Ganz schön viel Historie weht Besucherinnen und Besuchern des Rathauses entgegen. Wer bei einer Führung den Sitzungssaal betritt, staunt über die herrliche Stuckdecke. Diese stammt aus einem Schloss.
Wappen, Schilde, Waffen und zwei große Muscheln zieren die Stuckdecke, die wirkt, als wäre sie schon immer im Sitzungssaal. Sie fällt auf, obwohl eine mächtige Deckenlampe mit 16 Leuchten eine glatte von Stuckverzierungen umrandete Fläche füllt. Doch die Decke hat eine andere Geschichte als das Rathaus selbst. Sie kommt erst in jüngerer Zeit hinzu. „Die Decke stammt aus dem Schloss in Archshofen“, weiß Oberbürgermeister Dr. Markus Naser.
Archshofen liegt bei Creglingen. Vorgängerbau war, wie der Literatur zu entnehmen ist, eine Wasserburg, die von den Herren von Archshofen erbaut wurde. 1267 findet sich die erste Erwähnung. Die Herren von Rothenburg sollen die Burg, die mittlerweile dem Deutschen Orden gehörte, 1391 zerstört haben. Später gelten die Burggrafen von Nürnberg als neue Besitzer.
Das Schloss wurde 1570 errichtet. Die Decke dürfte, stilistisch betrachtet, etwas später entstanden sein. Im Laufe der Geschichte wurde das Schloss zerstört, wieder aufgebaut und im 18. Jahrhundert, so belegt es die Chronik, umgebaut.
1949 dann war der Ostflügel baufällig. Ein Teilabriss stand bevor. Was dann geschah, wissen Oberbürgermeister Naser und der Kunsthistoriker, ehemalige Leiter des Kriminalmuseums und ehemalige Stadtrat Dr. Karl-Heinz Schneider. Dort gab es einen Rittersaal im Querbau, der nun beseitigt wurde. Die Decke sei abgenommen und von den Stuckateuren des Bauhofs hierhergebracht worden, erzählt der OB.
Der heutige Sitzungssaal im zweiten Stock des Rathauses sei 1572 als Rüstkammer konzipiert gewesen. Die Rüstkammer hatte laut Schneider Bestand, bis die Bayern kamen. 1803 kam die Stadt zum Kurfürstentum Bayern. Danach müsse der Umbau zum Sitzungssaal erfolgt sein. Der sei vorher einen Stock tiefer gewesen, dort, wo jetzt die Kämmerei ist.
Im Zweiten Weltkrieg war das Rathaus, über dessen Renaissancetrakt Schneider seine in zwei Bänden erschienene Dissertation verfasst hat, stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Schneider deutet an die Decke des Ratssaals und sagt: „Da war der Himmel sichtbar.“ Dach und Decke seien nicht mehr vorhanden gewesen.
Bei den Giebeln habe man Angst gehabt, dass sie einstürzen würden. „Da musste schnell gehandelt werden“, erklärt er. Doch nach dem Krieg habe Materialknappheit geherrscht. Die Verwaltung der Stadt habe aber eng mit dem Landesamt für Denkmalpflege zusammengearbeitet. „Dort hatte man ein Herz für die Stadt“, vermutet Schneider.
Es gab Material. Zum Beispiel wurden im ersten Obergeschoss Steinplatten vom Reichsparteitagsgelände in Nürnberg verlegt. In die Haube des Treppenturms seien auch „Kupfermünzen reingedengelt worden“, so Schneider. Jedes Metall, das noch da gewesen sei, sei genommen worden. Wie man auf die nicht mehr benötigte Decke des Schlosses in Archshofen gekommen ist, das ist nicht bekannt. Aber sie schien als Verzierung der neuen Decke im Sitzungssaal willkommen.
Auch Mobiliar wie Tische und Stühle sind erst nach dem Krieg in den Sitzungssaal gekommen. Die Tische sollten eigentlich ausgetauscht werden, sind aber vor wenigen Monaten nun auf gleiche Höhe gebracht worden. Die Tischplatten sind aus dem Material der „Hohen Tanne“ bei Wildenholz gefertigt worden. Dieser weit und breit bekannte Baum mit seinem außergewöhnlich hohen Wuchs musste damals altersbedingt gefällt werden, und so fand sein Holz eine neue Verwendung. Zu den Stühlen allerdings habe noch nie jemand etwas sagen können, bedauert Naser. Bilder wurden im Krieg ausgelagert. Heute hängen die Porträts von Bürgermeistern und Oberbürgermeistern an Wänden im Saal.
Ein Hingucker im Saal ist auch der Ofen. „Wo der herkommt, ist unbekannt“, meint Naser. Genutzt wurde er, wie Spuren belegen. Auch an den Kamin ist er angeschlossen. Für Hinweise ist der Oberbürgermeister dankbar.