Ein Paar streitet, aber einer schweigt - was hilft? | FLZ.de

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Veröffentlicht am 26.10.2026 04:35

Ein Paar streitet, aber einer schweigt - was hilft?

Das große Schweigen: Verbaler Rückzug in der Beziehung kann auch ein Ausdruck von Überforderung und Verletzung sein.  (Foto: Christin Klose/dpa-tmn)
Das große Schweigen: Verbaler Rückzug in der Beziehung kann auch ein Ausdruck von Überforderung und Verletzung sein. (Foto: Christin Klose/dpa-tmn)
Das große Schweigen: Verbaler Rückzug in der Beziehung kann auch ein Ausdruck von Überforderung und Verletzung sein. (Foto: Christin Klose/dpa-tmn)

„Du hast doch was?“ - „Nein“, und dann wird weiter passiv-aggressiv die Küche geputzt. In Streit- oder Konfliktsituationen ziehen sich manche Menschen verbal zurück: Sie schweigen, ignorieren ihr Gegenüber oder vermeiden weitere Gespräche. Fachleute nennen dieses Verhalten auch „Silent Treatment“ (auf Deutsch etwa: Schweigebehandlung).

„Dieses Verhalten kann unterschiedliche Funktionen haben“, sagt die Diplom-Psychologin und Paartherapeutin Sarah Willeke. Und es müsse dabei nicht unbedingt mit einer bewussten bösartigen Absicht verbunden sein. „Das ist mir wichtig zu betonen, da es vermehrt diese einseitige Sichtweise gibt.“

Eine Schutzstrategie aus emotionaler Überforderung

Aus Sicht von Willeke kann der Rückzug eine Schutzstrategie sein: „Eine Reaktion auf emotionale Überforderung, Verletzung oder Hilflosigkeit.“ Die Ursachen seien vielfältig. Erlernte Konfliktmuster aus der Herkunftsfamilie könnten eine Rolle spielen. Manche Menschen wollen so auch die Beziehung schützen.

Vielleicht soll das Schweigen dabei helfen, die benötigte emotionale Distanz wiederzuerlangen oder durch die provozierte Reaktion die Sicherheit der Beziehung zu überprüfen. „Wenn das Verhalten bewusst schädigend eingesetzt wird, steckt meist ein hohes Bedürfnis nach Macht und Kontrolle dahinter“, so Willeke.

Aus der Perspektive des Gegenübers sei das Verhalten immer problematisch, da es einem Verbindungsabbruch gleichkomme. Die Folge: Konflikte blieben ungeklärt, eigene Bedürfnisse unerklärt. Es entstehe Distanz, die die emotionale Sicherheit zumindest zeitweise beeinträchtige.

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Bedürfnis nach Rückzug klar benennen

Aber wie schaffen Paare den Ausweg aus dem festgefahrenen Verhaltensmuster? Schweigen für einen Moment sei keine grundsätzlich schlechte Verhaltensweise, sagt Sarah Willeke. Es helfe, die eigenen Gefühle zu sortieren.

Wichtig ist der Psychologin zufolge aber, dass Paare das gemeinsame Muster und die dahinterliegenden Gefühle anerkennen. Dann würden auch Reaktionen verständlicher. Ziel sei, dass beide verstehen, was in ihnen selbst und beim anderen während und nach einem Konflikt passiert. „Durch Selbstreflexion, Verständnis und Unterstützung kann das Verhaltensmuster durchbrochen werden“, sagt sie.

Eine Kerze, die signalisiert: „Ich kann wieder sprechen“

Ein Weg im Streitfall kann etwa so aussehen: Wer sich zurückziehen möchte, benennt sein Bedürfnis nach Ruhe und vereinbart einen konkreten Zeitpunkt für das Gespräch. Das macht das Verhalten verständlich und berechenbar. 

Vielleicht ist selbst das zu schwierig. Dann schlägt die Paartherapeutin ein anderes klares Zeichen vor, das nach einem Rückzug signalisiert: „Ich bin wieder gesprächsbereit.“ Paare können zum Beispiel vereinbaren, in dem Moment eine Kerze anzuzünden.

Wie Unterstützung aussehen kann

Ist eine Person in der Beziehung eher immer Empfängerin oder Empfänger des Silent Treatments, kann sie unterstützend wirken. „Damit meine ich aber nicht, dass es an ihr liegen sollte, das Verhalten zu verhindern“, betont Sarah Willeke. 

Sie könne aber zum Beispiel Kontaktangebote machen, die es der schweigenden Person leichter machen, aus dem Verhalten auszusteigen. Hilfreich sei zudem, Verständnis für den Rückzug zu zeigen. Dabei sollte aber auch immer klar eine Grenze formuliert werden. Nämlich, dass der Rückzug in Form von Schweigen nicht unendlich lange hingenommen werden kann.

Anders liegt es, wenn Schweigen gezielt eingesetzt wird, um den anderen zu bestrafen, zu kontrollieren oder Bedingungen durchzusetzen. Dann kann es eine Form der emotionalen Manipulation sein. Wenn es die Sicherheit in der Beziehung immer wieder gefährdet, gilt laut Willeke: „Ein solches Verhalten ist psychische Gewalt.“

© dpa-infocom, dpa:261026-930-893168/1


Von dpa
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