S6 nach Neustadt: Ist das Bayerns „versiffteste” S-Bahn? | FLZ.de

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Veröffentlicht am 15.02.2024 15:17

S6 nach Neustadt: Ist das Bayerns „versiffteste” S-Bahn?

Auf der S6 (Nürnberg-Neustadt/Aisch) sind viele Züge graffitibeschmiert. Teile des Farbauftrags wurden auf unseren Aufnahmen unkenntlich gemacht, um den Wiedererkennungswert zu schmälern. (Foto: Johannes Hirschlach)
Auf der S6 (Nürnberg-Neustadt/Aisch) sind viele Züge graffitibeschmiert. Teile des Farbauftrags wurden auf unseren Aufnahmen unkenntlich gemacht, um den Wiedererkennungswert zu schmälern. (Foto: Johannes Hirschlach)
Auf der S6 (Nürnberg-Neustadt/Aisch) sind viele Züge graffitibeschmiert. Teile des Farbauftrags wurden auf unseren Aufnahmen unkenntlich gemacht, um den Wiedererkennungswert zu schmälern. (Foto: Johannes Hirschlach)

Würde die Deutsche Bahn (DB) ihre Züge der S-Bahn-Linie 6 nicht auf die Reise zwischen Nürnberg und Neustadt/Aisch, sondern zu einem Schönheitswettbewerb schicken, wäre derzeit wohl nicht einmal ein Blumentopf drin. Denn was die äußeren Werte anbelangt, geben die eingesetzten Fahrzeuge der Baureihe 425 seit Monaten ein fragwürdiges Erscheinungsbild ab.

Graffiti, zum Teil flächendeckend über mehrere Waggons gesprüht. Kaputte elektrische Zugzielanzeiger. In ganzen Fetzen abblätternder Lack. Der Rest der Außenhülle ein Flickenteppich. Verwischte Türmarkierungen. Sogar mit weißem Stift krakelig aufgemalte DB-Logos. Ein Zug, der auf einer Länge von rund 20 Metern komplett mit schwarzer Farbe beschmiert wurde, ist nach der Beobachtung von Fahrgästen seit mehreren Wochen so unterwegs, einzig die Fenster wurden gereinigt.


Es ist das letzte Gerümpel.

Bahnkunde aus Neustadt

Auf die Frage an einen intensiven Bahnnutzer und -beobachter aus Neustadt, wie er den Zustand der S6-Züge einschätzen würde, kommt als Antwort erst einmal nur Gelächter. Und dann doch etwas konkreter: „Es ist unsäglich. Die 425er sind sowas von versifft. Es ist das letzte Gerümpel.” Im Außenbild sei das wohl Bayerns schlimmste S-Bahn-Linie.

Ihrem eigenen Anspruch kommt die DB auf der S6 offensichtlich nicht mehr hinterher: In der Vergangenheit propagierte die Bahn stets, Graffiti-Schäden im Idealfall binnen 24 Stunden zu entfernen. Die Devise gab die DB 2021 etwa auch für das Münchner S-Bahn-Netz aus.

Graffiti beschert der DB jährlich Millionenschaden

Auf FLZ-Anfrage äußert sich eine Konzernsprecherin ausführlich, aber zurückhaltend. Grundsätzlich entferne die Bahn Schäden im Sinne der Kunden „so schnell wie möglich” - auch um das Erfolgserlebnis der Sprayer zu schmälern. Warum Züge auf der S6 dennoch über Wochen mit Graffiti verkehren - und wieso der Schaden nur teilweise entfernt wird -, beantwortet die Sprecherin nicht. Sie verweist bei der Reinigung allgemein auf Werkstatt-Kapazitäten.

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Die DB habe 2022 rund 24.000 Fälle von Graffiti-Attacken registriert: ein Schaden von 12,1 Millionen Euro. Die Fallzahlen seien leicht rückläufig gewesen. Jährlich würden rund 3200 Sachbeschädiger auf frischer Tat ertappt. Zudem dokumentiert die Bahn „Tags” der Sprayer, um vor Gericht mehrere Taten gebündelt zuordnen zu können. Über das Zivilrecht könnten so noch 30 Jahre später Forderungen geltend gemacht werden, selbst wenn Täter damals minderjährig waren. „Beträge von oft vielen Tausend Euro” kämen da zusammen, erklärt die Bahnsprecherin.

Neue Nürnberger Fahrzeuge auf der S6 ab Dezember

Auch Graffiti zu entfernen, ist kompliziert: Für die Reinigung eines Zugs braucht es laut Bahn einen Arbeitstag und zwei bis drei Fachkräfte. Damit sich die Farbe löst, sind stark reizende Chemikalien nötig - und die greifen wiederum den Fahrzeuglack an. Der könne schon nach zwei Reinigungsintervallen zerstört sein. Einmal Neulack fürs Fahrzeug koste rund 30.000 Euro und der Zug falle eine Woche aus.

Und genau das spart sich die DB nach eigener Aussage auf der S6. Denn: Ab Dezember 2024 sollen auf der Linie andere Fahrzeuge fahren, konkret die typischen Nürnberger S-Bahn-Züge der Baureihe 442. „Bis dahin werden die Fahrzeuge weiter regulär gewartet und gereinigt, lediglich die Lackierung wird nicht mehr erneuert”, heißt es von der Bahn. Für weitere Lackschäden bleibt also noch viel Zeit.


Johannes Hirschlach
Johannes Hirschlach
Redakteur für Digitales
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