Als unser Land sich neu erfand: „So funktioniert Demokratie” | FLZ.de

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Veröffentlicht am 15.03.2024 13:08, aktualisiert am 15.03.2024 21:26

Als unser Land sich neu erfand: „So funktioniert Demokratie”

Bei der ersten Lesung aus ihrem neuen Buch über das Grundgesetzt: Sabine Böhne-Di Leo. (Foto: Thomas Wirth)
Bei der ersten Lesung aus ihrem neuen Buch über das Grundgesetzt: Sabine Böhne-Di Leo. (Foto: Thomas Wirth)
Bei der ersten Lesung aus ihrem neuen Buch über das Grundgesetzt: Sabine Böhne-Di Leo. (Foto: Thomas Wirth)

Die Ansbacher Professorin Sabine Böhne-Di Leo stellte am Mittwoch in der Ansbacher Karlshalle ihr Buch „Die Erfindung der Bundesrepublik“ vor. Sie machte klar: Das Grundgesetz ist hart erkämpft und kostbar.

Am Ende steht sie wieder im Raum, die Gegenwart und mit ihr die Sorge, dass das Grundgesetz von einer rechtsextremen Regierung zerstört werden könnte. Sabine Böhne-Di Leo hatte ihr neues Buch zum ersten Mal in einer Lesung vorgestellt:

Die kleine Fragerunde nach eindreiviertel Stunden konzentrierter Lesung lässt schnell sichtbar werden, dass Sabine Böhne-Di Leos Reportagebuch etwas leisten kann, was von einem Buch über das Grundgesetz nicht unbedingt zu erwarten ist. Es kann eine emotionale Nähe zu dem Verfassungstext erzeugen. Und die ist nötig, weil Vernunft allein keinen Verfassungspatriotismus hervorbringt.

Eine Verfassung und die deutsche Teilung

Diese Nähe, diese Unmittelbarkeit erzeugt die Ansbacher Hochschulprofessorin, die Journalismus und Politik lehrt, indem sie so konkret, faktenreich und packend erzählt, dass sich ihr Buch als Schullektüre empfiehlt. Die historischen Zusammenhänge vor einem Dreivierteljahrhundert treten klar hervor und führen fast zwingend zu der Einsicht, dass das Grundgesetz eben keine Selbstverständlichkeit ist.

Sabine Böhne-Di Leo entrollt als Hintergrundbild den beginnenden Kalten Krieg zwischen Ost und West. Sie schildert die Debatten in Deutschland und die inneren Kämpfe des Parlamentarischen Rats, der, mit Blick auf die drohende deutsche Teilung, eine provisorische Verfassung für einen föderalen, demokratischen Weststaat ausarbeitet.

Ein Pilot der Air Force lässt Schokolade abwerfen

Dieser Arbeit am Grundgesetz gibt Sabine Böhne-Di Leo ein Gesicht, sie gibt ihr Gesichter. Sie porträtiert in kleinen Szenen und auch Anekdoten die prägenden Akteure, den listenreichen Konrad Adenauer ebenso wie den künstlerisch-philosophischen Staatsrechtler Carlo Schmid, der wesentlichen Anteil am Grundgesetz hat. Sie lenkt bei der Lesung auch den Blick auf Louise Schroeder, die als kommissarische Oberbürgermeisterin Berlins in jenen Jahren im Fokus der Weltöffentlichkeit stand – aber heute nahezu vergessen ist. Und sie widmet Gail S. Halvorsen anrührende Szenen. Der Pilot der United States Air Force kam während der Berliner Blockade aus Mitleid auf die Idee, eigens für Kinder Schokolade und Kaugummi abzuwerfen.

Dass die Erfindung der Bundesrepublik ein „gewaltiger Kraftakt“ war, der auch eine Verpflichtung mit sich bringt, daran lässt Sabine Böhne-Di Leo keinen Zweifel: „Ich habe das jetzt erlebt durch die Recherche“, sagt sie. „Das Grundgesetz war eine enorme Kompromissleistung.“ Die ganzen 75 Jahre Bundesrepublik seien dies gewesen.


Wer mit dem Kopf durch die Wand will, ist auf dem Holzweg.

Sabine Böhne-Di Leo

„So funktioniert Demokratie – und nicht anders“, fährt sie fort. „Nur durch öffentlichen Diskurs, durch Rede und Widerrede, durch Streit, der gehört dazu – aber achtbar. Wer diese Kompromissfähigkeit vergisst, verlernt oder ignoriert, wer mit dem Kopf durch die Wand will, ist auf dem Holzweg.“

Eingeladen zu der Buchvorstellung hatte die Ansbacher Regionalgruppe der Bürgerbewegung für Menschenwürde. Ulrich Rach, deren Sprecher, fasste am Ende zusammen, was eine Lehre des Buches sein könnte: „Es ist unerlässlich, dass wir uns schützend vor das Grundgesetz stellen.“ Zu warnen sei vor jenen, die unsere Verfassung aushöhlen und die Recht und Demokratie abschaffen wollen.


Thomas Wirth
Thomas Wirth
Redakteur im Ressort „Kultur“
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