Der Krieg, so schrieb der griechische Philosoph Heraklit im 5. Jahrhundert vor Christus, sei der Vater oder König aller Dinge. Nimmt man diesen Ausspruch wörtlich, dann ist auch die Neustädter Kirchenbibliothek geradezu ein Paradebeispiel dafür. Denn: Ohne den Bauernkrieg gäbe es diesen kostbaren Schatz in der heutigen Form ganz gewiss nicht.
Dem Bauernkrieg, der „Revolution des gemeinen Mannes“, gingen mehrere Erhebungen der Untertanen voraus, die dann vor 500 Jahren zur ersten deutschen Revolution von 1525 führten. So hatten beispielsweise im benachbarten Taubertal die sozial-utopischen Predigten eines jungen Viehhirten, Musikanten und Laien-Predigers in Niklashausen die Menschen so sehr begeistert, dass sie zu Tausenden in den Marienwallfahrtsort kamen, um den von ihm verkündeten Utopien einer gerechteren Welt zu lauschen.
Die von Hans Böhm, dem Pfeiferhannes, Pfeiferhänslein oder Henselin im Jahr 1476 formulierten Forderungen nach Reformen, sein Ruf nach sozialer Gleichheit, Aufhebung der Leibeigenschaft, nach Gemeineigentum, seine Kritik an Adel und Klerus ergriffen seine Zuhörer. Sie trafen die Seelenlage des gemeinen Volkes, und nahmen die in den zwölf Artikeln der aufständischen Bauern formulierten Forderungen teilweise vorweg.
Die von Adel und Klerus brutal erstickten Unruhen haben ihren Niederschlag auch in der Neustädter Kirchenbibliothek gefunden. In der Schedelschen Weltchronik von 1493, einem Prachtband der Bibliothek, wird auf die in der Entstehungszeit der Chronik von Hans Böhm verursachten Unruhen in Niklashausen im Taubertal hingewiesen. Ein Holzschnitt zeigt die Hinrichtung zweier Bauern und den Tod des jungen Propheten auf dem Scheiterhaufen.
Dem Bauernkrieg war eine lange Reihe von Aufständen und Widerstandsaktionen in der Schweiz („Bundschuh“), in Flandern, England und Böhmen, im Hegau, der Goldenen Aue („Flegler“), im Südharz oder Elsass vorangegangen. 1502 hatten sich die Bauern im Bistum Speyer erhoben, 1514 die Bauern in der Bewegung des „Armen Konrad“ in Schwaben, 1524 war es im Hochstift Bamberg zu Unruhen gekommen.
Im hiesigen Raum setzte der Aufruhr im März 1525 in der Rothenburger Landwehr ein, dem Territorium der Reichsstadt Rothenburg. Rasch breitete sich der Aufstand in die benachbarten Gebiete aus, Klöster und Schlösser brannten. Adel und Klerus bangten um ihre Existenz.
Dass die Sorge der fünf Riedfelder Mönche und der dortigen Laienbrüder um ihr Kloster nicht unbegründet war, zeigen die gewaltsamen Ereignisse, von denen die Landsitze des Adels und das benachbarte Kloster Birkenfeld betroffen waren: Am 9. Mai war das Schloss Dachsbach niedergebrannt worden, am 13. Mai das Zisterziensernonnen-Kloster Birkenfeld, am 14. Mai Schloss Hohenkottenheim, am 16. Mai Schloss Speckfeld. Noch am selben Tag wurde auch St. Wolfgang in Riedfeld durch die Rotte des Hauptmanns Koberer, dem Wasenmüller von Langenzenn, in Schutt und Asche gelegt.
In den ersten Maitagen hatten die Franziskanerminoriten ihre Bücher und wertvollen liturgischen Gerätschaften aus Vorsicht in das als sicher geltende Neustadt gebracht. Zwar waren die franziskanischen Bettelmönche im Volk nicht so verhasst wie der übrige Klerus, doch ihr Eintreten für die alte Lehre war bei den mit der Reformation sympathisierenden Bauern auf wenig Verständnis gestoßen, und so mussten auch sie um ihr Kloster fürchten.
Die Bibliothek des Klosters, zu der wertvolle Handschriften, Inkunabeln und Messbücher zählten, erhielt einen eigenen Raum im Obergeschoss der Doppelstocksakristei der Hauptkirche St. Leonhard, später St. Johannes, zur vorübergehenden Aufbewahrung zugewiesen, wie Salomon Schnizzer, Neustadts erster Chronist in seiner „Chronica der Statt Neu-statt an der Aysch“ von 1708 schreibt: „Zu dem anvertrauten Depot wurde über der Sakristey unserer Haupt-Kirche zu St. Leonhard ein gewölbtes vestes Zimmer, mit einer eisernen Thür verwahret, einge-räumt und dadurch zur vorläufigen Aufbewahrung unserer dermaligen Kirchen-Bibliothek eingeweyhet und auf immer bestimmt.“
Die Neustädter Geistlichkeit war natürlich zunächst davon ausgegangen, dass nach Ende des Bauernkrieges das Riedfelder Kloster wieder aufgebaut und die Mönche ihren wertvollen Bücherbestand zurückholen würden: „Der Fratrum Minorum Conventus S. Wolfgangi in Rietfeld anvertraute Bücher waren noch lange kein Eigenthum unserer Kirche, da man ihre Wiederkehr und Aufbauung nach hergestellter Ruhe, eher vermuthen als bezweifeln durfte“, schreibt Schnizzer dazu.
Zwischenzeitlich hatte sich jedoch die Situation durch die Einführung der Reformation grundlegend geändert. An einen Wiederaufbau des Klosters war nach dem blutigen Ende des Bauernkrieges nicht mehr zu denken. „Die Folge der Zeit leitete auf ganz andere und wichtigere Gedanken, nämlich zur Verbesserung der Lehre und des Gottesdienstes.“
Außerdem hatten sich die Riedfelder Mönche längst auf Konvente unzerstörter Klöster verteilt, der letzte Klostervorsteher, Guardian P. Johannes Findling, starb 1537. Die Ordensakten erwähnen das zerstörte Kloster Riedfeld letztmals in den Vorbemerkungen zum Nekrologium (Totenverzeichnis) 1528. Dort schreibt Pater Patricius Schlager: „Zuverlässig lesen wir, dass der Riedfelder Convent völlig in Abgang gekommen ist. Denn der Convent zu Riedfeld, wo die Observanten zweifelsohne im Jahre 1459 Fuß fassten, ist im Jahre 1525 im sogenannten Bauernkrieg nach Vertreibung der Brüder zerstört worden.“
Der Aufstand der Bauern scheiterte, doch die Bücher blieben und bildeten den Grundstock der späteren weit über Franken hinaus berühmten Neustädter Kirchenbibliothek. Ganz sicher lassen sich 120 Bände auf das Kloster Riedfeld zurückführen, vermutet werden bis zu 400.
Nach Einführung der Reformation 1528 wanderten auch die bis dahin im Gottesdienst verwendeten Messbücher der Neustädter Hauptkirche, der Hospitalkirche, der Schlosskapelle und der Kapelle St. Michael im Beinhaus des um die Stadtkirche liegenden Friedhofs, dem Kärnter, ebenfalls in das Gewölbe oberhalb der Sakristei, wie Superintendent Georg Matthäus Schnizzer, der Enkel des Stadtchronisten, in seiner „Ersten Anzeige zur Kirchen-Bibliothek“ von 1782 berichtet: „Dadurch erhielt die obgedachte gelehrte Gerümpel-Kammer den erstn Zuwachs von abgeschafften Missalien, Homilien und Ritualien, die aus unsern beeden Kirchen und Kapellen zusammen gerafft und als Brack-Waare unter das übrige Gerümpel geworfen wurden.“
Weiteren Zuwachs erfuhr der Bücherbestand nach der Kirchen-Visitation im Gefolge der Reformation: „Was bey der darauf erfolgten Kirchen-Visitation an Büchern als untauglich und papistisch ausgeworfen worden, relegirte man eben dahin, und lies also das confusum Chaos, unbesorgt, was daraus in Zukunft werden möchte unter Staub und Moder begraben liegen.“
Erst vier Jahrzehnte nach dem Bauernkrieg erinnerte sich Diakon Friedrich Weigel, ein Neustädter Stadtkind, an den wertvollen Bücherbestand und begann diesen zu ordnen und aufzustellen. Ab da an lag die Aufsicht über die Bibliothek bei den Dekanen des Neustädter Kapitels. Viele kümmerten sich vorbildlich um den Bücherschatz und vermehrten ihn, allen voran Superintendent Georg Matthäus Schnizzer im späten 18. Jahrhundert.
Für regelmäßigen Zuwachs sorgte die Verpflichtung der neu ins Kapitel gekommenen Geistlichen, Bücher an die Bibliothek abzugeben. Es gab jedoch auch Kirchenvorsteher, die sich wenig oder gar nicht um die Bibliothek kümmerten. In der Folgezeit gelangten Bücher aus dem ehemaligen Riedfelder Bestand auch in andere Bibliotheken, teils durch Tausch, teils durch Verkauf oder auch als Geschenk. Nachweislich durch entsprechenden Besitzeintrag – pertinet ad monasterium Riethveldense – finden sich heute eine Reihe von Handschriften und Druckwerken in der Staatlichen Bibliothek und dem Gymnasium Carolinum in Ansbach, der Universitätsbibliothek in Erlangen sowie in der Bayerischen Staatsbibliothek in München.
Unter den im Receptaculum der Stadtkirche aufbewahrten Schriften des Reformators Luther findet sich auch die Schrift, die Auskunft gibt über das Scheitern der Revolution von 1525: „Wider die mordischen vnd Reubischen Rotten der Pawren“. Damit nimmt Luther, der anfangs durchaus Sympathie für die Forderungen der Bauern gehabt hatte, den herrschaftlichen Standpunkt ein und fordert ein hartes Durchgreifen: „Drum soll hier zuschmeißen, würgen und stechen, heimlich oder öffentlich, wer da kann, und gedenken, dass nichts Giftigeres, Schädlicheres, Teuflischeres sein kann denn ein aufrührischer Mensch, gleich als wenn man einen Hund totschlagen muss: Schlägst du nicht, so schlägt er dich und ein ganz Land mit dir.“
Auch Lorenz Fries, Verfasser der Würzburger Bischofs-Chronik, teilte diesen Standpunkt. Als Begleiter des Würzburger Bischofs Konrad von Thüngen hatte er die dramatischen Ereignisse des Frühsommers 1525 hautnah miterlebt. Wie Luther findet auch er kein Wort der Kritik oder des Zweifels am Vorgehen der Herrschenden. Im Gegenteil: Als er beschreibt, wie einige tote Bauern von Schweinen angefressen werden, fügt er den Wunsch an, alle aufrührerischen Untertanen sollten dieses Bild als abschreckendes Beispiel mitansehen müssen.
Differenzierter betrachtet Neustadts Stadtchronist Magister Salomon Schnizzer die Revolution von 1525, den „höchstschädlichen Bauernkrieg“. Er verweist auf die hohe Zahl von 100.000 getöteten Bauern, die Zerstörung von 200 Schlössern und 35 Klöstern, allein im Frankenland. Zudem macht er auf die vielen nicht wieder aufgebauten Gebäude („Rudera“) aufmerksam.
Auch wenn er die am Neustädter Marktplatz auf Anweisung von Markgraf Casimir „decollirten“ (geköpften) 18 Personen nicht gerade bedauert, so findet sich bei ihm dennoch ein gewisses Verständnis für das Anliegen der Bauern: „Gott lasse solche Rudera noch vor Augen, sowohl den Regenten, dass sie ihre Unterthanen nicht allzu harten und unbillich beschweren, umb sie zu solcher desperation treiben, als auch die Unterthanen, dass sie allen Aufruhr wider ihre Obrigkeit meiden und sich davor hüten sollen.“