Veröffentlicht am 30.11.2022 07:27

33-Jährige in Bad Windsheim erstochen: Mordprozess geht weiter

Als Vorsitzender Richter der 5. Strafkammer führt Markus Bader den Prozess um einen wegen Mordes angeklagten 43-Jährigen. (Foto: Manfred Blendinger)
Als Vorsitzender Richter der 5. Strafkammer führt Markus Bader den Prozess um einen wegen Mordes angeklagten 43-Jährigen. (Foto: Manfred Blendinger)
Als Vorsitzender Richter der 5. Strafkammer führt Markus Bader den Prozess um einen wegen Mordes angeklagten 43-Jährigen. (Foto: Manfred Blendinger)
Als Vorsitzender Richter der 5. Strafkammer führt Markus Bader den Prozess um einen wegen Mordes angeklagten 43-Jährigen. (Foto: Manfred Blendinger)

Ist der Mann, der in Bad Windsheim die Mutter seiner Kinder erstochen hat, psychisch krank? Die Antwort soll heute Dr. Dieter Härtl liefern. Der langjährige Landgerichtsarzt wird am vierten Tag des Mordprozesses gegen einen 43-Jährigen sein Gutachten erstatten. Um 9 Uhr wird am Landgericht Nürnberg-Fürth die Verhandlung fortgesetzt, in der Freundinnen und Angehörige vom jahrelangen Leid der getöteten 33-Jährigen berichteten.

Sie hat ihre Tochter verloren, erstochen vom früheren Schwiegersohn. Jetzt sitzt die Mutter des Opfers vor den Richtern und sie will reden. Doch Markus Bader hat keine Zeit für sie. Er will kurze Antworten, juristisch knapp und klar. „Ich langweile mich, wenn ich keine Antworten auf die Fragen bekomme“, herrscht er die Mutter an.

Prozess wegen Mordes: Schwester sagte aus

Es war halb fünf am zweiten Verhandlungstag. Im Gerichtssaal ist Maskenzwang, am Beginn hat der Vorsitzende der 5. Strafkammer auf die Corona-Gefahr hingewiesen und versprochen, dass deswegen auch alle 90 Minuten durchgelüftet wird. Doch dann geht es fast ohne Pause durch, eine halbe Stunde mittags und einmal ganz kurz, weil ein Anwalt eine Toilettenpause erbeten hat. „Zwei Minuten Pause“ gestattet der Vorsitzende. Nicht drei, nicht vier, nicht fünf, für ihn zählt jede Minute.

Doch der Nachmittag zieht sich, die Ladungen der Zeugen sind eng getaktet, sie müssen bis zu eineinhalb Stunden vor dem Saal auf ihre Aussage warten. Endlich ist die Schwester an der Reihe, sie erzählt von jahrelanger Gewalt, Überwachung und Unterdrückung. „Sie hatte immer Angst, weil er so aggressiv ist“

Die Schwestern sind in Bad Windsheim geboren und aufgewachsen, doch ihre Mutter nicht. Auch Jahrzehnte nach dem Umzug aus der Türkei braucht die Mutter als nächste Zeugin eine Dolmetscherin. Und berichtet, wie sie ihre Tochter zum letzten Mal sah. Am Sonntag, 28. November 2021, dem Tag der Tat, holte sie einen der drei Enkelsöhne ab. Es sollte nach Ansbach ins Aquella gehen, und die Mutter wunderte sich.

Fotos aus der Wohnung in Bad Windsheim

„Zum ersten Mal hatte sie wieder die Augen, die sie vorher hatte. Sie hat gesagt, Mama, ich rette mich, er geht, es ist alles vorbei.“ Gelöst hat sie ihre Tochter erlebt. „Sie war wie eine Gefangene. Er hat sie sehr eingeengt.“ Die Mutter ist überwältigt von der Erinnerung, bis der Richter laut wird, weil er keine Erinnerungen hören will, nur präzise kurze Antworten. Keine Fragen mehr.

Die Erinnerung an diesen Sonntag, an dem sich alles ins Gute zu wenden schien, bleibt für die Angehörigen nicht das letzte Bild der 33-Jährigen. Diejenigen, die in der Verhandlung sind, müssen sie als Tote sehen. Der helle Saal im Neubau des Nürnberger Justizzentrums bietet neue technische Möglichkeiten. Fotos aus den Akten können auf zwei Großbildschirme geworfen werden. Auch die Fotos aus der Wohnung, wie sie kurz nach dem Abschied von der Mutter aussah.

Entsetzen bei Zuhörern im Gericht

„Jetzt geht es ans Eingemachte“, hatte Richter Markus Bader am ersten Verhandlungstag vor der Präsentation gesagt, doch das war für die Zuhörer aus der türkischen Gemeinde von Bad Windsheim nicht als klare Warnung vor Leichenbildern vom Tatort zu verstehen. Als sie die Tote in einer riesigen Blutlache liegen sehen, auf dem Rücken in der Küche, gibt es Schreie des Entsetzens, fünf Zuhörer flüchten unter Tränen.

Heute am vierten Verhandlungstag will die Kammer zunächst die letzten Zeugen und danach Dr. Dieter Härtl als psychiatrischen Gutachter hören.


Manfred Blendinger
Manfred Blendinger
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