Spitzentrainer im Fußball: Wie viel Belastung ist zu viel? | FLZ.de

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Veröffentlicht am 28.10.2026 14:27

Spitzentrainer im Fußball: Wie viel Belastung ist zu viel?

Auszeit vom Fußball-Alltag: Bayern-Trainer Vincent Kompany muss sich nach seinem Zusammenbruch erst mal erholen. (Archivbild) (Foto: Peter Kneffel/dpa)
Auszeit vom Fußball-Alltag: Bayern-Trainer Vincent Kompany muss sich nach seinem Zusammenbruch erst mal erholen. (Archivbild) (Foto: Peter Kneffel/dpa)
Auszeit vom Fußball-Alltag: Bayern-Trainer Vincent Kompany muss sich nach seinem Zusammenbruch erst mal erholen. (Archivbild) (Foto: Peter Kneffel/dpa)

Für Miroslav Klose ist Gesundheit „das Allerwichtigste“, Max Eberl sagte: „Das, was wir tun können, ist, aufeinander aufzupassen.“ Und Julian Schuster sprach über „Momente, die dann natürlich an dir zerren.“ Es menschelt im Milliardengeschäft. Der Fall Kompany hat eine Debatte ausgelöst über die Anforderungen an Trainer auf Topniveau. Wie ungesund ist das System Spitzenfußball? Und wie krank macht es seine Hauptprotagonisten?

Ein paar Aussagen von Vincent Kompany, die im Mai vor zwei Jahren vielleicht ein wenig floskelhaft klangen, lassen nun aufhorchen. „Ich habe keinen Lifestyle außerhalb der Arbeit“, hatte der dreifache Vater bei seiner Vorstellung als neuer Chefcoach des FC Bayern München gesagt. „Arbeit ist mein Lifestyle - all in.“ Als Trainer im Profifußball zu arbeiten, sei für ihn „ein 24/7-Job“, sieben Tage die Woche 24 Stunden.

Kompanys Motto: Arbeit, Arbeit, Arbeit

Mit dieser Einstellung hat der 40 Jahre alte Coach („Wir werden immer die höchsten Ziele haben“) den zwischenzeitlichen etwas trudelnden Rekordmeister wieder aufgepäppelt. Er hat Titel geholt, ein Team entworfen, das dominant und kunstvoll spielt, homogen wirkt, nach Erfolg giert. 

Aber zu welchem Preis? Seiner eigenen Gesundheit? Seit dem Zusammenbruch Kompanys am Freitag steht diese Frage im Raum. Hätte ihn jemand schützen müssen vor seinem Arbeitsethos? Pausen verordnen, die er sich vielleicht zu selten gönnte?

Antworten in der Causa Kompany fallen den Experten schwer, weil - zumindest öffentlich - noch keine Diagnose vorliegt. Einen „ziemlich saftigen Virus“ habe er abbekommen, hatte Kompany zwar noch vor seinem Zusammenbruch gesagt. Ob das auch die Ursache war, war offen.

Eberl: „Ein schmaler Grat, über den wir reden“

„Wir wissen, dass unser Job sehr viel Druck bedeutet, wir wissen, dass es immer unter dem Brennglas steht. Wir arbeiten bei Bayern München, das ist einer der größten Clubs der Welt“, sagte Sportvorstand Eberl. Dennoch müsse man bei der Kompany-Diskussion aufpassen: „Druck ja, aber er hat eine Krankheit. Das ist jetzt so ein schmaler Grat, über den wir reden.“

Was die Selbstfürsorge angeht, sind Fußballtrainer einigen ungünstigen Faktoren ausgesetzt, meint Oliver Stoll, Professor für Sportpsychologie und Sportpädagogik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. „Wenn ein sehr großer Druck entsteht und das Gleichgewicht gestört wird zwischen Belastung und Erholung, dann kann jemand auch mal schnell zusammenbrechen“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur.

Dabei spiele es keine Rolle, ob Trainer gegen den Abstieg oder um die Meisterschaft kämpfen. Entscheidend seien die Erwartungen des direkten Umfelds. „Und auch wenn von außen alles schick aussieht, heißt es nicht unbedingt, dass von innen alles prima ist.“

Kovac: „Sehr intensiver Beruf“

Der Dortmunder Coach Niko Kovac sieht es ähnlich: „Im Abstiegskampf ist großer Stress. Wenn man oben ist, sollte man möglichst alles gewinnen, was schier unmöglich ist. Es ist ein sehr, sehr intensiver Beruf, der sicherlich von außen auch noch befeuert wird“, sagte er. Trainer würden alles mit nach Hause nehmen.

Für Stoll sind drei Faktoren entscheidend, damit Spitzentrainer in der Balance bleiben: „Günstiger Schlaf, gute ausgewogene Ernährung und eben mentale Auszeiten.“ Klingt einfach, fällt im Fußballhochbetrieb mit neun Spielen binnen vier Wochen für Europapokalteilnehmer aber verdammt schwer. Trainer seien bei all ihren Privilegien in diesen Abläufen „ein Stück weit gefangen“, meinte Freiburgs Coach Julian Schuster.

Die Beanspruchung ist ohnehin hoch - nicht bloß am Spieltag und im Training, sondern auch von Ersatzspielern, Vorständen, Co-Trainern, Fans und Medien. Spiele und Gegner wollen umfangreich analysiert sein, Aufstellungen genauso erklärt werden wie Niederlagen. „Du hast dann Tage, wo du vielleicht die Energie nicht hast, musst sie aber trotzdem geben. Und das sind die Momente, die dann natürlich an dir zerren“, sagte Schuster.

Hitzfelds früherer Co-Trainer Henke sieht Doppelmoral

Die nun geführte Debatte um mehr Trainergesundheit berge aber auch eine gewisse Doppelmoral, findet Michael Henke, der langjährige Assistent des früheren Meistertrainers Ottmar Hitzfeld. „Viele haben sich aufgeregt, als Julian Nagelsmann zum Skifahren gegangen ist. Nach dem Motto: Wie kann er das jetzt machen? Und jetzt schreien alle, man müsse auf Vincent Kompany aufpassen“, sagte er in einem Interview von „web.de“.

Der damalige Bayern-Trainer Nagelsmann war im März 2023 nach einem 1:2 bei Bayer Leverkusen ein paar Tage ins Tiroler Zillertal gefahren - und noch vor seiner Rückkehr nach München seinen Job los. Die Freistellung hing zwar vor allem mit den Leistungen seiner Mannschaft zusammen, der Ski-Trip geriet trotzdem in den Fokus.

„Julian Nagelsmann hätte nach der Niederlage in Leverkusen nicht in den Skiurlaub fahren dürfen“, sagte damals Ehrenpräsident Uli Hoeneß. „Was macht denn ein Trainer, nachdem es nicht so rund läuft und du gerade mit einer Niederlage nach Hause kommst, beim Skifahren? Das hat mich verwundert“, kommentierte Ex-Profi Markus Babbel.

Auch für die Medien sei das ein „gefundenes Fressen“ gewesen, sagt Sportpsychologe Stoll. Dabei habe Nagelsmann alles richtig gemacht. „Das ist die Auszeit, die du manchmal brauchst.“

© dpa-infocom, dpa:261028-930-906936/1


Von dpa
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