Bis Anfang der 2030er Jahre soll in Garching bei München für rund zwei Milliarden Euro ein Forschungsreaktor zur Kernfusion entstehen. In München unterzeichneten dazu Vertreter der bayerischen Staatsregierung, das Münchner Start-up Proxima Fusion, das Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP) und der Dax-Konzern RWE eine Absichtserklärung. Ziel: die Zusammenarbeit auf dem Weg über den Demonstrationsreaktor „Alpha“ bis hin zum ersten kommerziellen Magnetfusions-Kraftwerk am rund 100 Kilometer entfernten Standort des ehemaligen Atomkraftwerkes Gundremmingen.
„Die Finanzierung dazu wird ein wirklicher Kraftakt sein, das muss man sagen. Allein das Projekt „Alpha” wird zwei Milliarden Euro kosten“, sagte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU). Der Freistaat werde sich mit 400 Millionen Euro beteiligen.
Mindestens weitere 400 Millionen Euro kommen über Proxima Fusion durch private Investoren - dieser Tage findet in München dazu eine große Investorenkonferenz statt, um Geld einzuwerben. Er hoffe sehr, dass der Bund seinen Teil für das „große nationale Projekt“ übernehmen werde, laut Söder „zwingend“ mehr als eine Milliarde Euro.
Nach Angaben von Proxima-Fusion-Gründer Francesco Sciortino geht es um nicht weniger als die Gelegenheit, „eine ganz neue Industrie zu bauen“. Ziel sei es, die Anlage in den nächsten sechs, sieben Jahren in Betrieb zu bringen. Das verlange aber eine echte Weltklasseleistung.
Parallel zum Projekt „Alpha“ in direkter Nachbarschaft zum Max-Planck-Institut in Garching sollen laut RWE in Gundremmingen die Vorbereitungen für den späteren Bau des ersten kommerziell nutzbaren Fusionsreaktors „Stellaris“ erfolgen. Dieser soll weitgehend identisch zu „Alpha“ sein und ermöglichen, mittels Magnetfusions-Technologie nutzbare Energie zu erzeugen. Weltweit wird an der Kernfusion geforscht - bisher muss aber noch immer mehr Energie reingesteckt werden, als am Ende herauskommt.
Wissenschaftsminister Markus Blume (CSU) erklärte, dass „über diesen letzten Stein“ der Finanzierungsdimensionen noch nicht gesprochen worden sei. Am Ende müsse die Technologie „dann auch zeigen (...), dass man damit am Strommarkt Geld verdienen kann und das am besten in großer Dimension, in großer Skala, denn das ist das, was wir am Ende des Tages auch brauchen“.
RWE-Vorstandschef Markus Krebber zeigte sich sehr optimistisch, dass der Bau am Ende nicht an fehlendem Geld scheitern werde: „Wenn der „Alpha” funktioniert“, dann erhärte sich nicht nur der Zeitplan immer mehr, dann werde auch genug privates Geld zur Verfügung stehen.
Fusionsenergie basiert auf dem Prozess der Verschmelzung („Fusion“) von Atomkernen, aus dem die Sonne und andere Sterne ihre Energie beziehen. In der Wissenschaft wird der Bau von Fusionskraftwerken seit den 1950er Jahren diskutiert. Kritiker bemängeln etwa, dass wegen der enormen Investitionssummen andernorts Geld für den Klimaschutz fehlt.
Für Söder und die anderen Projektpartner bietet die Kernfusion als völlig neue Technologie für grundlastfähigen, CO2-freien und sauberen Strom in unbegrenzter Menge. So könne der exponentielle Stromhunger durch Elektromobilität, KI und Rechenzentren gestillt werden. Auch RWE-Chef Krebber sprach von einem „Gamechanger der Energieversorgung“. Den Zeitplan nannte er ambitioniert, aber machbar.
Die Umweltschutzorganisation Greenpeace und die Grünen im Landtag kritisierten die Fusionspläne: „Die Kernfusion ist aus unserer Sicht keine Lösung für die Energiewende“, sagte Martin Stümpfig von Grünen. Er bezeichnete die Investitionen als „Steuerverschwendung sondergleichen“. Auch der Physiker Heinz Smital von Greenpeace nannte die Pläne unseriös, da die Technik schlichtweg nicht existiere. „Es ist bereits heute absehbar, dass Markus Söder mit seinen Fusionsreaktor-Plänen eine Bruchlandung erleiden wird.“
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