„Jede Vorstellung ist anders – auch wenn die Unterschiede nur Nuancen sind.“ Britta Boehlke weiß, wovon sie spricht. Sechsmal pro Woche schlüpft sie in die Rolle der Lisa in der Toppler-Sommerkomödie „Match me if you can“. Und verstrickt sich mit Alexander Wipprecht alias Martin immer wieder aufs Neue in den Tücken des Online-Dating.
Bis zum 27. August läuft das Stück. Die Lisa in der letzten Vorstellung wird eine andere sein als die in der Premiere, davon ist Britta Boehlke überzeugt. „Im Laufe der Spielzeit entwickeln sich die Figuren weiter, werden facettenreicher, tiefer. Man spielt sich frei.“ Die 37-Jährige ist zum zweiten Mal in Rothenburg – zuletzt hat sie 2016 in „Drei Morde, Küche, Bad“ gespielt. Ebenfalls unter der Regie von Katja Wolff. Als das Angebot für die Rolle der Lisa kam, musste die Schauspielerin nicht lange überlegen. „Natürlich hatte ich Lust.“ Denn sie kennt Wolffs Qualitäten in der Komödie.
Die machen auch „Match me if you can“ zu einem großen Theaterspaß – urkomisch, aber eben nicht nur. Mann und Frau lernen sich per Dating-App kennen, verabreden sich – aber erkennen sich nicht. Denn beide haben ein falsches Profilbild eingestellt. Daraus entspinnen sich teils abstruse Dialoge. Die beiden Schauspieler müssen schnell sein, es gibt viele Sprüche, Stimmungswechsel. Alles ist sehr kleinteilig. „Sehr viel Spaß“ ist das für Britta Boehlke.
Und sehr viel Handwerk: Zu zweit auf der Bühne, man ist immer dran, hat keine Pause. Mit Alexander Wipprecht ist sie auf einer Wellenlänge, das ist bei einem solchen Stück wichtig. Die beiden haben sich erst bei der ersten Sprechprobe kennengelernt. Aber da kann man sich auf Katja Wolff, die Regisseurin, verlassen. „Die hat ein Händchen dafür.“
Dabei war Britta Boehlke anfangs nicht überzeugt von ihrem eigenen Talent – damals, im Kindergarten. In der Rolle als stumme, hässliche Kröte „habe ich zwar meine Mutter begeistert, aber ich blieb skeptisch“. In der Schule in Pfaffenhofen belegte sie sie Theater als Wahlfach. Bis sie endlich aus sich herausgehen konnte, dauerte es. „Ich weigerte mich, hinkend und lispelnd über die Bühne zu schlurfen“, erinnert sie sich lachend. Den Schalter hat Schulkollege Paul umgelegt: „Er machte es mir einmal vor und seitdem geht es.“
Und wie es geht. Britta Boehlke schafft es, Geschichten alleine mit ihrer Mimik zu erzählen. Und spricht in einem ungeheuren Tempo, das anderen die Zunge verknoten würde. In „Match me if you can“ knallt sie sich mit Alexander Wipprecht, „Martin“, die Sprüche um die Ohren. Um dann mit Grimassen weiterzuerzählen.
Nachdem dank Paul der Knoten geplatzt war, sprach die damals 17-Jährige in Ingolstadt für ein Laientheater vor. Mit Erfolg. Falco Blome besetzte sie als Elektra in Hugo von Hofmannsthals Tragödie. „Das kam gut an – obwohl ich eigentlich keine Ahnung hatte.“ Boehlke bekam den Rat, Schauspiel zu studieren. Bis zu dem Zeitpunkt wusste sie noch nicht einmal, dass das geht. Sie sprach an mehreren Schulen vor – und landete in Hamburg an der Hochschule für Musik und Theater.
Als ungeduldig und risikobereit charakterisiert Britta Boehlke sich selbst. Das machte ihr 2012 nach drei Jahren Festengagement am Theater Magdeburg den Sprung in die Freiberuflichkeit leicht. Während das feste Engagement sie oft wie ein Korsett eingeschnürt hat, fühlt sie sich jetzt freier. Allerdings: „Die äußeren Zwänge fallen weg. Dafür muss man sich aber selbst eine Struktur schaffen.“ Nicht immer schafft sie es, Privatleben und Berufsalltag in Balance zu bringen, gibt sie zu.
Geholfen hat ihr dabei eine Zeit, die für viele ihrer Kolleginnen und Kollegen besonders hart war: die Pandemie. „Der unsichtbare Druck, der immer auf den Schultern lastete, war plötzlich weg“, erinnert sie sich. „Da habe ich erkannt, dass ich bewusst Ruheinseln in meinen Alltag einbauen muss. Der Kopf darf nicht die ganze Zeit rattern.“
Kitschige Puzzles, gutes Essen, Yoga: Das sind solche Ruheinseln. Und der kleine Garten ihrer Hamburger Wohnung. „Das war ein Glücksgriff.“ Dort hat sie Wurzeln geschlagen, dank Freunden und ihrem Partner.
Immer wieder probiert sie neue Dinge aus: zum Beispiel Synchronsprechen. „Das ist faszinierend.“ Man studiert jedes Detail des Originals: die Haltung, Atempausen, kleinste Nuancen. Und dann spielt man das nur mit der Stimme nach, ohne den Körper. Durch das Synchronsprechen und weitere Projekte lag fast ein Jahr Theaterpause hinter ihr, als sie für die Rolle der Lisa nach Rothenburg kam. „Beim Textlernen war ich etwas aus der Übung“, gibt sie zu. Geklappt hat es trotzdem. Sitzen die Sätze, werden sie mit den passenden Gesten und Bewegungen verbunden. „Wenn das klappt, dann hat man es geschafft.“ Dann läuft Lisa beim Date zur Hochform auf.