Ein aufgeräumter Schreibtisch, ein aufgeräumter Schrank, eine aufgeräumte Wohnung – vielen tut es gut, für Ordnung zu sorgen und alles bestens sortiert zu haben. Äußere Ordnung kann auch für mehr innere Ruhe sorgen, so eine gängige Auffassung.
Keine Frage: „Ordnung schaffen vermittelt vielen ein Gefühl, dass man alles unter Kontrolle hat“, sagt Anne Katrin Külz, Psychologische Psychotherapeutin in Freiburg. Zudem sorge das Schaffen von Ordnung dafür, dass man sich als selbstwirksam empfindet. Man räumt auf und sieht das positive Resultat. Das könne durchaus zu Zufriedenheit und Wohlbefinden führen. Allerdings sei dies eine Frage des Typs: Manche fühlten sich auch in einem unaufgeräumten Umfeld wohl.
Bei manchen kann die Liebe zur Ordnung aber auch ins Negative umschlagen. Nämlich dann, wenn sie von einem ausgeprägten Drang zum Perfektsein begleitet wird. „Perfekt sein zu wollen, ist problematisch, weil es auf überhöhten und oft unerreichbaren Ansprüchen an die eigene Person beruht“, sagt Prof. Lena Jelinek, die am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf unter anderem zu Zwangsstörungen forscht.
Dieser Anspruch gehe häufig mit dauerhafter innerer Anspannung einher und erhöhe das Risiko für Angst und psychische Erkrankungen. Ordnung könne entlastend wirken – der Zwang zur Perfektion hingegen sei langfristig belastend und ungesund.
Mitunter kann hinter einem ausgeprägten Hang zur Ordnung auch eine psychische Störung stecken. Von Ordnungszwang ist die Rede, wenn jemand unter einem starken inneren Drang leidet, Gegenstände nach starren Regeln von Ordnung oder Symmetrie anzuordnen.
Anne Katrin Külz, deren Schwerpunkt unter anderem auf der Behandlung von Zwangsstörungen liegt, nennt ein Beispiel: Jemand denkt, er muss alle Tassen im Schrank in einem bestimmten Abstand zueinander stellen. „Bleibt dies aus, kommt es zu extremer innerer Anspannung und Angst.“
Ordnungszwänge gehören laut Jelinek zu den Zwangsstörungen. Etwa zwei bis drei Prozent der gesamten Bevölkerung sind im Laufe ihres Lebens betroffen. Am häufigsten sind Waschzwänge, Kontrollzwänge und Ordnungszwänge.
„Betroffene empfinden ihr Vorgehen häufig selbst als maßlos übertrieben und unsinnig, fühlen sich aber dazu gedrängt“, so Lena Jelinek. Kommen sie dem Drang nicht nach, befürchten einige Menschen beispielsweise, dass etwas Schlimmes passiert – etwa, dass eine nahestehende Person einen schweren Unfall hat.
Unordnung macht Betroffene nervös und unzufrieden. Sie verwenden viel Zeit darauf, nach ihrem speziellen Schema wieder Ordnung herzustellen. „Beispielsweise räumen sie eine halbe Stunde lang auf eine bestimmte Art und Weise die Spülmaschine ein“, so Külz.
Die Ursachen für die Störung können unterschiedlich sein, meist spielen mehrere Faktoren eine Rolle. „Auslöser kann ein belastendes Lebensereignis wie etwa eine Trennung sein“, sagt Jelinek. Betroffene versuchen, mit zwanghafter Ordnung wieder in Balance zu kommen.
Aber auch Positives wie eine Hochzeit oder die Geburt eines Kindes können laut Jelinek bei Einzelnen einen Ordnungszwang auslösen. Das liege oft daran, dass Betroffene mehr Verantwortung spürten, dies als Druck empfänden und nun versuchten, dies mit zwanghafter Ordnung auszugleichen.
„Ordnungszwang kann auch teilweise genetisch bedingt sein“, so Külz. Mitunter setzen Betroffene auch erlernte Verhaltensmuster um – sie erinnerten sich daran, wie sie als Kind gelobt wurden („Ach, was bist du ordentlich!“) und praktizierten dies auch als Erwachsene, da es ihr Selbstwertgefühl stärke.
Was hilft Betroffenen mit der Zwangsstörung? „Ein Anfang kann sein, zu reflektieren, womit man seine Lebenszeit verbringen möchte“, sagt Jelinek. Ist Ordnung zu schaffen wirklich so wichtig, dass Dinge wie soziale Kontakte oder Hobbys hinten anstehen?
Fällt daraufhin die Entscheidung, der Ordnung weniger Raum und Energie zu geben, sei der nächste Schritt, kleine Unordnungen und ebenso die negativen Gefühle zuzulassen, wie Jelinek sagt.
„Man sollte das veränderte Ordnungsverhalten üben“, rät Külz. Statt die Spülmaschine eine halbe Stunde lang nach einem bestimmten Schema einzuräumen, verkürzt man die Einräumungszeit zunächst auf 20 Minuten, später auf maximal 10 Minuten.
Wichtig: „Man muss sich bewusst machen, dass die möglicherweise auftretenden magischen Befürchtungen 'Wenn ich es nicht so und so mache, passiert etwas Schreckliches' Fantasien sind und nicht mehr“, so Külz. Auch Gefühle wie innere Anspannung und Angst lassen mit zunehmender Übung häufig nach.
Viele Menschen benötigen professionelle Hilfe, um ihre Zwänge in den Griff zu bekommen. Sich Hilfe zu suchen, kann etwa sinnvoll sein, wenn die innere Unruhe Handlungsweisen diktiert, soziale Kontakte leiden oder Betroffene sich für ihr Verhalten schämen.
Zwangsstörungen können nicht per se geheilt werden, so das Portal „gesundheitsinformation.de“. Die Beschwerden lassen sich aber mit professioneller Unterstützung oft deutlich reduzieren, so dass ein normales Leben möglich ist.
Erste Anlaufstelle kann der Hausarzt sein. Die Diagnose erfolgt meist in einer psychotherapeutischen Praxis. Entscheidend für die Diagnose ist Fachverbänden zufolge, dass Zwangsgedanken und/oder Zwangshandlungen vorliegen, die mit einer deutlichen Beeinträchtigung im Leben verbunden sind und Leidensdruck hervorrufen.
Menschen mit Zwangsstörungen wird in der Regel eine Psychotherapie empfohlen, etwa in Form einer kognitiven Verhaltenstherapie. Auch Selbsthilfegruppen können Betroffenen Raum zum Austausch bieten.
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