Unfallforscher: Herüberwinken kann Kinder gefährden | FLZ.de

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Veröffentlicht am 23.04.2026 11:30

Unfallforscher: Herüberwinken kann Kinder gefährden

Kinder unter 6 Jahren und Senioren jenseits der 70 sind im Straßenverkehr besonders gefährdet. (Foto: Julian Stratenschulte/dpa/dpa-tmn)
Kinder unter 6 Jahren und Senioren jenseits der 70 sind im Straßenverkehr besonders gefährdet. (Foto: Julian Stratenschulte/dpa/dpa-tmn)
Kinder unter 6 Jahren und Senioren jenseits der 70 sind im Straßenverkehr besonders gefährdet. (Foto: Julian Stratenschulte/dpa/dpa-tmn)

Sie haben keine Knautschzone: Fußgänger sind die schwächsten Verkehrsteilnehmer. Und Kinder unter sechs Jahren und Senioren jenseits der 70 sind noch einmal stärker betroffen. Das unterstreicht eine aktuelle Studie der Björn Steiger Stiftung.

Wie können sich Fußgänger verhalten, damit möglichst wenig passiert? Und was sollten Autofahrer beachten? 

Siegfried Brockmann als Leiter der Unfallforschung und Unfallprävention der Stiftung erläutert typische Situationen und gibt Tipps.

Die Verantwortung der Autofahrer

Brockmann sieht die Hauptverantwortung beim Autofahrer. „Der Schwerpunkt der Vermeidbarkeit liegt beim Stärkeren, das ist das Automobil.“ Der Autofahrer könne drei einfache Dinge tun: aufmerksam und bremsbereit sein, das Tempolimit einhalten und wenn nötig noch langsamer fahren.

Das gilt vor allem, wenn man Ältere und Kleinkinder am Fahrbahnrand stehen sieht. „Sie machen den Hauptteil der verletzten und getöteten Fußgänger aus“, so der Unfallforscher.

Im Recht geblieben, aber tot? Als Fußgänger vernünftig handeln

Aber auch die Fußgänger können zu ihrer Sicherheit beitragen: „Wir sehen beispielsweise sehr viele Unfälle an Zebrastreifen“, sagt Brockmann. Dort hat der Fußgänger zwar grundsätzlich Vorrang gegenüber Autos. Dennoch rät er, immer zu warten, bis ein Fahrzeug auch wirklich anhält: „Es nützt ja nichts, wenn auf dem Grabstein steht: Er hatte recht.“ 

Und: Auch wenn ein Auto anhält, könnte ein Fahrzeug auf der Gegenspur die Situation übersehen und weiterfahren. Der Blick des Fußgängers sollte darum am Zebrasteifen immer in beide Richtungen gehen.

Kinder sind impulsiv - und sehr schnell

Ein zentrales Problem ist der Stiftung zufolge die Sicherheit von Kindern im Straßenverkehr. Sie handeln oft impulsiv und unvorhersehbar - gerade kleine Kinder bis etwa sechs Jahre. Sie sind in der Regel zwar nicht alleine im Verkehr unterwegs, sondern in Begleitung Erwachsener, so Siegfried Brockmann. Aber sie könnten dennoch einfach loslaufen. „Und ehe man sich versieht, sind sie auch schon auf der Fahrbahn.“ Hier müssen besonders Eltern aufpassen.

Ablenkung ist dabei eine unterschätzte Gefahr, etwa wenn man aufs Handy schaut und die Kinder nicht im Blick hat. „Das hat sich als eine erhebliche Unfallquelle herausgestellt“, berichtet Brockmann. 

Sichere Schulwege sind im Zweifel längere Schulwege

Auch bei größeren Kindern gibt es noch Defizite: Die sogenannte Perspektivübernahme funktioniert in dem Alter noch nicht. „Sie können sich nicht vorstellen, dass der Autofahrer nicht dasselbe sieht wie sie“, erklärt Brockmann. Das könne man nur immer wieder üben und trainieren. 

Was hilft: Wege so aussuchen, dass möglichst wenig Straßen gequert werden müssen. Im Zweifel wird der Schulweg dadurch länger, aber eben auch sicherer.

Bei Handzeichen kann es kritisch werden - auch juristisch

Wenn es Autofahrer besonders gut mit Kindern meinen, kann das schnell kompliziert werden. Etwa wenn sie anhalten, um ein Kind über die Straße zu lassen. Besonders kritisch: Gesten wie das Herüberwinken. „Das Handzeichen kann unter Umständen juristisch sogar gefährlich sein“, so Brockmann. Denn es suggeriert Sicherheit, die nicht garantiert ist - und so kann man kann am Ende sogar mitverantwortlich sein für einen Unfall. Etwa dann, wenn das Kind losrennt und in den Gegenverkehr gerät. 

Deshalb gilt: situationsabhängig handeln. „Sehr, sehr selektiv vorgehen“, lautet Brockmanns Empfehlung rund um solche Gesten. In Wohngebieten mit wenig Verkehr zum Beispiel ist oft kein anderes Auto mehr auf der Straße, auch nicht in der Gegenrichtung. Solche Situationen könne man als Pkw-Fahrer besser überschauen. Aber auf einer größeren Straße funktioniere das nicht mehr ohne weiteres. Hier sollte man lieber achtsam weiterfahren, statt herüberzuwinken. 

Rücksicht auf Ältere nehmen

Bei älteren Menschen zeigt sich ein anderes Risikoprofil. Sie haben teils das Problem, dass sie nicht bis zur nächsten sicheren Querungsmöglichkeit gehen können, etwa wegen einer Gehbehinderung. Die Folge: Sie gehen dort über die Straße, wo sie gerade sind – „teilweise eben auch hinter Sichthindernissen oder in Verkennung der Fahrzeuggeschwindigkeiten“, so Brockmann. 

Für Autofahrer bedeutet das: Man sollte bei Senioren am Straßenrand mit so einem Verhalten rechnen und seine Fahrweise anpassen.

Langsamere Senioren schaffen es nicht immer in der Grünphase der Fußgängerampel bis auf die andere Seite. Ungeduldige Autofahrer und Abbieger, die mit den langsamen Fußgängern nicht rechnen, sind dann ein Risiko. Brockmann mahnt hier zur Geduld und stellt klar: „Der Senior ist zu 100 Prozent im Recht, diese Fahrbahn noch mit seiner ihm eigenen Geschwindigkeit bis zum Ende überqueren zu können.“

© dpa-infocom, dpa:260423-930-982658/1


Von dpa
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