Für die Intendanz der Bachwoche Ansbach bewirbt man sich nicht. Man wird gefragt. Als Johannes Mnich ein solcher Anruf erreichte, zögerte er nicht lange: „Die Möglichkeiten, die ich gesehen habe, haben mich relativ unüberlegt Ja sagen lassen.“ Den Intendanten der Tauberphilharmonie reizt die zusätzliche Aufgabe.
2026 geht es für Johannes Mnich in Ansbach los, eigentlich aber jetzt schon. Wenn am 1. August die Bachwoche beginnt, werden daher öfter zwei Intendanten zu sehen sein, der amtierende und der zukünftige. Johannes Mnich will das Festival kennenlernen: „Ich bin neugierig, aber noch total entspannt. Denn die jetzt kommende Bachwoche ist ganz eindeutig die Abschlusswoche von Andreas Bomba. Meine Aufgabe beginnt danach.“
Er freut sich riesig darauf, das traditionsreiche Musikfest gestalten zu dürfen, stolz ist er auf die Berufung auch. Gleichzeitig will er jetzt genießen, dass er Anfang August da sein darf und „hoffentlich viele Hände schütteln” wird. Kennenlernen will er das Musikfest, das Publikum, die Stadt, die Leute. „Ich lasse das jetzt auf mich wirken, denn es ist nun mal ein ganz besonderes Festival. Ich finde es großartig, dass es einen Vorlauf gibt, den ich dann nutzen kann.“
In jedes Ansbacher Café möchte er sich außerdem setzen. Nicht weil er gern Kaffee trinkt, das schon auch, sondern, weil er mit den Menschen ins Gespräch kommen, zuhören und fragen will: „Was verbindest du denn mit der Bachwoche oder was verbinden Sie mit einem Ereignis, das alle zwei Jahre einen überproportional überregionalen Einzugskreis hat?“
Johannes Mnich wird der Intendant sein, der so nah an der Bachwoche wohnt, wie noch keiner seiner Vorgänger. Gut 60 Kilometer sind es von Weikersheim, wo die Tauberphilharmonie steht, nach Ansbach. Weil die Straßen zwischen den beiden Städten oft Sträßchen sind, braucht man trotzdem eine gute Stunde.
Der Kulturmanager kennt die Sträßchen und ihre Funklöcher inzwischen ganz gut. Natürlich hat er sich schon einen ersten Eindruck verschafft. Die Bachwoche mit ihrem Programm, das sich auf zehn Tage verdichtet und täglich drei, vier Veranstaltungen bietet, findet er „unglaublich spannend.” In der Struktur, die mit ihrem zweijährigen Turnus seiner Einschätzung nach ganz viele Möglichkeiten lässt – und auch viel vorgibt.
„Die Bachwoche ist aus, im besten Sinne, außergewöhnlicher Tradition zu dem geworden, was sie ist – und das möchte ich unbedingt bewahren”, sagt der Weikersheimer Intendant. „Ein Festival ist immer eine Heimat auf Zeit.” Aber natürlich bringt ein Wechsel auch Veränderungen mit sich. Welche das sein könnten, will er herausfinden. Spannend findet der 40-Jährige, dass die Bachwoche in vielerlei Hinsicht ein Gegenmodell zu dem ist, was die Tauberphilharmonie ausmacht. Gerade das macht es spannend für ihn.
Die Tauberphilharmonie ist noch jung. Das Konzert- und Veranstaltungshaus wurde vor sechs Jahren eröffnet. Es ist, so würden es Kommunalpolitiker wahrscheinlich formulieren, ein Leuchtturmprojekt für Stadt und Landkreis. Tatsächlich hat es bundesweit Aufsehen erregt. Der Anklang an die Elbphilharmonie ist nicht zu überhören. Das machte neugierig. Und mehr noch, wie Johannes Mnich als Gründungsintendant das Haus mit Leben füllt, es in der Region verankert und Traditionen eines Konzerthauses schafft, das noch keine haben kann.
Insofern ist die Tauberphilharmonie ein Gegenmodell zur Bachwoche – und natürlich dadurch, dass es das ganze Jahr über Programm bietet. Ein Programm, das den Spagat zwischen hoher Kunst und breitenwirksamen Angeboten sucht.
Tauberphilharmonie – der Name, für den sich der Stadtrat seinerzeit entschieden hat, signalisiert Selbstbewusstsein und Anspruch. Das Gebäude, hell, klar, schick ohne Schnickschnack, vermittelt dann auch urbanes Flair. Was man in einer Kleinstadt mit knapp 8000 Einwohnern nicht unbedingt erwartet. Weltstars schauen öfters vorbei, regionale Gruppen treten hier auf. Kleinkunst gibt es. Und die Musikakademie Weikersheim, hinter der die Jeunesses Musicales Deutschland steht, nutzt das Gebäude.
Die Akustik des Konzertsaals mit seinen 620 Plätzen ist so gut, dass Grigory Sokolov, einer der größten Pianisten der Gegenwart, nach seinem ersten Auftritt in Weikersheim gerne wiederkommen wollte. Dieses Jahr im November ist es so weit. Überhaupt hat Johannes Mnich zu Pianisten einen guten Draht. Er hat in Hannover Klavier studiert. Igor Levit zählt zu seinen Freunden. Er kennt ihn seit seinen Studienzeiten.
Eine Pianistenkarriere strebte Johannes Mnich nie an. „Ich habe in Hannover auch fünf Semester parallel noch Germanistik und Politikwissenschaft studiert, weil ich der Meinung war: Für mich wird es sehr wahrscheinlich nicht ‚reichen‘, um Solo-Pianist zu werden und später mal erfolgreich zu werden.“
Wer ein Klavierstudium absolviert, hat Bachs Musik irgendwann in den Fingern. An ihr führt kein Weg vorbei. Johannes Mnich kommt sogar ins Schwärmen, wenn er von Bach und seiner einzigartigen Bedeutung für die Musikgeschichte spricht. Das muss er als Bachwochen-Intendant, könnte man meinen. Aber er ist tatsächlich mit der Musik des Thomaskantors aufgewachsen.
Sein Vater, ehemals Werksarzt bei einem großen Automobilhersteller, „ist großer Bach-Fan”, erzählt Johannes Mnich, „und auch ein guter Laien-Organist und -Cembalist. Als ich klein war, hatte er ein Barockensemble.” Bach war ihm tatsächlich in die Wiege gelegt, die Floskel stimmt hier. Das Ensemble probte unten im Wohnzimmer, erinnerte sich der Intendant, „und ich bin oben eingeschlafen zu Barockmusik und natürlich auch zu Bach”.
Heiligabend und das Weihnachtsoratorium gehören sowieso für ihn untrennbar zusammen. Wenn die Familie, so erinnert er sich, im Auto von Achim bei Bremen nach Hamburg an Heiligabend zum Gottesdienst fuhr, war Bach dabei. Das war der Moment, in dem der Vorweihnachtstrubel zum Stillstand kam, der Stress abfielt. „Bis heute ist es so an Heiligabend, dass ich mit Bachs Musik dieses Ankommen zelebriere.“
Nun ist Johannes Mnich bei der Bachwoche angekommen. Ein Programm für 2027 hat er noch nicht im Kopf. Aber eines ist klar. Die Matthäus-Passion wird aufgeführt werden. Sie wird dann 300 Jahre alt sein. Ein Muss also. Und noch eines ist ihm klar. Nur große Namen buchen will er nicht. „Mir wäre immer daran gelegen, dass ich sagen kann: Diese Person ist da, weil sie etwas spielt, was inhaltlich, geistig mit dieser Idee der Bachwoche zu tun hat.“