Eigentlich hätte sie bereits im November vergangenen Jahres stattfinden sollen: die Lesung mit Christine Sommer und Martin Brambach. Sie musste wegen Erkrankung des bekannten Schauspielers ausfallen und konnte nun nachgeholt werden. Die Stadthalle „Kasten“ war gefüllt.
„Es wird schon nicht so schlimm!“ – so der Titel der szenischen Lesung, basierend auf der gleichnamigen Erzählung von Hans Schweikart. Diese schildert das tragische Schicksal des deutsch-jüdischen Schauspieler-Ehepaares Lilly Hollmann und Gregor Maurer während der NS-Diktatur. Die Darstellung beruht auf der wahren Geschichte von Meta Wolff und Joachim Gottschalk und kam 1947 als DEFA-Film unter dem Titel „Ehe im Schatten“ in die Kinos.
Der titelgebende Satz wird wohl häufig auch in diesen Tagen wieder im Munde geführt, eine Aktualität, auf die Schauspieler Martin Brambach nach der Inszenierung aufmerksam macht. Leider kann man ihm da nicht widersprechen. Es drängt sich der Gedanke auf, dass dieses Stück vor zehn Jahren wohl eher als Beispiel von Vergangenheitsbewältung bewertet worden wäre, während es heute fast prophetisch wirkt. Die unterschwellig mitschwingende Frage „Sind wir bald wieder soweit?“ wird hörbarer.
Fühlbar kristallisiert sich das Schicksal des begabten Schauspieler-Ehepaares immer stärker heraus, das unvermeidbar fatale Ende deutet sich immer deutlicher an. Es liegt nicht wenig am Vortrag, dass sich der Albdruck im Magen des Zuhörenden zunehmend verstärkt.
Christine Sommer und Martin Brambach sind ebenfalls ein Ehepaar und mindestens so talentiert wie die beiden Protagonisten des Stückes. Obwohl sie die Textblätter in den Händen halten, wird ein Schauspiel aus ihrer Rezitation. Sie machen das sich abzeichnende Verhängnis fühlbar, lassen miterleben, wie unausweichbar dieses gnadenlose Regime über das Leben von Menschen bestimmt. Es sollten die Alarmglocken schellen. Obwohl leise vorgetragen, nur mit wohlgesetzten und damit umso wirkungsvolleren Passagen voller Emotion, gleicht dieses Stück einem Schrei, der nicht ungehört verhallen sollte.
Es beginnt für das Schauspieler-Ehepaar zunächst mit ein paar harmlos scheinenden Einschränkungen, die sich vor allem gegen Lilly richten. Mit Ausflüchten wird sie von der Bühne ferngehalten, während Gregor weiter engagiert bleibt. Sie heiraten, als der Wind anfängt schärfer zu blasen, und bekommen bald ein Kind. Lilly verliert ihren Job und beginnt, die Öffentlichkeit zu scheuen. Bald verlässt sie kaum mehr noch das Haus.
Dann fängt auch Gregor an, die Repressalien zu spüren. Die Reichspogromnacht hat sich bereits lärmend vollzogen, man schreibt den Anfang der 1940er Jahre. Als ihm nahe gelegt wird, sich besser scheiden zu lassen, reift in ihm ein radikaler Entschluss. Eines Abends betrachtet er lange seine schlafende Frau und das Kind in der Krippe daneben: ein Bild des Friedens. Dann dreht er den Gashahn auf. Nicht ohne vor die Wohnungstür ein Warnschild zu stellen.
Im Film ist es Gift im Kaffee, den beide wissentlich trinken. Unabhängig davon berührt dieses tragische Ende heute wie damals. Denn einher geht das Wissen, dass es auch heute noch zahllose Menschen in ähnlich auswegloser Situation gibt. Die Gegenwart ist voll dieser stummen Helden.