Mit 50 km/h in 30er-Zone? Eine Frage von Leben und Tod | FLZ.de

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Veröffentlicht am 28.04.2026 00:06

Mit 50 km/h in 30er-Zone? Eine Frage von Leben und Tod

Kreuz und quer und wer ist wer? Das typische Gewusel im Straßenverkehr hat die Kamera hier zwar magisch eingefangen - doch es birgt auch Gefahren. (Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa/dpa-tmn)
Kreuz und quer und wer ist wer? Das typische Gewusel im Straßenverkehr hat die Kamera hier zwar magisch eingefangen - doch es birgt auch Gefahren. (Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa/dpa-tmn)
Kreuz und quer und wer ist wer? Das typische Gewusel im Straßenverkehr hat die Kamera hier zwar magisch eingefangen - doch es birgt auch Gefahren. (Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa/dpa-tmn)

Mal eben rechts auf dem Radweg halten, um Brötchen zu holen: Wird schon nicht so schlimm sein. Und was macht es schon, wenn ich in der 30er-Zone mal 50 km/h fahre - wo ist das Problem? 

Nun, das Problem ist: Diese 20 km/h können den Unterschied zwischen Leben und Tod machen, wie der Unfallforscher Siegfried Brockmann im Interview sagt.

Ginge es nach ihm, wäre der erste Satz der Straßenverkehrsordnung als Aufkleber in jedem Fahrzeug ständig zu sehen. „Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht“, steht dort. Würde das bei jedem in Fleisch und Blut übergehen, hätte man viele Probleme nicht mehr, sagt der Experte. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg.

Herr Brockmann, was sind Ihrer Meinung nach die drei am meisten unterschätzten Gefahren im Straßenverkehr - und warum?

Siegfried Brockmann: Das Erste ist zu schnelles Fahren. Bei meinen Vorträgen mache ich den Test, wie viele Leute wissen, wie groß der Unterschied zwischen 30 und 50 km/h ist. Meistens ist es doch so, dass man sagt: „Na, ist ja ein Kavaliersdelikt.“ 

Mein Beispiel ist dann immer: Ich bin an einer Stelle mit Tempo-30-Limit mit 30 km/h unterwegs. Ein Kind läuft vor mir auf die Straße und ich komme mit Vollbremsung direkt vor dem Kind zum Stehen. Und jetzt frage ich: Wie viel Restgeschwindigkeit hätte das Auto noch, wenn ich 50 km/h gefahren wäre an dieser Stelle? Wissen Sie es?

Gute Frage. 20 km/h vielleicht?

Brockmann: 20 km/h? Damit liegen Sie im Mainstream, das meinen viele. Die Wahrheit ist: Sie haben noch gar nicht gebremst. Man unterschätzt den Weg, den man während der Reaktionszeit zurücklegt. Der gesamte Anhalteweg - die Summe aus Reaktionsweg und Bremsweg - liegt bei Tempo 30 bei circa 14,5 Metern. Bei Tempo 50 haben Sie allein einen Reaktionsweg von 18 Metern.Das heißt: Mit Tempo 30 hätte es diesen Unfall nicht gegeben – für mich nicht, in der Statistik nicht, für das Kind nicht, für niemanden. Bei 50 km/h wäre das Kind mit sehr großer Wahrscheinlichkeit tot. Weil ein Aufprall mit 50 km/h in der Regel lebensbedrohlich ist. Ob ich statt erlaubten 30 also 50 km/h fahre, das ist kein Kavaliersdelikt, sondern macht den Unterschied zwischen Leben und Tod in diesem Beispiel.

Welche Gefahren werden noch unterschätzt?

Brockmann: Das Motorradfahren an sich. Das Risiko, auf dem Motorrad getötet zu werden, ist 20-mal höher als beim Autofahren. Ich glaube, das machen sich die meisten Motorradfahrer, wenn sie aufs Motorrad steigen, überhaupt nicht bewusst. Teilweise tun sie so, als würde ihre Schutzkleidung oder ihr Helm sie vor diesem Schicksal bewahren. Aber da weiß die Forschung schon, dass jenseits von 40 km/h Aufprallgeschwindigkeit dieser Schutz nicht mehr wirkt.

Beispiel Kopfverletzung: Es geht ja nicht darum, ob der Schädelknochen bricht, sondern es geht darum, dass das Gehirn sich im Schädel bewegt. Und gibt es keinen Helm, der das - bei höheren Geschwindigkeiten - sinnvoll verhindern kann. Das machen sich vermutlich die meisten nicht bewusst.

Die dritte unterschätzte Gefahr ist das Halten und Parken, was als mittelbare Ursache für sehr, sehr viele Unfälle verantwortlich ist. Das fängt mit dem Aus- und Einparken an. Beim Ausparken erwischt man gerne mal einen Fahrradfahrer, beim Einparken einen Fußgänger, der da zufällig steht.

Dann sind da noch die Leute, die einfach ein paar Minütchen auf dem Radweg halten, um etwa zum Bäcker zu gehen, und damit den Radverkehr in den fließenden Verkehr zwingen. Oder das Thema Dooring, also plötzlich geöffnete Autotüren, was eine Riesengefahr für Radfahrer darstellt.

Und nicht zuletzt ist da die Sichtbehinderung durch parkende Autos, gerade bei Kindern. Insgesamt ist das ganze Thema Halten und Parken ein Riesenproblem aus Perspektive der Unfallforschung. Die Kommunen sind aber immer noch nicht in der Lage, das so zu kommunizieren, dass man im Zweifel dann auch mal auf den einen oder anderen Parkplatz verzichten kann. Davor schreckt man dann zurück, weil man Angst vor Anwohnerprotesten hat.

ZUR PERSON: Siegfried Brockmann ist Leiter der Unfallforschung und Unfallprävention bei der Björn Steiger Stiftung. Er klärt seit vielen Jahren über Risiken im Straßenverkehr auf - und wie sie sich verringern lassen.

© dpa-infocom, dpa:260427-930-1023/1


Von dpa
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