„Eigentlich bin ich ja immer noch mindestens ein halber Rothenburger“, sagt Bernd Becker. Der Handballtrainer aus Höchberg war fünf Jahre lang beim TSV Rothenburg aktiv, pflegt die Kontakte aus dieser Zeit und kennt das Team genau. Dennoch schafften es die Rothenburger, ihren ehemaligen Coach zu überrumpeln und den Regionalligarivalen TSV Lohr mit 33:32 zu bezwingen.
Heimspiele gegen Lohr mit Becker sind in Rothenburg ein nervenaufreibendes Vergnügen. Im April 2018 gab es im Bayernligaabstiegskampf ein 20:20, wobei Philip Schemm, der nur die Latte traf, und Tim Ehrlinger die Chance zum Siegtor hatten. Diesmal klatschte in der Schlussminute wieder ein Wurf ans Gebälk des Gegners, abgefeuert von Patrick Schneider, was wenige Sekunden später aber schon egal war. Nikola Stojanov wuchtete den Ball kunstvoll per Kempatrick doch noch zum Siegtreffer ins Tor.
Dass man die Rothenburger in der Halle an diesem Abend noch tanzen sehen würde, schien nach 28 Minuten so wahrscheinlich wie ein freier Parkplatz an der Stadtmauer an den Adventssamstagen. Mit behäbigem und unsicherem Spiel, das die Lohrer Abwehr kaum forderte, hatten sich die Gastgeber einen 6-Tore-Rückstand eingehandelt, der bis zur Pause noch auf vier Treffer reduziert wurde.
Ein Torwart- und Strategiewechsel führte zur Wende, deren Rasanz das bekannt begeisterungsfähige Publikum mitriss. Fünf Minuten lang blieb der eingewechselte Torhüter Andreas Amann ohne Gegentor, während seine Vorderleute Tempogegenstoß um Tempogegenstoß liefen und plötzlich führte Rothenburg mit 19:18.
„Wir geben den Vorsprung zu schnell weg. Wenn wir den zehn Minuten halten, dann sind wir dabei, am Ende lief es auch etwas unglücklich für uns“, so Becker, der sich noch gut an das Unentschieden vor sechs Jahren erinnern kann, das seiner Truppe diesmal versagt blieb.
„Zwei Dinge waren entscheidend. Unsere Abwehr war zunächst zu passiv und es war klar, dass wir den Ball schnell machen müssen. Wir wussten, wir müssen auf dem Tempo bleiben, das gefällt ihnen nicht“, nannte Interimstrainer Volker Ehrlinger die Gründe für den Umschwung in der zweiten Hälfte, der zum zweiten Sieg in Folge nach dem Rücktritt von Trainer Andreas Trabold vor zwei Wochen führte.
Es gibt kein Problem in der Kabine.
„Man merkt bei uns schon noch eine Unsicherheit. Wir haben noch nicht so das Selbstbewusstsein, das ist eine Kopfsache, zwei, drei gute Aktionen helfen dann da enorm, wie man in der zweiten Halbzeit gesehen hat“, meinte Andreas Amann.
Trabold hatte bei seinem überraschenden Abschied von einem „Problem in der Kabine“ gesprochen. Eine Aussage, die die Rothenburger beschäftigt. „Man sieht in den letzten zwei Spielen, dass die Mannschaft lebt. Bei Negativerlebnissen gibt es immer Dinge, über die man aneinandergerät, da gibt es schon mal Misstöne, aber wir spielen seit Jahren zusammen, die meisten sind Freunde, bei uns gibt es kein generelles Problem in der Kabine“, sagt Amann, „solche Spiele wie heute gewinnst du nicht, wenn du nur Einzelspieler hast. Es reißt sich jetzt jeder am Riemen, wir pushen uns gegenseitig, zeigen viel mehr Emotionen. Das hilft uns sehr, gerade wenn handballerisch nicht alles rund läuft.“
Mit seinen 36 Jahren hat Dennis Ort schon so manche Schlacht geschlagen und so manchen Trainerwechsel erlebt. „Es ist nie der Trainer alleine schuldig, es ist immer das Gefüge“, sagt Orf, „dass er geht war für uns extrem überraschend, aber es war das Signal für uns, jetzt müssen wir was zeigen.“ Das hat eine Halbzeit lang hervorragend geklappt. „Gegen Lohr gibt es immer enge Spiele. Was wir in der ersten Halbzeit nicht so in den Griff gekriegt haben war der Rückraum, das haben wir in der zweiten Halbzeit gut gemacht. Es war mehr Kampf gefordert als in den Spielen vorher“, findet Orf.
TSV Rothenburg: Kiss (ab 31. Amann), Schemm (4), Patrick Schneider (4), Tim Ehrlinger (3), Maximilian Schmidt (1), Anton Ehrlinger (4), Orf (3), Mika Schneider, Jasarevic (3), Stojanov (4), Keller, Altwish (2), Ilicin (5/2), Bohács.
Tore TSV Lohr: Maximilian Schmitt (6), Röder (8/3), Popovic (3), Walaszczyk (11), Gerr (3), Zehnter (1).
Zwischenstände: 3:3, 5:5, 5:7, 6:9, 9:12, 11:14, 12:18, 14:18 (Halbzeit), 18:18, 20:20, 24:22, 25:25, 28:26, 29:29, 30:30, 32:31, 32:32, 33:32.
Zeitstrafen: 10:8 Minuten (Rothenburg: Tim Ehrlinger 2, Schmidt, Anton Ehrlinger 2) und Rot für Jakob Röder (Lohr, 59./Foulspiel).- Siebenmeter: Rothenburg 2/2, Lohr 3/3.- Zuschauer: 400.- Schiedsrichter: David Homa/Oliver Mehl (MTV Stadeln).