Ultraläuferin aus Dinkelsbühl meistert Spartathlon | FLZ.de

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Veröffentlicht am 09.10.2023 08:00

Ultraläuferin aus Dinkelsbühl meistert Spartathlon

Geschafft: Purity Jenninger nach knapp 36 Stunden im Ziel, als erste Läuferin aus Kenia. (Foto: Ralf Simon)
Geschafft: Purity Jenninger nach knapp 36 Stunden im Ziel, als erste Läuferin aus Kenia. (Foto: Ralf Simon)
Geschafft: Purity Jenninger nach knapp 36 Stunden im Ziel, als erste Läuferin aus Kenia. (Foto: Ralf Simon)

Gegenüber dem Spartathlon verblassen 100-Kilometer-Läufe zu besseren Spaziergängen. Purity Jenninger aus Dinkelsbühl ist dieses Rennen in Griechenland gelaufen. Besser: Sie hat es bewältigt. Mit Schmerzen, Angst, Hunger, Durst.

Versehrt an Körper und Geist berührte sie nach knapp 36 Stunden im Ziel den Fuß der Statue von König Leonidas. Nach 246 Kilometern Dauerlauf auf der Strecke, die laut Herodot der Bote Pheidippides 490 vor Christus während der Perserkriege von Athen nach Sparta zurückgelegt hat. Er startete am Morgen und kam am Abend des nächsten Tages an. So halten es auch die Läufer 2500 Jahre später noch. Also die, die durchkommen.

Auf den Spuren des Boten Pheidippides

„Es war hart, sehr sehr hart“, berichtet Jenninger. Nun weiß man nicht mehr so ganz genau, was Pheidippides während seines Botenlaufes so alles zugestoßen ist, aber er musste sich jedenfalls nicht mit motorisierten Fahrzeugen und Plastikmüll die Straße teilen, triste Industriegebiete durchqueren und Standstreifen von Schnellstraßen nutzen.

Es ist nicht unbedingt das Griechenland der Ferienkataloge, durch das dieser Ultralauf führt, der aber in der Szene dennoch hohes Ansehen genießt und Starter aus der ganzen Welt anlockt. Die maximal 390 Teilnehmer müssen den Nachweis erbringen, dieser Qual gewachsen zu sein. Und sie müssen bereit sein, 820 Euro Startgebühr zu bezahlen.

Purity Jenninger läuft nicht besonders schnell. Aber sie läuft lange, sehr, sehr lange. Hundert-Kilometer-Rennen hat sie schon einige bewältigt, 100-Meilen-Läufe auch. Ein Marathon zwischendurch, für den sie sich dann viereinhalb Stunden Zeit lässt, ist da eher eine Kurzstrecke. Aber der Spartathlon war noch einmal eine spezielle Herausforderung, die sie ohne große Unterstützung anging.

Hundebiss kostet wertvolle Zeit

Andere ließen sich zwischendurch von Begleitern massieren, verpflegen oder gar bekochen (was erlaubt ist an speziellen Checkpoints), Jenninger reiste ohne Crew an und hatte sich vorher überlegt, was sie wann brauchen könnte. Eine Daunenjacke für die Nacht war darunter, sie friert sehr schnell, und Kartoffelbrei als Verpflegung. Das Material wird an den Verpflegungsstationen bereit gelegt.

Nur mit dem Hundebiss, mit dem war vorher nicht zu rechnen. Die Akropolis und der ganze Großraum Athen lagen schon lange hinter ihr, als sie einer der vielen Straßenhunde, angelockt auch durch die weggeworfene Verpflegung, anfiel und ins Knie biss.

Der Biss war so tief, dass Jenninger beim nächsten Checkpoint den Arzt aufsuchen musste, was viele sehr wertvolle Minuten kostete. Denn die Uhr tickt. Das Zeitlimit setzt unter Druck. Jeder der gut 70 Checkpoints muss in einer bestimmten Zeit erreicht werden. 36 Stunden, so wie einst Pheidippides, länger darf man insgesamt nicht unterwegs sein, sonst fliegt man aus der Wertung und endet im Besenwagen.

Jenninger schaffte es. Knapp. Nach 35 Stunden, 49 Minuten und 19 Sekunden lief sie ins Ziel. Um einiges leichter als am Start, dafür mit mächtigen Blasen an den Füßen. Knapp nur behielt die Freude über den Olivenkranz auf dem Kopf die Oberhand über eine monströse Müdigkeit. Die hatte schon Stunden vorher eingesetzt, als die Strapazen schon den Willen marterten, das Ziel noch so weit entfernt war und die restliche Zeit immer schneller abzulaufen schien.

Es half die Allzweckwaffe der Neuzeit: Das Smartphone mit der schwer aus der Mode gekommenen Funktion Telefonie. Musik hören ist den Läufern wegen Teilnahme am Straßenverkehr nicht erlaubt, Telefonieren schon und so holte sich Jenninger in den letzten Stunden von der Familie daheim nicht nur aufmunternde Worte, sondern auch klare Vorgaben, wie schnell sie die letzten rund 50 Kilometer hinter sich bringen musste. 6,9 Kilometer die Stunde, das war am Ende ihr Schnitt.


Ein Genusslauf war das nicht.

Purity Jenninger

Es gab einige, die schneller liefen. Sieger wurde der Grieche Fotis Zisimopoulos in 19:55 Stunden. Die schnellste Frau war Camille Herron aus den USA in 22:35 Stunden. Jenninger wurde 247.

„Ein Genusslauf war das nicht, aber ich bin riesig stolz darauf, als erste Kenianerin den Spartathlon gemeistert zu haben“, sagt Jenninger. Die 40-Jährige hat zwei Kinder, lebt seit vielen Jahren in Dinkelsbühl und arbeit als Ernährungsberaterin und Laufcoach. Wenn nächtens eine Frau mit Stirnlampe an der Stadtmauer entlangrennt, ist das mit hoher Wahrscheinlichkeit Jenninger beim Training.

1300 Kilometer durch Deutschland

Ihre Lust auf die ganz langen Strecken wurde durch die Strapaze in Griechenland nicht gestillt, sondern eher noch angestachelt. Den Deutschlandlauf, 1300 Kilometer an 20 Tagen quer durch die Republik, könnte sie sich als nächste große Herausforderung durchaus vorstellen. Mit ein paar Hundertern als Vorbereitung.


Alexander Keck
Alexander Keck
Der noch in Vor-Internetzeiten der FLZ zugelaufene Schwarzwälder hat im Verlauf von fast drei Jahrzehnten die fränkischen Merkwürdigkeiten, die in Ohrmuscheln (Allmächd!) und auf Esstellern (Saure Zipfel!) landen schätzen gelernt. Nur die im Vergleich zu Spätzle stets zu breiigen Knödel mag der Schwabe nicht. Das Schreiben über Sport dagegen immer noch sehr - gerne auch abseits des Mainstreams.
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