Nach 42 Jahren in der Kommunalpolitik und zwölf Jahren als Bürgermeister ist Rainer Erdel seit 1. Mai offiziell im Ruhestand. Mit dem knapp 71-jährigen Landwirtschaftsmeister verabschiedet sich eine prägende Persönlichkeit des Marktes Dietenhofen und ein Mensch, der stets auch für einen Spaß zu haben war.
Beim Frühjahrskonzert des 1. Europa-Musikzugs 2023 trat der Lentersdorfer als humorvoll-chaotischer Triangel-Solist auf. Beim Kirchweih-Auftakt 2024 stand er dem Blasorchester dann sogar als Dirigent vor, und auch beim Rathaussturm der Faschingsgesellschaft machte Erdel stets heitere Miene zum närrischen Spiel. „Es ist wichtig, sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen“, sagte er bei einer dieser Gelegenheiten.
Mit den ernsten Themen kennt er sich jedoch mindestens genauso gut aus. Von 2009 bis 2013 saß er für die FDP im Deutschen Bundestag und reiste als Mitglied des Verteidigungsausschusses mehrfach nach Afghanistan. Als Oberst der Reserve im Heer der Bundeswehr nahm er an einer Schulung zum Thema atomare, biologische und chemische Massenvernichtungswaffen teil und fühlte sich dort, wie er es beschreibt, „der Apokalypse ziemlich nah“.
Seine Zeit in der Bundespolitik endete, wenngleich nicht apokalyptisch, doch unerwartet. Nachdem die FDP im Jahr 2013 an der Fünf-Prozent-Hürde scheiterte, musste Erdel gemeinsam mit der gesamten Fraktion die Koffer packen. Schon wenige Wochen später begann aber ein neues Kapitel: Die von ihm mitgegründete Wählergruppe der Ortsteile Dietenhofens (WGO) fragte an, ob er für die Nachfolge des nach 30 Jahren ausscheidenden Bürgermeisters Heinz Henninger kandidieren wolle.
In der Stichwahl 2014 setzte sich Erdel mit 62,9 Prozent der Stimmen gegen Mitbewerber Rainer Pfeiffer (Parteilose Wählergemeinschaft) durch. In den folgenden sechs Jahren konnte sich die Marktgemeinde noch an relativem Wohlstand erfreuen: Die Gewerbesteuer-Einnahmen betrugen teils über fünf Millionen Euro im Jahr, und auf der hohen Kante lagen elf Millionen Euro, die größere Projekte ermöglichten. Zum Beispiel die Generalsanierung der Schulturnhalle und der Neubau des Musiksaals mit Gesamtkosten von sechs Millionen Euro. Beschlossen wurden außerdem die Sanierung des Quartiers am Hagelsbergweg, die Kanalsanierung in der Ansbacher Straße und der Neubau der Kita Kunterbunt am Meisterweg.
Bei der Kommunalwahl 2020 gab es keinen Gegenkandidaten. „Ich habe das als Zeichen dafür gewertet, dass auch die anderen Gruppierungen im Gemeinderat insgesamt zufrieden waren“, resümiert Erdel. Auch die 88 Prozent der Wählerstimmen seien für ihn ein Vertrauensbeweis gewesen.
Der Beginn der zweiten Amtsperiode war von der Corona-Pandemie geprägt, damit brachen schwerere Zeiten an. Kurz nach der Kommunalwahl kam das Versammlungsverbot, der neue Gemeinderat konstituierte sich im Musiksaal. „Niemand hatte Erfahrung im Umgang mit so einer Situation. Wir haben Ortssprecherwahlen im Freien abgehalten und mussten den Leuten erklären, dass Veranstaltungen wie die Kirchweih leider nicht stattfinden können.“ Auch in Dietenhofen kam es zu schweren Corona-Verläufen und Todesfällen.
Scheinbar zurück in ruhigeren Fahrwassern, erreichte die Marktgemeinde 2023 die Hiobsbotschaft, fünf Millionen Euro an bereits eingenommener Gewerbesteuer zurückzahlen zu müssen. In der Kämmerei wurde der Rotstift angesetzt. Alles, was nicht unbedingt sein musste, rutschte nach unten auf der Prioritätenliste. Das sei absolut richtig gewesen, betont Erdel. „Wären wir anders verfahren, dann hätten wir vielleicht jetzt 15 Millionen Euro Schulden anstatt fünf Millionen Euro Guthaben.“ So hinterlasse er die Gemeinde finanziell verhältnismäßig solide aufgestellt.
Das für ihn, wie er sagt, „in 42 Jahren einschneidendste Erlebnis“, kam ganz zum Schluss, in Form eines Anrufs an einem Montagabend Anfang Februar: Die Horst Brandstätter Gruppe kündigte an, Ende Juni das Playmobil-Werk in Dietenhofen zu schließen. Der Schock bei den 350 Mitarbeitenden und der gesamten Bevölkerung sitzt immer noch tief.
Auch an der Gemeinde und an Erdel selbst wurde Kritik geäußert. Unter anderem wurde er bei einer Gewerkschafts-Demonstration vor den Werkstoren vermisst. „Ich komme zu einer Veranstaltung, wenn ich dazu substanziell etwas beitragen kann“, begründet er seine Abwesenheit. Bezogen auf die Werksschließung sei dies aber bedauerlicherweise nicht der Fall gewesen.
„Uns als Gemeinde stand keinerlei Instrument zur Verfügung, dies zu verhindern.“ Die berufliche Zukunft der Belegschaft treibe ihn jedoch um. Daher habe er sofort mit Gesprächen unter Beteiligung des Landkreises und des Jobcenters begonnen. „Damit die Playmobil-Mitarbeitenden eine berufliche Perspektive haben, setzen wir uns mit aller Kraft ein, und zwar auch 24 Stunden am Tag, wenn es sein muss.“
Sein Ziel sei es immer gewesen, dass die Bürgerinnen und Bürger im Markt Dietenhofen gut und zufrieden leben können, sagt Erdel. Seine persönliche Bilanz falle auch in dieser Hinsicht positiv aus.