Skoda Enyaq und Kia EV5 aufgepasst – jetzt kommt (schon wieder) Konkurrenz aus China. Denn nachdem sich MG bislang vor allem in den unteren Preisregionen breit gemacht hat, probt die nach Shanghai emigrierte Traditionsmarke mit dem S6 den Aufstieg und will das elektrische SUV für Preise ab 49.990 Euro als Freund der Familie etablieren.
Dabei setzt MG nicht wie die meisten anderen Chinesen auf das übliche Raumschiff-Design. Sondern der bei VW abgeworbene Styling-Chef Jozef Kaban hat das 4,71 Meter lange SUV in klassischen Linien gezeichnet, die auch einen VW Tayron schmücken könnten oder einen Ford Kuga.Das steigert zwar nicht eben den Wiedererkennungswert, sondern wenn er nicht wie der Testwagen gerade in Stratford Gold lackiert ist, geht auch der S6 unter in der Schwemme der SUV auf unseren Straßen. Doch schafft es Vertrauen und soll auch jene Kunden ansprechen, die etwas skeptischer in die Zukunft blicken.
Das gilt mehr noch fürs Innenleben des S6. Denn auch da fährt MG für Chinesen einen ungewohnt konventionellen Kurs und spickt das Lenkrad genau wie die Mittelkonsole mit vielen klassischen Tastern und Schaltern. Die allermeisten Funktionen lassen sich deshalb auch wählen, wenn man nicht auf dem großen Mittenbildschirm herumfingern möchte, der natürlich trotzdem schier unvermeidlich ist. Genau wie die digitalen Instrumente.
Neu für MG in Europa ist zudem das Head-up-Display, das wichtige Informationen direkt im Blickfeld in die Frontscheibe projiziert.
Egal, ob analog aufgewachsen oder als Digital Native, so oder so verwöhnt einen der MG S6 mit einer vornehmen Materialauswahl, die überall gut ausschaut und sich auch so anfühlt. Und es gibt reichlich Platz auf allen Plätzen – hinten sogar noch mehr als vorn.
Denn bei 2,84 Metern Radstand und einer besonders flachen Batterie ist der Fußraum im Fond großzügiger als bei manch einem Oberklasse-Modell und selbst ein langer Lulatsch kann dort lässig lümmeln. So taugt der S6 auch dann noch als Familienauto, wenn der Nachwuchs so langsam aufs Abi zusteuert.
Dazu gibt es reichlich Platz fürs Gepäck: Hinter der elektrischen Klappe verschwinden 674 Liter. Wer die Rückbank umklappt, kann bis zu 1.910 Liter verstauen und dort. Dort, wo konventionelle Autos den Motor haben, gibt’s einen Frunk mit weiteren 124 Litern Stauraum. Und mehr als zwei Dutzend Ablagen im Innenraum haben die Chinesen auch noch eingebaut.
Als reines Elektroauto konzipiert, kommt der S6 wahlweise mit einem 180 kW/244 PS starken Magnetläufer an der Hinterachse oder mit Allradantrieb und zwei Motoren, die zusammen 266 kW/361 PS leisten.
Zwar ist er in beiden Varianten mit einem Spitzentempo von 200 km/h flotter unterwegs als die meisten Konkurrenten. Und der Allradler kann mit seinen 540 Nm in 5,1 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100 beschleunigen. Doch ein wirklich sportliches Auto ist der S6 deshalb nicht.
Sondern ganz klar als Familienkutsche ausgelegt, fährt man damit immer auf der entspannten, komfortablen Seite. Die Lenkung ist in jedem Fahrprofil stark unterstützt und das Fahrwerk bügelt viele Straßenschäden aus.
Das nimmt der Fahrt für die Passagiere die Schärfe, dem Fahrer aber auch ein bisschen den Spaß. Der würde sich bisweilen ein wenig mehr Kontrolle wünschen und eine straffere Anbindung – zumindest, nachdem er den Nachwuchs im Kindergarten abgegeben hat.
Immerhin beherrscht der S6 die Tugenden der Generation E, rollt je nach Profil kilometerweit aus oder verzögert allein durch die in fünf Stufen schaltbare Energierückgewinnung des Motors so stark, dass man nur den Fuß lupfen, nicht aber die Bremse treten muss.
Apropos Energie: Die liefert ein Akku mit 77 kWh, der im Normzyklus für 530 Kilometer beim Heck- und 485 Kilometer beim Allradler ausreicht. Das ist im Vergleich zu Wettbewerbern wie dem Skoda Enyaq, der in der Basisversion mit 62 kWh und 405 Kilometern kommt oder dem Kia EV5 (81 kWh/530 Kilometer) nicht schlecht.
Doch an der Ladesäule wird der Glanz des Chinesen trüb: Am Wechselstrom sind nicht mehr als 11 und am Gleichstrom maximal 144 kW möglich, und von 10 bis 80 Prozent vergehen lange 38 Minuten.
Ja, MG ist noch immer eine vergleichsweise neue Marke, die mit den legendären Oldtimern aus dem Vereinigten Königreich nur noch den Namen gemein hat. Doch während andere neue Marken ihren Status als Newcomer bei Auftritt und Ambiente fast marktschreierisch herausbrüllen, proben die Chinesen den leisen Auftritt und folgenden den klassischen Tugenden.
Damit kommen sie etablierten Konkurrenten am Ende näher als viele andere neue Marken. Der S6 wird so zu einer entsprechend guten Alternative zu Platzhirschen wie dem Skoda Enyaq oder Hoffnungsträgern wie dem Kia EV5. Allerdings liegen sie auch beim Preis erschreckend nah beisammen und gewähren dem Kunden keinen großen China-Bonus.Datenblatt: MGS6 EV
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