Heutzutage am Hesselberg einen Steinbruch zu betreiben und Kalkstein in Röckingen zu verarbeiten, wäre undenkbar. Klima- und Naturschutz stünden dem entgegen. Vor 100 Jahren sah das anders aus: Von 1920 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs wurde hier Kalk abgebaut. Friedrich Hüttner erinnert sich wohl als Einziger noch daran.
Der 1938 in Röckingen Geborene ist quasi die einzige geschichtliche Quelle, die noch vom Abbau am Hesselberg erzählen kann. Seine Informationen stammen aus der eigenen Kindheit und dem, was er von älteren Menschen im Hesselbergdorf gehört hat.
In den Archiven der Gemeinde Röckingen und der staatlichen Einrichtungen jedenfalls liegen keine Aufzeichnungen mehr über den Bau und Betrieb eines Kalkwerks in Hüttners Heimatgemeinde. Einzige Relikte sind Betonpoller mit Resten von Metallpfosten, die entlang des Röckinger Wanderwegs zur Hesselbergspitze liegen.
Hüttner erzählt: Mitglieder der damaligen Darlehenskasse betrieben das ehemalige Kalkwerk gegenüber des Röckinger Schlosses an der Straße nach Lentersheim. Im Schloss waren die Büros des Unternehmens untergebracht.
Auf dem über 6000 Quadratmeter großen Areal stehen mittlerweile der Bauhof der Gemeinde Röckingen und der Aussiedlerhof von Friedrich Hüttner. Der Zeitzeuge und seine bereits verstorbene Ehefrau haben dieses landwirtschaftliche Anwesen im Jahr 1966 gebaut.
Das Kalkwerk, das ungefähr von 1920 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs in Betrieb war, bezog sein Arbeitsmaterial vom Steinbruch unterhalb der Osterwiese. „Röckinger Berg“ wird dieser Abschnitt genannt. Für die Beförderung des gebrochenen Gesteins vom Steinbruch zum Kalkwerk gab es zwei Seilbahnen: Eine 300 Meter lange Feldbahn und eine beinahe zwei Kilometer überwindende Materialseilbahn, die motorlos auf 25 Stützen im Schwerkraftprinzip lief.
Da es vor 100 Jahren noch keine großen Zementwerke wie heute gab, dienten die gewonnenen Kalksteine zur Herstellung von Zement und Kalk. Verwendung fand das Gestein vom Hesselberg aber auch beim Straßenbau. Dort, wo heute der kommunale Bauhof steht, betrieb eine Dampfmaschine eine Kugelmühle, die von Flachriemen bewegt wurde. In der Mahltrommel befanden sich Kugeln mit einem Durchmesser von etwa 25 Zentimetern. Diese zerkleinerten das Kalkgestein.
Im Frühjahr 1945 wurde der Kamin des Kalkwerks abgebaut, da er als mögliches Ziel von Tieffliegerangriffen galt. Der Versuch, den Kalkstein vom Hesselberg nach dem Kriegsende noch mal zu nutzen, stellte sich als unrentabel heraus: Die großen Zementwerke arbeiteten mittlerweile um einiges wirtschaftlicher.