Grönland: Auf Kreuzfahrt zum größten Fjord der Welt | FLZ.de

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Veröffentlicht am 08.07.2026 04:07

Grönland: Auf Kreuzfahrt zum größten Fjord der Welt

Vor so großen Eisbergen wirkt ein Schiff wie die „MS Spitsbergen“ ziemlich klein. (Foto: Verena Wolff/dpa-tmn)
Vor so großen Eisbergen wirkt ein Schiff wie die „MS Spitsbergen“ ziemlich klein. (Foto: Verena Wolff/dpa-tmn)
Vor so großen Eisbergen wirkt ein Schiff wie die „MS Spitsbergen“ ziemlich klein. (Foto: Verena Wolff/dpa-tmn)

Es knirscht und knarzt draußen auf dem Polarmeer. Eine unwirkliche Kulisse ist das: Das Wasser ist dunkeltürkis, manchmal sieht es grau-milchig aus. Eisberge schwimmen herum, große und kleine, oft in nur allzu bizarren Formen. Wenn ein Stück vom Gletscher abbricht, werden jede Menge kleine Eisscheibchen ins Wasser geschleudert. Wo das Eis aneinander reibt, knirscht es. Es ist großes arktisches Naturkino, das sich von Bord der „MS Spitsbergen“ aus bietet. 

Dem Eisbär-Teenager, der zunächst nur als kleiner hellgelber Punkt auf einem entfernteren Eisberg zu sehen war, kommen die Schollen und Batzen gelegen. Er nutzt sie, um sich weiter zum Schiff vorzuarbeiten.

Zunächst ist er noch etwas schüchtern und bleibt auf mehreren Hundert Metern Abstand zum Schiff. Doch je länger es ruhig vor dem Gletscher liegt, desto neugieriger wird der Bär. Er klettert von Eisberg zu Eisberg, nimmt Abkürzungen durchs Wasser, wühlt die ansonsten so ruhig daliegende Oberfläche auf, nutzt Eisschollen.

Und plötzlich ist er ganz nah am Bug des Expeditionsschiffes. Das Eisknirschen ist kaum noch zu hören zwischen dem Gemurmel der Passagiere, die in mehreren Dutzend auf den Decks fünf und acht stehen. Sie wollen einen Blick auf das vom Aussterben bedrohte größte Landraubtier unserer Erde haben. Auch wenn es sich um einen Teenie handelt.

Leckere Häppchen für die Bären

„Es kann sein, dass er auf Walreste gehofft hat“, sagt Jørgine Tobiassen, genannt JJ. Gelegentlich kommen Ureinwohner mit Booten in den Scoresbysund, um Wale im längsten Fjord der Welt zu jagen. „Die Tiere werden gleich auf dem Boot verarbeitet, die Überreste schmeißt man wieder ins Wasser.“ Ein leckeres Häppchen für die Bären.

JJ ist Köchin an Bord des Schiffes, sie ist für die grönländischen Speisen zuständig, die jeden Tag am Buffet serviert werden, und das grönländische Menü, das die Gäste extra buchen können. Sie ist in Qaarsut im Westen Grönlands geboren und aufgewachsen. Über die Gepflogenheiten ihrer Landsleute berichtet sie an der Schiffsbar bei einem der zahlreichen „Tiny Talks“.

Über die Natur spricht Liam Northfield, Umweltwissenschaftler aus Cambridge und Teil des Wissenschaftsteams, das auf der „MS Spitsbergen“ angeheuert hat, um die Passagiere mit Wissen zu versorgen: Der Scoresbysund an der Ostküste Grönlands als größtes Fjordsystem der Welt sei 300 Kilometer lang und an den weitesten Stellen 50 Kilometer breit. Im Nordwesten verästelt er sich in kleinere Fjorde. Die Grönländer nennen ihn Kangertittivaq, großer Fjord. Der spätere Name geht auf den britischen Walfänger William Scorsby zurück, der den Scoresbysund Anfang des 19. Jahrhunderts befuhr. 

Ein einzigartiges Ökosystem ist hier über Jahrtausende entstanden, denn Menschen stören im Scoresbysund kaum. Die letzte Ortschaft ist direkt am Eingang zum Fjord, Ittoqqortormiit. Nur gut 300 Menschen leben in dem Dorf, in dem es eine befestigte Straße gibt und viele Schotterwege, auf denen die Einheimischen mit ihren Geländewagen und Quads unterwegs sind.

Die Touri-Info ist verriegelt

Motorschlitten stehen im sommerlichen Regen ebenso im ganzen Dorf verstreut herum wie Boote verschiedener Größe und Hundeschlitten. Während die ausgewachsenen Schlittenhunde auf einer kleinen steinernen Insel angebunden sind, tapsen die Hundewelpen noch unsicher durchs Dorf. Sie scheinen sich zu wundern über die vielen Menschen, die das Expeditionsschiff gerade angespült hat.

Ein Museum gibt es, ein Geschäft, eine lutherische Kirche – und eine Touristeninformation. Die allerdings erweist sich als verriegelt, als die Passagiere dort mehr über das Leben in einer der wohl abgelegensten Ortschaften der Welt erfahren wollen.

Nur zwei bis drei Monate im Jahr ist Ittoqqortormiit mit dem Schiff erreichbar, das restliche Jahr über sind die Wasserstraßen zugefroren. „Der Fjord friert komplett zur, nur kleine Wasserlöcher bleiben, an denen das Meereis langsamer friert“, sagt Zoe Walker vom Wissenschaftsteam der „MS Spitsbergen“. 

Überhaupt, wie das Eis entsteht, wie sich Gletscher- von Meereis unterscheidet, und was in den unterschiedlichen Tiefen der Grönlandsee hier in Kangertittivaq alles lebt und überlebt – das Wissenschaftsteam an Bord macht jeden Tag mindestens eine Präsentation dazu.

Citizen Science über dem Polarkreis 

Heleen Middel, Wal-Wissenschaftlerin aus den Niederlanden, etwa referiert über den faszinierenden Grönlandhai, der aussieht wie eine arktische Seekuh, aber deutlich unangenehmeres Verhalten an den Tag legt – und 18 Jahre braucht, um ein Kind auszutragen.

Zoe hat mit Passagieren im „Science Boot“ Wasserproben aus dem arktischen Wasser gezogen, um ein paar Tage später das Plankton zu untersuchen – und weiterzuschicken an Meeresbiologen, die in diesem Bereich forschen. „Citizen Science“ nennt sich das, wenn Bürger mit Daten sammeln, beobachten und dokumentieren und so an wissenschaftlichen Projekten mitwirken. Auf dieser Kreuzfahrt ist dies Teil des Bordprogramms.

Zufällig hat Zoe, Kanadierin aus dem Yukon, ihre Masterarbeit zu Ruderfußkrebsen geschrieben - genau die Art von Unterwassertierchen, die ein paar Tage nach der Probenentnahme unter dem Mikroskop im bordeigenen Science Center landen.

Wie Hummer sehen sie aus, sind aber nur wenige Millimeter groß. Zoe erläutert, wie wichtig sie für das Ökosystem Polarmeer seien, weil sie in der Nahrungskette ganz am Anfang stünden: „Sie wandeln die von Phytoplankton absorbierte Sonnenenergie in Biomasse um, von der wiederum größere Fische und Wale leben.“

Moschusochsen, gelegentlich ein Schneehase

Auf dieser Kreuzfahrt zeigen sich die meisten der großen spektakulären Meeresbewohner aber nicht. Walrosse, Robben, Seehunde und der geheimnisvolle Grönlandhai seien eher im Winter zu sehen, wenn allerdings kein Schiff auf 70 Grad nördlicher Breite fahren könne, sagt Kapitän Sverre Rud. Noch am ehesten Chancen auf Wale habe man während des Trips nahe Island, wo die „MS Spitsbergen“ Richtung Kangertittivaq ablegt - doch dieser eine Seetag ist derart rau, dass die meisten Gäste mit anderem als der Walbeobachtung beschäftigt sind. 

Aber an Land, dem sich die zahlenden Kreuzfahrer in Gummibooten und kleinen Gruppen nähern, zeigen sich Tiere: An Landspitzen und Inseln mit Namen wie Sydkap, Rødepynt, Rypenaes oder Bjørne Øer sichten die Passagiere Moschusochsen, Polarfüchse, gelegentlich einen Schneehasen. Das alles in einer weiten, überraschend farbenfrohen Landschaft: roter Sandstein und grauer Granit, dazu bodennahe Pflanzen, die Anfang September herbstlich leuchten.

„Büsche oder gar Bäume gibt es hier in der Tundra nicht“, sagt Liam, der Umweltwissenschaftler mit Leidenschaft für die Geologie. Die Tundra mit ihrem Permafrostboden erlaube keine tiefen Wurzeln, darum könne keine Pflanze in die Höhe wachsen.

Für die Höhe sind hier ohnehin die Berge zuständig, an Land und im Wasser. Denn die Eisberge in der Grönlandsee können allein über Wasser bis zu 90 Meter aufragen. Eine imposante Kulisse, auch für den Eisbär-Teenager.

Links, Tipps, Praktisches:

Reiseziel: Die Kreuzfahrt führt zum Scoresbysund an der Ostseite Grönlands. Das Fjordsystem liegt bei etwa 70 Grad nördlicher Breite, also nördlich des Polarkreises.

Anreise: Verschiedene Fluggesellschaften fliegen von Deutschland aus direkt nach Reykjavik, wo eingeschifft wird.

Einreise: Touristen aus Deutschland brauchen einen gültigen Reisepass und müssen vor Abreise ein Schiffsmanifest ausfüllen.

Klima: Im Spätsommer und Frühherbst liegen die Temperaturen zwischen 0 und etwa 5 Grad, bei seltenem Sonnenschein kann es auch etwas wärmer werden. Bei Regen und Wind fühlen sich die Temperaturen kühler an.

Kreuzfahrt: Die Kreuzfahrt „Idyllisches Grönland - Expedition zum größten Fjordsystem der Erde“ bietet HX Expeditions nur im deutschen Hochsommer/Frühherbst an. Neun Tage Seereise von/bis Reykjavik kosten ab 6.518 Euro pro Person, ein Anreisepaket mit Flügen und Transfers kann zusätzlich gebucht werden (www.travelhx.com/de-de). Wasserfeste Jacken und Gummistiefel werden an Bord ausgegeben. Bei den Landgängen und Zodiac-Touren sind keine eigenen Schuhe erlaubt, um die empfindliche Natur in der arktischen Tundra zu schützen. Es empfiehlt sich, warme Lagen, Handschuhe, Mütze und eine wasserdichte Hose einzupacken.

Weitere Infos: greenland-travel.de

© dpa-infocom, dpa:260708-930-350236/1


Von dpa
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