„Der Zinnsoldat und die Papiertänzerin”: Wie die Premiere in Dinkelsbühl war | FLZ.de

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Veröffentlicht am 23.11.2025 12:00

„Der Zinnsoldat und die Papiertänzerin”: Wie die Premiere in Dinkelsbühl war

Erleben allerlei Abenteuer: der Zinnsoldat (Leonard Graeber) und die Papiertänzerin (Luise Pahlke). (Foto: Ludwig Olah)
Erleben allerlei Abenteuer: der Zinnsoldat (Leonard Graeber) und die Papiertänzerin (Luise Pahlke). (Foto: Ludwig Olah)
Erleben allerlei Abenteuer: der Zinnsoldat (Leonard Graeber) und die Papiertänzerin (Luise Pahlke). (Foto: Ludwig Olah)

Was sich im Theater, dieser alten Wunderguckkiste, doch alles auf die Bühne zaubern lässt. Das neue Familienstück des Landestheaters ist ein schönes Beispiel dafür. Intendantin Jasim Meindl inszeniert ein Märchen und landet dabei mitten in der Gegenwart.

Kinderstück mag man das Erzähltheater-Schauspiel „Der Zinnsoldat und die Papiertänzerin” beinahe nicht nennen, weil Roland Schimmelpfennig so einschüchternd klug Hans Christian Andersens „Standhaften Zinnsoldaten” überschreibt. Seine Titelfiguren erzählen und reflektieren so viel, dass das Stück seiner Papierform nach nicht recht ins Laufen kommt, könnte man meinen. Ist aber nicht so. Jasmin Meindl stellt es vom Kopf auf die Füße.

Poesie trifft Comedy

Sie bleibt trotzdem dem Text treu, in dem sich Erzähl- und Spielebene verschränken und der offenlegt, wie das Stück auf der Bühne – und in den Köpfen des Publikums – hergestellt wird. Das tut Jasmin Meindl in ihrer Inszenierung auch. Sie mischt Poesie mit Comedy. Licht und Schattenspiel treffen auf komödiantisch karikierte Episoden-Figuren. Die existenzielle Schwere der Spielvorlage steckt nun voller szenischer Einfälle, wird leicht, wird spielerisch. Man spürt trotzdem noch eine Unrast, eine innere Erschütterung der Figuren.

Wie die Papiertänzerin und der Zinnsoldaten schildern und spielen, was ihnen widerfahren ist, entwickelt auf diese Weise nach und nach einen sanften Sog, der einen in die Geschichte hineinzieht. Deren Bezüge zur Gegenwart, die Schimmelpfennig nur andeutet, schärft Jasmin Meindl pointiert an.

Das Spielzeugpaar ist aus dem Fenster gefallen. Die Papiertänzerin weht der Wind zur Wolke. Die fegt in Dinkelsbühl als schwäbische Putzfrau durch die Szene und will die Fremde loshaben. Der Zinnsoldat hingegen fährt mit einem Papierschiffchen in einen Kanal, wo eine beamtengraue Ratte ihm Pass und Visum abverlangt. Am Ende rettet ein regenbogenbunter Papierdrachen die beiden davor, im Ofen verbrannt zu werden. Und ein Mädchen heißt sie willkommen und nimmt das Paar mit heim.

Das alles hat einen großen Schauwert. Ayham Al Gazali spielt in seinem papierweißen Bühnenbild mit Mehrdeutigkeiten, so wie es der Text tut. Theaterportal, Zimmer samt Fenster und Projektionsfläche in einem ist es. Elvira Freind hat originelle Kostüme geschneidert, die bis ins beschriftete Tutu der Tänzerin hinein voller Anspielungen stecken.

Überzeugende Schauspielleistungen

Leonard Graeber gibt dem Zinnsoldaten eine gutmütige Schlichtheit mit. Kein schneidiger Held, sondern einer, über den die Ereignisse hereinbrechen und der sie erst sortieren muss.

Luise Pahlke glänzt als Papiertänzerin mit selbstbewusster Entschiedenheit. Sie hat das Heft in der Hand. Sie hat den Durchblick.

Und Maike Frank wirft sich mit komödiantischem Schwung und wechselnden Kostümen in all ihre Aufgaben, ist Kobold, Wolken-Putzfrau, sprechend bebrilltes Zeitungsschiffchen oder eine fiese Ratte.


Thomas Wirth
Thomas Wirth
Redakteur im Ressort „Kultur“
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