„Immer Ärger mit diesen Lehrern“ – wer kennt das nicht? Arno Boas hat die Unterrichtspädagogik im Wandel der Zeiten in Worte gefasst. Die beiden Regisseurinnen Silke Krauß und Heidi Rohn haben sein Kindertheaterstück erweitert und auf „Oestheimerisch“ umgeschrieben und auf die Bühne gebracht – sehr zum Vergnügen des Autors.
Doch nicht nur er hatte viel Freude an der Aufführung, sondern auch die 160 Besucherinnen und Besucher der Hornung’schen Theaterscheune. Die Großeltern fühlten sich an ihre Schulzeit in der Volksschule Oestheim erinnert, als Büchertaschen durch die Luft flogen und das „In-der-Ecke-stehen“ noch als Bestrafung üblich war. Selbstverständlich nur bei den Lausbuben, denn die Mädchen waren sehr fleißig, kamen ordentlich gekleidet und mit geflochtenen Zöpfen oder Affenschaukeln in den Unterricht.
Und selbstverständlich war es für die beiden Schülerinnen Andrea und Maria kein Problem, das Gedicht vom „Bodenlosen Loch“ zu rezitieren – fehlerfrei natürlich. Dafür gab es Lob vom Lehrer. Ja, der Lehrer genoss Autorität, Widerspruch wurde bestraft, Dialektsprechen auch. Doch wenn ein Oestheimer den Dialekt in Hochdeutsch verwandelt, kommt viel Lustiges dabei heraus, da rauft sich selbst der Lehrer auf der Bühne die Haare.
Ob die Jetzt-Zeit an den Schulen wirklich so viel besser ist? Auch diese Frage stellt sich im Theaterstück. Laptops sind im Einsatz, Handys auch, methodisch wird vielfältig gearbeitet und so manche Lehrerin hat Angst vor ihren Schülern. Die fiktive Klasse 9b gilt als ultimativer Chaoshaufen. „Wallenstein“? Interessiert nicht. Die Dialektsprecher gibt es kaum mehr, ganz im Gegenteil: „Wir können alles – außer Dialekt“. Einer der Jungen präsentiert sich hyperaktiv, schiebt ständig sein quietschendes Auto hin und her. Die Mädels prügeln sich. Und die Lehrerin? Sie hat keine Chance, mit ihrer Softpädagogik durchzukommen. Schließlich taucht die Rektorin auf, fragt, was abgeht. „Wir üben ein Theaterstück“, so die Lehrerin geistesgegenwärtig, „immer Ärger mit diesen Lehrern“.
Was dann auf der Bühne folgt, ist ein Blick in die Zukunft. Futuristisch ist das Design, fast wie in einem Raumschiff. Jedes Kind wird vor Unterrichtsbeginn gewogen. Weil das „Klassengewicht“ 100 Kilogramm zu wenig ist, wird der Sportunterricht gestrichen und es gibt Doppel-Wopper, bis alle zugenommen haben. Die Schülerinnen und Schüler haben das Sagen und die Lehrkräfte unter Kontrolle. Die „Alten“ wäre man am liebsten ganz los, doch der Ethik-Unterricht vermittelt etwas anderes. Immerhin: Das Wahlrecht für über 90-Jährige ist abgeschafft. Als die Lehrkräfte sich zusammenrotten wollen, gibt es eine Durchsage: Der mobilen Einsatztruppe ist die Verwendung von Schlagstöcken ausdrücklich erlaubt.
Jede der drei Bühnenszenen wurde durch eine Gruppe der jungen Schauspielerinnen und Schauspieler eingeführt. Dafür gab es einen zweiten Vorhang, eine Abtrennung von der eigentlichen Bühne. 20 Kinder traten auf, manche von ihnen in mehreren Rollen: Luca Martin, Mara Leidenberger, Melissa Leidenberger, Thea Gaymann, Toni Buckel, Leonie Leidenberger, Jan Buckel, Hannes Krauß, Rafael Rieß, Luca Buckel, Julian Rieß, Annika Raab, Lena-Marie Bock, Stefanie Schöller, Anna Krauß, Lukas Markert, Paulin Schmeißer, Tymofii Bohdanovych, Leni Kreitlein und Mick Köhnert.
Um die Maske und das passende Outfit der Kinder kümmerten sich Ines Kammleiter und Monika Schenker. Die Theaterscheune stellen Harald und Daniela Hornung kostenlos für die letzten Proben und die Aufführungen zur Verfügung, Pfarrer Klaus Eberius hält ebenfalls Probenräume bereit, die die Theatergruppe nutzen darf. Landrat Dr. Jürgen Ludwig war als Ehrengast geladen, betrat ebenfalls die Bühne und zeigte sich begeistert. Es sei ein wunderschöner Nachmittag für ihn gewesen, „die Schauspielerinnen und Schauspieler waren einfach super”. Was die Art des Schulunterrichts angeht, sei es heute doch gar nicht so schlecht, meinte er schmunzelnd, und da stimmten ihm alle zu.
Arno Boas, der Autor des Stücks, zeigte sich durchweg positiv überrascht. Es sei außergewöhnlich, dass sich so viele Kinder für das Theaterspielen begeistern lassen, und er zollte Silke Krauß und Heidi Rohn Respekt dafür, dass sie seit Oktober zweimal in der Woche mit den Kindern proben. Er selbst wohnt in Finsterlohr und war bis vor zwei Jahren als Journalist und Redakteur tätig. In seiner Freizeit schrieb und schreibt er für seine Theatergruppe „Reinsbronner Bühnenzinnober“ Theaterstücke, seit über 40 Jahren. In seinem eigenen Theaterverlag würde er gerne die selbstgeschriebenen Theaterstücke aus Oestheim verlegen, denn gerade an Kinderstücken, die an die Zahl und den Dialekt der Kinder angepasst werden können, mangele es.