Die Bundeswehr übt wieder mit Kampfjets knapp über dem Boden in Westmittelfranken. Seit dem 27. November ist das militärische Tieffluggebiet LFA 7 erneut aktiviert. Daran gibt es Kritik. Aber es gibt auch viele Stimmen, die sagen, früher habe das schließlich auch nicht groß gestört. Grund für eine Rückschau.
Es war in den 1970er- und 1980er-Jahren: Kinder weigern sich, im Freien zu spielen, Schüler erhalten bei Prüfungen mehr Zeit, Pfarrer unterbrechen Beerdigungen, weil Militärjets Krieg üben. Der Ansbacher Dieter Beyer (77) lebte damals in Altentrüdingen. Gemeinsam mit vielen anderen engagierte er sich im „Bürgerprotest gegen Tiefflieger in der Area 7 e.V“. „Es war schlimm, nicht nur, aber besonders für Kinder, es gab viele Klagen aus Kindergärten, alle hatten immer Angst vor dem überfallartigen Lärm“, erinnert er sich.
Im Rahmen einer bundesweiten Aktion gegen den zunehmenden Tieffluglärm riefen acht regionale Initiativen Anfang Juni 1985 zu einer großen Kundgebung auf den Hesselberg. Den Aufruf unterstützen Hausfrauen, Kindergärtnerinnen, Lehrerinnen, Pfarrer, Ärztinnen, Apotheker, Rechtsanwälte, Naturschützer, Stadträte, Bürgermeister.
Als der Widerstand aus der Bevölkerung gegen die permanenten militärischen Tiefflugübungen immer stärker wurde, gründeten Kommunalpolitiker aus den Landkreisen Ansbach sowie Weißenburg-Gunzenhausen im Juli 1986 während des Kalten Krieges die „Interessengemeinschaft zur Minderung des Tieffluglärms in der Area 7“. Zu ihrem Sprecher wählten sie den Dinkelsbühler CSU-Bürgermeister Dr. Jürgen Walchshöfer.
Im Mai 1989 – der Protest war bislang erfolglos geblieben – kündigte Dr. Walchshöfer in einem Interview mit der FLZ eine Unterschriftenaktion „gegen den Tiefflug“ in Dinkelsbühl an – „ohne irgendwelche parteipolitischen oder Fraktions-Grenzen“. Das Motto: „Dinkelsbühl wehrt sich gegen den Tieffluglärm – 25 Jahre Belästigung und Gefährdung sind genug“. Die Forderung: „Schluss mit den Tiefflugübungen über bewohntem Gebiet“.
Der „Bürgerprotest“ sammelt derweil Berichte von Eltern, fragt in Kindergärten nach, stellt Anfragen an Politiker, verfasst Eingaben an den Bundestag, weist auf die gesundheitlichen Folgen des Tieffluglärms hin. Unter anderem meldet sich Dr. Karl-Gerd Danner, praktischer Arzt in Mönchsroth, zu Wort. „Besonders beeindruckend und erschütternd sind Beobachtungen, die ich bei Kleinkindern von zugezogenen Neubürgern in unserer Region machen musste. So wurde mir vor Kurzem ein 2,5-jähriger völlig verängstigter Junge vorgestellt, der nach einem überfallartigen Tiefstflugereignis beim Spiel im Garten nicht mehr zu beruhigen war. Er hat länger als 20 Minuten geweint, war tagelang nicht mehr dazu zu bewegen, das Haus zu verlassen.“
Der immer stärker werdende Protest gegen den militärischen Tiefflug ist 1990 Thema im Bonner Bundeskanzleramt. Horst Teltschik, der wichtigste außen- und sicherheitspolitische Berater von Kanzler Helmut Kohl (CDU), erwähnt in seinem Tagebuch „Die 329 Tage zur deutschen Einigung“ dreimal den Tiefflug: Am 2. Juli 1990 sind die damit verbundenen Probleme Thema in einer Runde mit Kohl und Verteidigungsminister Gerhard Stoltenberg.
Am 22. August bittet Kohl US-Präsident Bush, darauf hinzuwirken, dass in der Frage der Tiefflüge ein Einvernehmen zwischen beiden Verteidigungsministern möglich werde. Bush sagt dies zu. Am 6. September bitten die Briten, weiter in der BRD Tiefflug üben zu dürfen. Der Grund: die Golfkrise und damit der bevorstehende Irak-Krieg.
Der Fall des Eisernen Vorhangs, die Auflösung des Warschauer Pakts, das politische Tauwetter zwischen den Großmächten USA und Sowjetunion und damit verbunden die Abrüstung in Europa sorgen in den 1990ern dafür, dass der militärische Tiefflug an Bedeutung verliert. Im Jahr 2000 wurden die Tieffluggebiete in Deutschland schließlich deaktiviert.
Der Tiefflug forderte allein in der Area 7 sechs Tote. Zwei Piloten überlebten verletzt, und es gab hohen Sachschaden. Zudem kam es zu einigen gefährlichen Ereignissen. Eine Übersicht:
Die Bundeswehr nennt für die Deaktivierung im Jahr 2000 zwei Gründe: „Erstens reduzierte die Bundeswehr nach dem Kalten Krieg ihren Flugbetrieb. Tiefflug bekam strengere Regeln und geringere Priorität. Zweitens verlagerte sich der Fokus auf Einsätze wie in Afghanistan. Dort hatten die eigenen Kräfte die Luftüberlegenheit und flogen meist in mittlerer Höhe, wo die Crews vor tragbaren Flugabwehrwaffen sicherer waren. Tiefflug spielte in diesen Einsätzen kaum eine Rolle.“
Warum trainiert die Luftwaffe nun wieder Tiefflug bis hinunter auf rund 75 Meter über dem Erdboden? Die sicherheitspolitische Lage habe sich verändert, so die Begründung. „Die Bundeswehr richtet ihren Fokus wieder auf Landes- und Bündnisverteidigung. Dafür braucht die Luftwaffe Besatzungen, die Einsätze im Tiefflug sicher beherrschen. Der Tiefflug ist notwendig, um unter dem Radar der gegnerischen Flugabwehr zu bleiben und Ziele im Gelände anzufliegen. Das klappt nur, wenn die Crews den Tiefflug regelmäßig üben“, ist unter dem Datum 27. November 2025 über die neuen Regeln zu lesen.
Simulatoren ersetzten vieles, aber nicht alles. Die Besatzungen der Jets müssten Geräte, Verfahren, Belastung und Gelände real und nicht nur virtuell erleben. „Die Bundeswehr bereitet sich wieder auf Konflikte mit modern ausgestatteten Gegnern vor“, heißt es weiter. Nur dann könne sie mögliche Angreifer wirksam abschrecken.
Wissenschaftler haben für den Bundestag die Auswirkungen von Fluglärm im Januar 2025 untersucht. Ein Arzt aus Mönchsroth im Landkreis Ansbach warnte schon in den 1980er Jahren vor den Gefahren, vor allem für Kinder.
Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks entstanden in der Bundesrepublik 1990 sieben Tieffluggebiete, in denen Flughöhen bis 75 Meter erlaubt sind.