Jedes Jahr veröffentlicht die Polizei ihre Kriminalstatistiken. Manche Muster zeigen sich dabei immer wieder, weiß Nicole Bögelein aus Schopfloch im Landkreis Ansbach. Im Interview erzählt die Soziologin in der Kriminologie von ihrem Job und erläutert Forschungsergebnisse.
Frau Bögelein, wie realistisch ist eigentlich der „Tatort”?
Nicole Bögelein: Ich selbst forsche nicht direkt zur Polizeiarbeit, aber von Kolleginnen und Kollegen höre ich oft, dass manches belächelt wird. Zum Beispiel, wie die Ermittlerinnen und Ermittler im Krimi arbeiten – da wird häufig ziemlich frei agiert, auch mal an Regeln vorbei. Was allerdings relativ realistisch ist: Die Aufklärungsquote bei Tötungsdelikten ist tatsächlich sehr hoch. Ansonsten sehe ich Krimis als Unterhaltung. Ich kann das gut anschauen, ohne es zu ernst zu nehmen.
Und wie finden Sie True-Crime-Formate?
Kritischer. Da geht es um echte Fälle, und häufig bekommen die Täterinnen und Täter sehr viel Raum, während die Perspektive der Opfer in den Hintergrund rückt. Außerdem werden die Rechte von Opfern und Angehörigen oft nicht ausreichend berücksichtigt. Und es werden Ängste verstärkt – gerade bei Frauen, die diese Formate hauptsächlich konsumieren.
Inwiefern verstärken diese Formate Ängste?
Man weiß tatsächlich aus der Forschung, dass vor allem junge Frauen oft Angst haben, nachts draußen unterwegs zu sein. Viele schränken sich deshalb ein und bleiben zu Hause. Aus kriminologischer Sicht ist das aber eigentlich paradox. Rein statistisch ist das Risiko, Opfer von Gewalt zu werden, im privaten Umfeld deutlich höher. Die Gefahr geht viel häufiger von Personen aus, die man kennt – Partner oder Ex-Partner.
Deshalb sage ich manchmal bewusst zugespitzt: Aus kriminologischer Sicht wäre es eigentlich „sicherer“, mehr draußen unterwegs zu sein und weniger Zeit zu Hause zu verbringen. Und es ist schade, wenn Menschen – vor allem Frauen – sich durch solche Ängste in ihrem Alltag einschränken lassen.
Die aktuellen Kriminalstatistiken aus der Region zeigen: Insgesamt sind die Straftaten in Westmittelfranken zurückgegangen. Aber bestimmte Deliktbereiche – zum Beispiel Kinderpornografie – sind gestiegen. Wie ordnen Sie solche Entwicklungen ein?
Diese Beobachtungen passen sehr gut zu dem, was wir auch allgemein sehen. Was den Bereich der Kinderpornografie betrifft – ich sehe den Begriff kritisch und würde eher von Darstellungen sexualisierter Gewalt an Kindern sprechen –, da ist es so, dass Anstiege oft mit Ermittlungsaktivitäten zusammenhängen. Wenn große Fälle aufgedeckt werden, werden viele Tatverdächtige gleichzeitig erfasst. Dann steigen die Zahlen in der Statistik sprunghaft an.
Das heißt: In solchen Fällen zeigt die Statistik vor allem auch, wie aktiv die Ermittlungsbehörden waren – weniger unbedingt, ob die tatsächliche Zahl der Taten gestiegen ist.
Wie sind Sie eigentlich zur Kriminologie gekommen?
Ein Schlüsselerlebnis war eine Haftgruppe im Soziologie-Studium. Wir sind regelmäßig ins Gefängnis gegangen und haben mit Inhaftierten gesprochen. Mich hat besonders beschäftigt: Darf der Staat Menschen einsperren? Und wie wird das begründet? Seitdem interessiere ich mich stark für Strafe und deren gesellschaftliche Funktion.
Wie sieht ein typischer Arbeitstag für Sie als Kriminologin aus?
Ganz unterschiedlich. Heute hatte ich eine Projektbesprechung, danach eine Vorlesung mit etwa 50 Studierenden. Danach habe ich an einer Veröffentlichung gearbeitet und später treffe ich noch einen Doktoranden. An anderen Tagen bin ich viel unterwegs. Ich mache Gerichtsbeobachtungen, führe Interviews im Gefängnis oder halte Vorträge.
Was genau machen Sie bei Gerichtsbeobachtungen?
Ich sammle Daten. Das heißt, ich sitze im Gerichtssaal und beobachte, was passiert: Wer sagt was? Wie ist die Stimmung? Gibt es besondere Situationen? In einem aktuellen Projekt untersuchen wir zum Beispiel Prozesse im Bereich Rechtsterrorismus und schauen, wie sich Angeklagte verhalten – ob sie Reue zeigen oder nicht.
Sie haben also – anders als man es sich vielleicht vorstellt – viel direkten Kontakt mit Menschen?
Ja, und das ist mir wichtig. Ich gehe gerne „ins Feld“, also raus in die Praxis. Ich möchte sehen, was tatsächlich passiert – nicht nur theoretisch arbeiten.
Hat sich dadurch Ihr Bild von Straftätern verändert?
Ja, definitiv. Man merkt schnell, dass viele Menschen im System bestimmte Lebensgeschichten haben – Armut, Sucht, schwierige Biografien. Außerdem wird deutlich, dass nicht alle Straftaten gleich sichtbar werden: Es landet nur ein bestimmter Teil von Menschen überhaupt im Gerichtssystem.
Was sind weitere Themen, zu denen Sie forschen?
Zum Beispiel institutioneller Rassismus in der Justiz. Wir haben Gerichtsverhandlungen zu Alltagsdelikten beobachtet und untersucht, ob sogenannte „Rassifizierung“ einen Einfluss auf den Verlauf und die Urteile hat.
Gab es dazu schon Ergebnisse?
Ja! Zwei zentrale Punkte: Erstens spielt Sprache eine große Rolle. Viele Angeklagte verstehen die juristische Fachsprache nicht – besonders schwierig ist es für Menschen, die Dolmetschung benötigen. Zweitens die Sozialprognose: Gerichte bewerten, ob sich jemand „positiv entwickeln“ wird – aber oft nach Maßstäben der weißen Mittelschicht, die nicht auf alle Lebensrealitäten passen.
Ein Kapitel in Ihrem neuen Buch heißt „Ist Kriminalität männlich?”. Ist sie das denn?
Ja, das kann man tatsächlich sagen. Ungefähr drei Viertel der Tatverdächtigen sind männlich. Wichtig ist mir aber: Das ist keine biologische Erklärung. Es liegt nicht daran, dass Männer „von Natur aus“ krimineller sind. Vielmehr hat das mit sozialen Faktoren zu tun – also mit Erziehung, Rollenbildern und gesellschaftlichen Erwartungen. Zum Beispiel werden Jungen oft weniger stark kontrolliert und dürfen sich mehr „ausprobieren“. Gleichzeitig gibt es teilweise auch mehr soziale Anerkennung für riskantes oder abweichendes Verhalten. Bei Frauen ist das eher umgekehrt – da wird schneller negativ bewertet.
Wir sehen aktuell aber auch leichte Veränderungen – zum Beispiel, dass sich junge Frauen in manchen Bereichen stärker an Gewalt beteiligen. Das könnte mit veränderten Geschlechterrollen zu tun haben, aber das muss man weiter beobachten.
Die Statistiken aus unserer Region zeigen: Die meisten Straftaten werden von Deutschen begangen. Trotzdem wird Kriminalität in der öffentlichen Diskussion oft mit Migration verknüpft. Wie erklären Sie das?
Diese Verbindung wird sehr stark politisch und medial zugespitzt – und oft auch verzerrt dargestellt. Zusätzlich zeigt die polizeiliche Kriminalstatistik nur das sogenannte Hellfeld, also die Fälle, die angezeigt und registriert werden. Und wir wissen, dass dieses Hellfeld nicht neutral ist. Zum Beispiel werden Menschen, die als „nicht deutsch“ wahrgenommen werden, häufiger angezeigt. Auch polizeiliche Kontrollen betreffen diese Gruppen häufiger.
Was würden Sie den Menschen entgegnen, die zu diesem Thema oft sehr gefestigte Meinungen haben?
Nicht Migration verursacht Kriminalität, sondern ungleiche Lebensbedingungen. Das Schwierige ist: Oft geht es gar nicht mehr um Fakten, sondern um Überzeugungen. Trotzdem ist wichtig zu betonen: Die allermeisten Menschen – egal ob mit oder ohne deutschen Pass – begehen keine Straftaten. Und wenn man Kriminalität wirklich verstehen will, muss man sich die sozialen Ursachen anschauen, nicht die Herkunft.
Nicole Bögelein ist 45 Jahre alt und stammt aus Schopfloch (Landkreis Ansbach). Die promovierte Soziologin lehrt und forscht an der Universität zu Köln und hat schon mehrere Bücher veröffentlicht. Nun erschien im Verlag J.H.W. Dietz Nachf. Bonn ihr Sachbuch „True Criminology – Mythen, Fakten, Hintergründe”, das sie gemeinsam mit ihrer Kollegin Gina Rosa Wollinger geschrieben hat. Die beiden haben auch einen gleichnamigen Podcast.