Hohe Erwartungen von außen, der eigene Perfektionismus oder die ständige Erreichbarkeit im digitalen Arbeitsalltag: Leistungsdruck ist für viele Berufstätige ein ständiger Begleiter. Auf lange Sicht kann das gesundheitliche Folgen haben - und bis zum Burn-out führen. Was können wir tun, damit es nicht so weit kommt? Experten geben Antworten auf wichtige Fragen.
Von Leistungsdruck spricht man, wenn Beschäftigte „gute Arbeit beziehungsweise akzeptable Arbeitsqualität in begrenzter Zeit bei gegebener Arbeitsmenge“ leisten müssen, so eine Definition der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (Baua).
Herausfordernd sei dabei oft, dass Beschäftigte das Gefühl haben, unterschiedliche - teils auch widersprüchliche - Erwartungen erfüllen zu müssen, sei es von Vorgesetzten, Klienten oder Patientinnen. Viele empfinden zudem Druck, ihre Arbeit fehlerfrei zu machen, richtige Entscheidungen zu treffen, Verantwortung für ihre Arbeitsergebnisse zu tragen und ihre Tätigkeiten fachlich kompetent und gleichzeitig effektiv auszuüben.
Wichtig sei, zwischen subjektivem und objektivem Leistungsdruck zu unterscheiden, sagt der Arbeitspsychologe Sebastian Jakobi. „Ich muss die oder der Beste sein“ oder „Ich darf keine Fehler machen“: Wer so denkt, verspürt subjektiven Leistungsdruck. Während der Antreiber bei subjektivem Leistungsdruck in einem selbst liegt, liege objektiv Leistungsdruck vor, wenn zum Beispiel durch Personalmangel viele Aufgaben auf einem lasten.
„Äußere Antreiber können neben Personalmangel und Arbeitsmenge auch Termindruck oder die Konkurrenz sein“, sagt Emma Erhard, Psychologin bei IFBG, einer Ausgründung der Universitäten Konstanz und Karlsruhe (KIT).
Oft liegt aber auch eine Kombination von internen und externen Auslösern für Leistungsdruck vor. Glaubenssätze wie „Sei perfekt“, „Mach es allen recht“ oder „Sei stark“ könnten den äußeren Leistungsdruck zusätzlich verstärken. „Sie wirken oft unbewusst und sorgen dafür, dass wir uns selbst immer wieder antreiben, auch wenn wir längst erschöpft sind“, so Erhard.
Problematisch wird Leistungsdruck Emma Erhard zufolge dann, wenn Stress zum Dauerzustand wird und Erholung kaum noch gelingt. In dem Fall liege chronischer Stress vor. Das kann sich negativ auf unsere Gesundheit auswirken. „Psychisch zeigt er sich oft in Erschöpfung, Schlafstörungen, Gereiztheit oder sozialem Rückzug“, so die Psychologin.
Auch ständiges Grübeln oder Angststörungen sind laut Jakobi möglich. Körperlich kann es beispielsweise zu Verspannungen, Magenproblemen oder einem geschwächten Immunsystem kommen. „Eine weitere mögliche Folge von dauerhaftem Leistungsdruck ist ein Burn-out“, so Jakobi. All dies führt häufig zu eingeschränkter Leistungsfähigkeit.
Ein Chatbot verfasst E-Mails-Entwürfe, ein Algorithmus analysiert Daten: Wird Arbeit durch die Verbreitung technischer Unterstützung nicht eigentlich weniger und einfacher? Warum scheinen trotzdem mehr Menschen sie als belastend zu empfinden als früher?
Menschen seien nie grundsätzlich belastbarer gewesen, wie Erhard sagt. Aber die Arbeitsbedingungen haben sich verändert und verändern sich kontinuierlich. Heute arbeiten der Expertin zufolge viele unter permanentem Veränderungsdruck und ständiger digitaler Erreichbarkeit.
„Gleichzeitig sprechen wir offener über mentale Gesundheit, was den Eindruck erwecken kann, dass Belastungen zugenommen hätten“, so die Psychologin. Dabei seien sie vielleicht einfach sichtbarer geworden.
„Hilfreich kann sein, Resilienz, also eine psychische Widerstandsfähigkeit, aufzubauen“, sagt Jakobi. Dazu gehöre, sich selbst realistische Ziele zu setzen. Aber auch Selbstfürsorge in Form von Achtsamkeitstraining sowie Entspannungstechniken wie etwa Meditation seien wichtig.
„Ein guter Start ist der Realitätscheck“, so Erhard. Welche Erwartungen sind tatsächlich da und von welchen glaube ich nur, dass andere sie an mich stellen? Oft gebe es eine Diskrepanz zwischen expliziten und impliziten Erwartungen. „Wenn wir diese auflösen, fällt viel Druck ab“, sagt die Psychologin.
Zusätzlich könne es helfen, die eigenen Glaubenssätze zu prüfen. Muss wirklich alles perfekt sein, oder reichen manchmal vielleicht auch 80 Prozent aus?
Darüber hinaus empfiehlt Arbeitspsychologe Sebastian Jakobi: „Man sollte sich der eigenen Grenzen bewusst sein und Neinsagen lernen, wenn es einem zu viel wird.“ Nicht zuletzt gehe es auch darum, Aufgaben zu priorisieren. Das funktioniert am besten, indem man sich täglich eine To-do-Liste anlegt und darauf die Dinge, die am wichtigsten sind, ganz oben notiert.
Hilfreich ist zu wissen, „was einem persönlich hilft, um sich zu entspannen und zu regenerieren“, so Emma Erhard. Da dies sehr individuell ist, lohne es sich, ein eigenes Repertoire an wirksamen Erholungsstrategien aufzubauen.
„Führungskräfte können entscheidend dazu beitragen, dass in ihrem Team Leistungsdruck abgefedert wird“, sagt Arbeitspsychologe Jakobi. Dazu gehöre etwa, dass sie mit gutem Beispiel vorangehen und regelmäßig Pausen machen und auf Work-Life-Balance achten. Auch sollten Führungskräfte den Team-Mitgliedern realistische Ziele setzen und für eine klare Kommunikation sorgen.
Angebote im Unternehmen - etwa Stressmanagement-Workshops oder Resilienz- oder Achtsamkeitstrainings - können ebenfalls zu einem gesunden Umgang mit erlebtem Leistungsdruck beitragen. „Entscheidend ist dabei stets eine vorherige Bedarfserhebung, um zu verstehen, wie es den Beschäftigten wirklich geht und welche Maßnahmen sinnvoll sind“, so Erhard.
Und: Wer selbst merkt, dass der Druck dauerhaft zu hoch ist und das Gefühl hat, damit nicht mehr alleine zurechtzukommen, darf und sollte professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. „Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Ausdruck von Selbstfürsorge“, so Erhard.
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