Die Strecke ist kaum mehr als 50 Kilometer lang, führt aber über vier Pässe. Und auf 2.000 Höhenmetern gibt es mindestens genauso viele Kurven. Kaum eine Route in den Alpen ist so herausfordernd wie die Sellaronda in den Dolomiten. Kein Wunder, dass vor allem im Sommer Radler, Motorradfahrer und Sportwagenenthusiasten über die Passstraßen des Sella-, Pordoi-, Campolongo oder Grödnerjochs jagen.
Und erst recht ist es kein Wunder, dass hier der neue Opel Corsa GSE zur Jungfernfahrt antritt. Denn was die Hessen als elektrische Wiedergeburt des Hot Hatches, also des leistungsstarken Kompaktwagens, feiern, und in diesem Herbst für 39.900 Euro in den Handel bringen, das mag der Generation GSI im Unruhestand unten im Flachland allenfalls ein müdes Lächeln abringen. Auf engen Passstraßen wie hier im Herzen der Dolomiten dagegen kommt der Kleinwagen groß raus.
Die Idee ist freilich nicht neu, sondern hat bei Opel eine lange Tradition: Schon der erste Corsa, der 1982 in den Handel kam, hat sechs Jahre später die Muskeln spielen lassen. Damals führte das Sportabzeichen noch die Buchstaben GSI.
Der noch viel kleinere Kleinwagen hatte einen 1,6-Liter-Motor mit heute lachhaften 47 kW/100 PS unter der Haube. Das war immerhin mehr als doppelt so viel wie beim Basismodell und fühlt sich selbst heute noch verdammt flott an, weil das Auto schließlich nur 840 Kilo wiegt.
Knapp 40 Jahre und noch einmal fünf Sportmodelle dauerte es, bis der Kraftzwerg als OPC-Version des Corsa E mit schon sehr viel interessanteren 154 kW/210 PS elektrisch wird. Nun trägt er als neues Sportabzeichen das wiederentdeckte GSE-Logo und wirft bei der Einordnung ähnlich viele Fragen auf wie der Erstling.
Ja, er hat mittlerweile 206 kW/281 PS. Aber er wiegt heute auch 1.629 Kilo, und weil Elektromotoren entweder rasant beschleunigen oder schnell fahren können, hat Opel mehr Wert auf die Sprintqualitäten gelegt, schwärmt laut von tatsächlich eindrucksvollen 5,5 Sekunden für die ersten 100 km/h, limitiert aber kleinlaut die Höchstgeschwindigkeit auf 180 km/h. Selbst der erste Corsa GSI ist da noch 8 km/h schneller und der Oldtimer hält deshalb beim Paarlauf locker mit.
Im Flachland, auf der Autobahn oder erst recht auf der Rennstrecke tut sich der GSE deshalb als Sportler schwer. Aber auf einer Bergstraße wie hier in den Dolomiten sieht die Sache ganz anders aus. Dort spielt er seine wahren Stärken aus. Die 345 Nm der E-Maschine an der Vorderachse liegen beim Tritt aufs Gaspedal sofort an.
Und weil Opel ein Sperrdifferenzial eingebaut hat, kommt die Kraft über die neu gemischten Gummis noch wirkungsvoller auf den Asphalt. Dazu größere Räder mit breiteren Reifen, ein wenig mehr Spurweite, ein tieferer Schwerpunkt, ein stramm abgestimmtes Fahrwerk und eine direkt übersetzte Lenkung - dann wird der ohnehin schon kurze und knackige Corsa vollends zum Wirbelwind.
Gierig schneidet er durch die Haarnadelkurven, beschleunigt schneller wieder heraus als alle andern, wischt am Vordermann auf den kurzen Geraden mühelos vorbei und bremst sich vor der nächsten Kehre rechtzeitig wieder ein. Nur um dieses Spiel eine Serpentine weiter von Neuem zu beginnen. Anbremsen, einlenken, heraus beschleunigen, gerade ziehen.
So stürmt der Kraftmeier einen Pass nach dem andern und macht dabei mindestens genauso viel Spaß wie die vielen, sehr viel teureren Sportwagen, die hier sonst ihre Runden drehen. Selbst zum Motorrad-Feeling fehlt nicht mehr viel. Zumal der Zauber im Elektroauto ganz mühelos gelingt, weil man nicht schalten muss und es sonst nichts gibt, was einen von der idealen Linie ablenken könnte.
Die Raserei in den Bergen hat übrigens noch einen weiteren Vorteil: die Rekuperation. Zwar ist der Akku des Corsa mit 54 kWh nicht eben groß, und die Normreichweite von 354 Kilometern kann man bei sportlicher Gangart nie und nimmer erzielen.
Doch auf der Berg- und Talfahrt zwischen Wolkenstein und Alta Badia sammelt der GSE auf dem Weg nach unten viel von der Energie wieder ein, die er beim Sturm aufs Sella- oder Pordoijoch verloren hat. Gut so, denn mit Schnellladern hat man es noch nicht so in Südtirol. Wobei Schnellladen ohnehin so eine Sache ist, da der Corsa maximal 100 KW aus der Leitung zieht.
Kurz und knackig, handlich und wendig, und vor allem mit fast explosivem Antrieb. Wenn es um den Fahrspaß geht, kann der Corsa zumindest auf Straßen wie diesen mühelos mit der eiligen Elite aus dem deutschen Süden oder dem italienischen Norden mithalten. Und dass es unter der Haube nicht gierig knurrt oder am Heck wenigstens böse brüllt, fehlt einem auch nur in den ersten Kehren.
Zumal der Corsa mit seiner Vierzylinder-Historie ohnehin immer etwas kurzatmig klang und Opel außerdem beim GSE mit ein paar elektronischen Tricks versucht, ein emotionales Klangbild hinzubekommen. Wer möchte, hört deshalb ein künstliches Knurren, das die Stimmung beim Sprinten noch etwas steigert, obwohl man es mühelos als Fake entlarvt.
Spätestens wenn der GSE steht, verblasst sein neu gewonnener Glanz aber auch hier oben in den Bergen ein wenig. Innerhalb der Familie fällt er tatsächlich auf mit seinen verbreiterten Kotflügeln, den karierten Sitzen mit den tiefer aufgeschnittenen Polstern, den gelben Gurten und natürlich dem kessen Flügel auf der Heckklappe.
Aber neben Ferrari, Lamborghini und Co und den Parkplätzen vor den Jausen-Stationen und Gipfel-Gaststätten wirkt er dann doch etwas verloren, selbst wenn neben ihm der Erstling parkt und zeigt, dass der Kleinwagen in den letzten 40 Jahren deutlich an Größe gewonnen hat und damals noch ein paar Aufkleber für den Sportsgeist reichen mussten.
Dass da mehr möglich ist, beweist die Schwestermarke Peugeot, die den gleichen Antriebsstrang in ihrem 208 einbaut und damit die GTI-Geschichte fortschreiben will.
Bei den Franzosen gibt es den Wirbelwind mit ganz ähnlichen Genen und identischen Eckwerten, aber mit einer deutlich stärker veränderten Karosserie, die unter dem Strich ein bisschen mehr hermacht. Allerdings ist der 208 GTi dafür mit 44.900 Euro auch gute zehn Prozent teurer.
Aber was wirklich zählt, ist das Erlebnis hinter dem Lenkrad. Und da bietet der Corsa mehr als jeder andere aktuelle Opel. Denn überraschend glaubwürdig knüpft er dort an, wo früher Lust und Leidenschaft und ein Hauch Unvernunft zu Hause waren. Schade nur, dass Opel sich dieses Vergnügen teuer bezahlen lässt und auf das einfachste Modell des in der Serie bis zu 115 kW/156 PS starken E-Corsa mal eben ein gutes Drittel aufschlägt. Selbst vom Top-Modell trennen ihn noch rund 4.000 Euro.
Ebenfalls schade ist, dass die Karriere des Corsa langsam endet: 2028 ist eine neue Generation angesagt. Und bis es von der dann wieder ein Sportmodell gibt, wird sicher einige Zeit ins Land gehen.
Nein, der Corsa GSE ist weder vernünftig noch hat er das Zeug zum Bestseller. Denn selbst bei Marken mit mehr Renommee auf der Rennstrecke tun sich elektrische Sportmodelle derzeit noch schwer.
Um die Pole-Position kann der Opel ohnehin nicht mitfahren, selbst wenn er stärker und wohl auch schneller ist als der ID.Polo GTI, den Erzrivale VW zudem erst noch in den Handel bringen muss.
Trotzdem ist es gut, dass Opel ihn baut. Denn im Ringen mit den vielen anderen Schwestern in der Stellantis-Familie sind die Rüsselsheimer zuletzt arg blass geblieben und so vernünftig geworden, dass sie fast schon verzichtbar erscheinen.
Mit dem GSE kehren dagegen die Lebensgeister zurück in die Marke - und er zaubert wieder ein Grinsen in die Gesichter der Kundschaft. Selbst wenn es dafür einen Ausflug nach Südtirol braucht.
Datenblatt: Opel Corsa GSE
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