: Dort stand noch, dass „im Uffenheimer Bereich viele Flächen noch wenig Befall zeigen.“ Doch Dieter Proff vom Landwirtschaftsamt Ansbach erklärt: Die ansteigende Tendenz auf den drei Feldern mit Klebetafeln habe zusammen mit der Wetterprognose erkennen lassen, dass der Anstieg am Wochenende unmittelbar bevorsteht.

In diesem Jahr habe man keine Alternative zur Notfallzulassung für das Neonic gesehen. „Aber das kann nur eine Zwischenlösung sein“, so Wolf. Sein Vater habe in seinem ganzen Leben nur dreimal ein Insektizid gespritzt, seine eigene Rechnung dafür sei mittlerweile fünfstellig.

Noch herrscht Ruhe in den Bienenstöcken wie hier im Dombachtal bei Ansbach. Doch bald werden die fleißigen Tiere ausschwärmen und sollen dann weniger Gefahren durch Neonicotinoide ausgesetzt sein. (Foto: Thomas Schaller)
Noch herrscht Ruhe in den Bienenstöcken wie hier im Dombachtal bei Ansbach. Doch bald werden die fleißigen Tiere ausschwärmen und sollen dann weniger Gefahren durch Neonicotinoide ausgesetzt sein. (Foto: Thomas Schaller)

Freude über Gerichtsurteil gegen den Einsatz von Pestiziden

Das Bündnis für neonicotinoidfreie Landwirtschaft sieht Artenvielfalt, Boden und Gewässer durch Pestizid bedroht.

Acetamiprid sei zwar ein Neonic, aber nicht so gefährlich wie diejenigen, die 2022 angewendet wurden, erläutert Proff. Ott ergänzt: Es gibt noch eine Acetamiprid-Notfallzulassung für die Bekämpfung der Blattlaus auf der Zuckerrübe und das Mittel wird bei vielen anderen Kulturen eingesetzt.

Nervengift könnte Entwicklung des Gehirns beeinträchtigen

Allerdings: Das Nervengift wurde auch schon im Gehirn nachgewiesen und steht im Verdacht, dessen Entwicklung zu beeinträchtigen. Im August werden die Grenzwerte für Acetamiprid in vielen Lebensmitteln gesenkt. Dann wird auch die Zulassung für die entsprechenden Anwendungen widerrufen, prognostiziert Ott.

In einem sind sich also alle – egal, ob Landwirt oder Imker, Zuckerindustrie oder Verbraucher – einig: Es muss möglichst schnell eine andere Lösung her.


Ulli Ganter
Ulli Ganter
Redakteurin
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