Bürgerprotest gegen Fluglärm landet beim Bundeskanzler und im Weißen Haus | FLZ.de

foobarious
arrow_back_rounded
Lesefortschritt

Bürgerprotest gegen Fluglärm landet beim Bundeskanzler und im Weißen Haus

Der Protest gegen den Tieffluglärm ging quer durch alle Altersgruppen. (Archivbild: Sebastian Haberl)
Der Protest gegen den Tieffluglärm ging quer durch alle Altersgruppen. (Archivbild: Sebastian Haberl)
Der Protest gegen den Tieffluglärm ging quer durch alle Altersgruppen. (Archivbild: Sebastian Haberl)

Die Bundeswehr übt wieder mit Kampfjets knapp über dem Boden in Westmittelfranken. Seit dem 27. November ist das militärische Tieffluggebiet LFA 7 erneut aktiviert. Daran gibt es Kritik. Aber es gibt auch viele Stimmen, die sagen, früher habe das schließlich auch nicht groß gestört. Grund für eine Rückschau.

Es war in den 1970er- und 1980er-Jahren: Kinder weigern sich, im Freien zu spielen, Schüler erhalten bei Prüfungen mehr Zeit, Pfarrer unterbrechen Beerdigungen, weil Militärjets Krieg üben. Der Ansbacher Dieter Beyer (77) lebte damals in Altentrüdingen. Gemeinsam mit vielen anderen engagierte er sich im „Bürgerprotest gegen Tiefflieger in der Area 7 e.V“. „Es war schlimm, nicht nur, aber besonders für Kinder, es gab viele Klagen aus Kindergärten, alle hatten immer Angst vor dem überfallartigen Lärm“, erinnert er sich.

Kommunalpolitiker gründen Interessengemeinschaft

Im Rahmen einer bundesweiten Aktion gegen den zunehmenden Tieffluglärm riefen acht regionale Initiativen Anfang Juni 1985 zu einer großen Kundgebung auf den Hesselberg. Den Aufruf unterstützen Hausfrauen, Kindergärtnerinnen, Lehrerinnen, Pfarrer, Ärztinnen, Apotheker, Rechtsanwälte, Naturschützer, Stadträte, Bürgermeister.

„Es reicht“: Ein Plakat von vielen damals in den Dörfern rund um den Hesselberg. (Archivbild: Sebastian Haberl)
„Es reicht“: Ein Plakat von vielen damals in den Dörfern rund um den Hesselberg. (Archivbild: Sebastian Haberl)

Tiefflüge in der Area 7 wieder erlaubt: Initiative entsetzt über neuen Fluglärm

Militärmaschinen dürfen in nur 75 Metern Höhe fliegen. Bürger in den Landkreisen Ansbach und Weißenburg-Gunzenhausen fürchten Lärm, Abgase und Abstürze.

Als der Widerstand aus der Bevölkerung gegen die permanenten militärischen Tiefflugübungen immer stärker wurde, gründeten Kommunalpolitiker aus den Landkreisen Ansbach sowie Weißenburg-Gunzenhausen im Juli 1986 während des Kalten Krieges die „Interessengemeinschaft zur Minderung des Tieffluglärms in der Area 7“. Zu ihrem Sprecher wählten sie den Dinkelsbühler CSU-Bürgermeister Dr. Jürgen Walchshöfer.

„Schluss mit den Tiefflugübungen über bewohntem Gebiet“

Im Mai 1989 – der Protest war bislang erfolglos geblieben – kündigte Dr. Walchshöfer in einem Interview mit der FLZ eine Unterschriftenaktion „gegen den Tiefflug“ in Dinkelsbühl an – „ohne irgendwelche parteipolitischen oder Fraktions-Grenzen“. Das Motto: „Dinkelsbühl wehrt sich gegen den Tieffluglärm – 25 Jahre Belästigung und Gefährdung sind genug“. Die Forderung: „Schluss mit den Tiefflugübungen über bewohntem Gebiet“.

Der „Bürgerprotest“ sammelt derweil Berichte von Eltern, fragt in Kindergärten nach, stellt Anfragen an Politiker, verfasst Eingaben an den Bundestag, weist auf die gesundheitlichen Folgen des Tieffluglärms hin. Unter anderem meldet sich Dr. Karl-Gerd Danner, praktischer Arzt in Mönchsroth, zu Wort. „Besonders beeindruckend und erschütternd sind Beobachtungen, die ich bei Kleinkindern von zugezogenen Neubürgern in unserer Region machen musste. So wurde mir vor Kurzem ein 2,5-jähriger völlig verängstigter Junge vorgestellt, der nach einem überfallartigen Tiefstflugereignis beim Spiel im Garten nicht mehr zu beruhigen war. Er hat länger als 20 Minuten geweint, war tagelang nicht mehr dazu zu bewegen, das Haus zu verlassen.“

Kanzler Helmut Kohl wendet sich an US-Präsident George Bush

Der immer stärker werdende Protest gegen den militärischen Tiefflug ist 1990 Thema im Bonner Bundeskanzleramt. Horst Teltschik, der wichtigste außen- und sicherheitspolitische Berater von Kanzler Helmut Kohl (CDU), erwähnt in seinem Tagebuch „Die 329 Tage zur deutschen Einigung“ dreimal den Tiefflug: Am 2. Juli 1990 sind die damit verbundenen Probleme Thema in einer Runde mit Kohl und Verteidigungsminister Gerhard Stoltenberg.

Am 22. August bittet Kohl US-Präsident Bush, darauf hinzuwirken, dass in der Frage der Tiefflüge ein Einvernehmen zwischen beiden Verteidigungsministern möglich werde. Bush sagt dies zu. Am 6. September bitten die Briten, weiter in der BRD Tiefflug üben zu dürfen. Der Grund: die Golfkrise und damit der bevorstehende Irak-Krieg.

Der Fall des Eisernen Vorhangs, die Auflösung des Warschauer Pakts, das politische Tauwetter zwischen den Großmächten USA und Sowjetunion und damit verbunden die Abrüstung in Europa sorgen in den 1990ern dafür, dass der militärische Tiefflug an Bedeutung verliert. Im Jahr 2000 wurden die Tieffluggebiete in Deutschland schließlich deaktiviert.

Tiefflug in der Area 7

Tote und Verletzte

Der Tiefflug forderte allein in der Area 7 sechs Tote. Zwei Piloten überlebten verletzt, und es gab hohen Sachschaden. Zudem kam es zu einigen gefährlichen Ereignissen. Eine Übersicht:

  • 3.9.1980 bei Crailsheim (beide Piloten tot)
  • 23.3.1981 US-Phantom rast gegen den Hesselberg, 200 Meter unter dem Gipfel (beide Piloten tot)
  • 12.5.1983 US-F16 stürzt bei Kirchberg/Jagst ab (Pilot stirbt)
  • 22.4.1992 US-F16 stürzt bei Rosenberg (Ostalbkreis) ab (Pilot stirbt)
  • 19.1.1993 Bundeswehr-Tornado bohrt sich nahe der Schmalzmühle bei Gerolfingen in den Boden. Der Pilot wird schwer, der Copilot leicht verletzt. Das Verfahren wird wegen geringer Schuld eingestellt, der Pilot muss 5000 Mark an die Staatskasse zahlen. Als Hauptunfallursache gilt ein zu steiler Anstellwinkel der Tragflächen. Der Pilot hatte den Auftrag, in einem Luftkampf die Rolle des Angreifers zu übernehmen.
  • 12.11. 1983 Überschallknall über Feuchtwangen, viele Fensterscheiben gehen zu Bruch, Dächer werden teilweise abgedeckt.
  • 26.6.1985 Geilsheim bei Wassertrüdingen, zwei Zusatztanks einer Phantom stürzen aufs freie Feld
  • 7.7. 1985 150 Gramm schweres Flugzeugteil fällt einen Meter neben einer Bäuerin bei Wieseth auf den Boden
  • Zwischen 23. und 27.9. 1985 ein Kilogramm schweres Teil einer Phantom F-4 stürzt bei Haundorf in einen Maisacker.

Die Bundeswehr nennt für die Deaktivierung im Jahr 2000 zwei Gründe: „Erstens reduzierte die Bundeswehr nach dem Kalten Krieg ihren Flugbetrieb. Tiefflug bekam strengere Regeln und geringere Priorität. Zweitens verlagerte sich der Fokus auf Einsätze wie in Afghanistan. Dort hatten die eigenen Kräfte die Luftüberlegenheit und flogen meist in mittlerer Höhe, wo die Crews vor tragbaren Flugabwehrwaffen sicherer waren. Tiefflug spielte in diesen Einsätzen kaum eine Rolle.“

Die veränderte Lage führt zu einem neuen Fokus

Warum trainiert die Luftwaffe nun wieder Tiefflug bis hinunter auf rund 75 Meter über dem Erdboden? Die sicherheitspolitische Lage habe sich verändert, so die Begründung. „Die Bundeswehr richtet ihren Fokus wieder auf Landes- und Bündnisverteidigung. Dafür braucht die Luftwaffe Besatzungen, die Einsätze im Tiefflug sicher beherrschen. Der Tiefflug ist notwendig, um unter dem Radar der gegnerischen Flugabwehr zu bleiben und Ziele im Gelände anzufliegen. Das klappt nur, wenn die Crews den Tiefflug regelmäßig üben“, ist unter dem Datum 27. November 2025 über die neuen Regeln zu lesen.

Simulatoren ersetzten vieles, aber nicht alles. Die Besatzungen der Jets müssten Geräte, Verfahren, Belastung und Gelände real und nicht nur virtuell erleben. „Die Bundeswehr bereitet sich wieder auf Konflikte mit modern ausgestatteten Gegnern vor“, heißt es weiter. Nur dann könne sie mögliche Angreifer wirksam abschrecken.

Wissenschaftler haben für den Bundestag die Auswirkungen von Fluglärm im Januar 2025 untersucht. Ein Arzt aus Mönchsroth im Landkreis Ansbach warnte schon in den 1980er Jahren vor den Gefahren, vor allem für Kinder.

Regeln für die Flüge

„Die Route wechselt täglich”

Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks entstanden in der Bundesrepublik 1990 sieben Tieffluggebiete, in denen Flughöhen bis 75 Meter erlaubt sind.

  • Die Stadt Ansbach markiert in etwa die nördliche Grenze der Area 7. Im Süden bildet Donauwörth den Abschluss. Die Militärmaschinen dürfen bis auf etwa 75 Meter über Grund heruntergehen. Die Crews können zwischen 9 und 12.30 Uhr sowie zwischen 13.30 und 17 Uhr trainieren.
  • „Sie planen ihre An- und Abflugrouten so, dass sie Städte, Industrieanlagen und Naturschutzflächen meiden, wenn der Auftrag das zulässt. Die Routen wechseln täglich, damit sich die Belastung verteilt“, lautet eine weitere Regel. Das „Abtauchen“ auf 75 Meter ist für maximal zwei Minuten erlaubt.
  • Das Tieffluggebiet dürfen nur Kampfjets der Bundeswehr nutzen. Außerhalb von Tieffluggebieten fliegen die Kampfflugzeuge mindestens in rund 152 Metern Höhe über Grund.
  • Die Bundeswehr versichert, dass die Reaktivierung der Tieffluggebiete keine Auswirkungen auf bestehende regionale oder kommunale Flächenplanungen für Windenergie hat. Laufende oder abgeschlossene Verfahren für Windräder sollen unberührt bleiben.
  • Für künftige Windräder werden die Auswirkungen „als sehr gering eingeschätzt“. Pauschale Vorhersagen seien jedoch nicht möglich. Das Bundesamt für Infrastruktur, Umweltschutz und Dienstleistungen der Bundeswehr werde bei Vorhaben beteiligt und prüfe jeden Einzelfall.


Von Sebastian Haberl
north