Der Name Testarossa lässt Herzen höherschlagen. Ursprünglich eine Anspielung auf die rot lackierten Zylinderköpfe des Ferrari 500 TR von 1956, wurde er spätestens durch Miami Vice zur Ikone: Detectives Sonny Crockett und Ricardo Tubbs machten den Ferrari Testarossa in den 1980er-Jahren unsterblich.
Jetzt holt Ferrari diese Legende zurück. Als Nachfolger des SF90 Stradale kommt in diesem Sommer der 849 Testarossa auf den Markt. Die geschlossene Berlinetta kostet 450.000 Euro – 30.000 Euro mehr als der Vorgänger. Wer das offene Fahrgefühl bevorzugt, greift zum Spider für 490.000 Euro.
Der SF90 galt als stärkster Ferrari aller Zeiten. Der Testarossa setzt noch einen drauf – zumindest vorerst. Das neue Top-Modell kombiniert einen Plug-in-Hybrid-Antrieb mit drei E-Motoren (zwei vorne, einer hinten) und einer Gesamtleistung von 162 kW/220 PS. Dazu kommt ein 7,49 kWh großer Pufferakku für 25 saubere, aber stille – und deshalb eher sterile – Kilometer.
Doch der Benziner mit acht Zylindern von je 0,49 Litern Hubraum – daher das Kürzel 849 – legt dank größerem Turbo und viel Feinschliff noch einmal 37 kW/50 PS zu und erreicht jetzt 610 kW/830 PS. Zusammen macht das 772 kW/1.050 PS und sichert dem Testarossa nicht nur eine Spitzenposition in der Ferrari-Chronik.
Beim Anlassen surrt zunächst der Elektromotor. Doch sobald man am Manettino-Schalter das Sportprogramm aktiviert, erwacht der V8 mit einem donnernden Klang zum Leben. Der Kick-down entfesselt eine Beschleunigung, die alle Sinne überfordert: Die Gangwechsel knallen hörbar, die Umgebung verschwimmt, und ehe man sich orientiert hat, ist die nächste Kurve schon erreicht.
Von 0 auf 100 km/h in 2,3 Sekunden, nach 6,35 Sekunden 200 Sachen. Das kann man fast überall ausprobieren, wo es kein Tempolimit gibt. Aber die mehr als 330 km/h Spitze sind ein seltenes Vergnügen auf einer leeren Autobahn oder der Döttinger Höhe des Nürburgrings.
Doch der Testarossa beeindruckt nicht nur beim Beschleunigen. Bremsen ist mindestens genauso imposant, und wenn er durch die Kurven schießt, wird jede Achterbahn zum Kinderspielplatz. Mit 1.600 Kilo schon serienmäßig leicht, wird er mit dem Assetto-Fiorano-Paket für 52.000 Euro noch einmal 30 Kilo leichter.
Bei 250 km/h erzeugt der Zweisitzer über 400 Kilogramm Abtrieb und klebt förmlich auf der Fahrbahn. Der Fahrer wird beim schnellen Lastwechsel unter Stöhnen an die hohe Lehne der engen Sitze geschmissen, beim Bremsen fliegt der Körper schmerzhaft in den Gurt und beim Beschleunigen knallt der Kopf gegen das Polster – aber der Testarossa lässt sich nicht aus der Ruhe bringen.
Ja, er ist natürlich vor allem zum Fahren gemacht – und je schneller, desto besser. Doch selbst im Stand ist er eine Schau. Nicht umsonst hat Ferrari viele Merkmale von früher neu interpretiert: Das Leuchtenband im Bug erinnert an die Klappscheinwerfer, mit denen Crockett und Tubbs in Miami die Nacht zum Tag gemacht haben.
Die Flanke fängt den Blick mit einem mächtigen Lufteinlass. Wer am Heck zwischen den beiden Twin-Tails genannten Spoiler-Stummeln in den verglasten Motorraum schaut, sieht ganz tief unten – natürlich – die rot lackierten Zylinderköpfe. Und den beiden beindicken Endrohren sieht man auf den ersten Blick an, was für einen Lärm sie machen.
Selbst innen werfen sie den Blick ein bisschen zurück. Nein, die Zeiten liederlicher Verarbeitung und billiger Fiat-Teile sind natürlich vorbei. Stattdessen gibt es Lack und Leder satt und eine Qualität und Ausstattung, die zum Preis passen. Selbst wenn sie auch weiterhin kein Navigationssystem einbauen.
Aber auf dem Lenkrad gibt es jetzt wieder klassische Knöpfe, das aus dem Vollen gefräste Bedienelement der Achtgang-Doppelkupplung simuliert eine wunderbar altmodische Schaltkulisse und das Blickfeld dominiert mit fast magischer Anziehungskraft ein feuerroter Startknopf.
Er sieht messerscharf aus, fährt auch so und ist mit seinem Plug-in-Hybrid auf dem richtigen Weg. Denn Petrolheads lockt der Ferrari Testarossa mit noch mehr Performance, die Klimaschützer unter den Superreichen zumindest mit etwas weniger schlechtem Gewissen. Lamborghini Revuelto und McLaren Artura können das zwar auch, sind aber in beiden Disziplinen einen Tick hinten dran – und sehen deshalb angesichts des neuen Testarossa rot. Selbst wenn er in einer anderen Farbe lackiert sein sollte.Datenblatt: Ferrari 849 Testarossa
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