Der Montag hatte auch in den Landkreisen Neustadt/Aisch-Bad Windsheim und Ansbach wahrlich Seltenes zu bieten. Gegen 22 Uhr tanzten am Himmel plötzlich Polarlichter – und zwar so stark, dass sie mit dem bloßen Auge sehr deutlich zu sehen waren. Grün-rote Lichtmalerei. Ein Weltraumwetterphänomen. Über einen außergewöhnlichen Abend.
Montag, 22 Uhr. Im TV flimmert gerade die Handball-EM über den Schirm. Deutschland führt gegen Spanien, da meldet sich plötzlich das Handy. Die Aurora-App (die perfekte Smartphone-Anwendung für Polarlichter) hat eine Push-Nachricht versandt. „Der KP-Wert steigt”, ist zu lesen. Mittlerweile hat dieser den Wert acht erreicht – extrem hoch und selten in unseren Breitengraden. Die Chance, den Lichterzauber zu sehen, liegt laut App bei einem Prozent. Das ist für den Landkreis enorm. Aber trotzdem bleiben diese erdrückenden 99 Prozent, sie nicht zu erblicken. Lohnt es sich da, von der Couch aufzustehen? Eindeutig ja.
Die ersten Sichtungen werden gemeldet. Nürnberg. Fürth. Emskirchen. Und plötzlich ist Neustadt im Monitor knallrot, Diespeck noch ein bisschen röter. Also Mantel an, ab ins Auto. Das Thermometer zeigt knackige minus ein Grad. In Neustadt strampeln schon auffällig viele mit ihrem Rad den Berg hinauf, raus aus dem künstlichen Lichtumfeld, hinein ins Naturerlebnis, zum sternenklaren Nachthimmel. Während andere dafür nach Finnland oder Norwegen reisen, bleiben vom Startpunkt in Neustadt noch genau 4,4 Kilometer bis zum angepeilten Ziel. Den Diespecker Käswasen hoch bis zum jüdischen Friedhof. Der Anhaltepunkt ist schnell gefunden. Und der Standort erweist sich als goldrichtig.
Kaum haben sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt, beginnt das Spektakel. Zuerst leuchtet es rot. Danach tanzen grüne Lichtgebilde über dem Kopf, wie im hohen Norden. Die einprozentige Polarlicht-Chance hat tatsächlich gesiegt. Immer wieder leuchten sie auf – und zwei Sekunden später sind sie wie ausgeknipst. Dazwischen bilden sich regelrechte Licht-Portale gen Erde.
So geht das eine Stunde lang – mit mal mehr, mal weniger Farbeffekt. Dazwischen gesellt sich die eine oder andere Sternschnuppe und sogar Elon Musks Starlink-Satelliten sind am Himmel wie an der Perlenkette aufgefädelt zu erkennen. Mittlerweile sind die Füße eingefroren, das Gras im Graben glitzert. Minus drei Grad.
Doch so richtig nördlich fühlt sich das Diespeck-Ambiente trotz der Kälte noch nicht an. Also ab ins Auto, ein Stückchen weiter in den Osten – nach Gottesgab, ins ewige Eis. In der Tat sind die Weiher dort noch tiefgefroren. Lichter spiegeln sich auf den glatten Oberflächen. Mittlerweile ist die Geisterstunde nicht mehr allzu fern: 23.30 Uhr.
Zwar hat die Lichtintensität nachgelassen, aber das eine oder andere Polarlicht schimmert noch leicht auf der gläsernen Weiheroberfläche. So fühlt er sich also an, der Skandinavien-Urlaub im Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim. Doch irgendwann ist der Zauber so schnell vorbei, wie er begonnen hatte. Also Rückzug.
Zurück im trauten Heim, sind die Sozialen Medien mittlerweile voll mit mal mehr, mal weniger guten Lichter-Fotos. Auch in Feuchtwangen beispielsweise hatte sich der Himmel bunt gefärbt. Und beim Blick auf die Nachrichtenseiten wird klar: Wir wurden Zeugen eines historischen Tages im Bereich des Weltraumwetters. Der erste schwere Strahlungssturm in diesem Sonnenzyklus hat diese Polarlichter ausgelöst. Nicht gänzlich ungefährlich, denn diese starke magnetische Strahlung, die für das Himmelsphänomen verantwortlich zeichnet, kann für ordentlich Chaos sorgen, weil sie beispielsweise Radar-Geräte massiv stören kann.
Auf den Experten-Seiten mit dem Nerdwissen werden derweil schon die blanken Zahlen analysiert. „Der Protonenfluss hat inzwischen 30.000 PFU überschritten”, steht dort. Physikalisches Fachchinesisch. Der Satz danach allerdings bleibt hängen: „Damit zählt dieses Ereignis zu den stärksten jemals gemessenen Strahlungsstürmen und übertrifft sogar das bekannte Ereignis vom Oktober 2023.” Polarlichter bis an den Alpenrand hält das Internet für realistisch. Der kleine Nordlicht-Ausflug hat sich also mehr als gelohnt. Denn der 19. Januar 2026 wird damit in die Geschichtsbücher eingehen. Und wir waren dabei.